Preisgekrönt und viel bereist: Dr. Stefan Hielscher (Foto: Michael Deutsch)

Preisgekrönt und viel bereist: Dr. Stefan Hielscher (Foto: Michael Deutsch)

Kurswechsel bei Entwicklungshilfe

Alles beginnt mit einer Frage. Auch bei Wirtschaftsethiker Dr. Stefan Hielscher. Also fragt er: „Warum sollten Unternehmen wohl Gewinne machen?“ Hmm, weil das ihr Anreiz ist? Der Antrieb überhaupt in der Marktwirtschaft? Der 34-Jährige lächelt. Klar, es kommt auf die Sichtweise an, auch und gerade für einen Wirtschaftsethiker. „Gewinne“, sagt Hielscher, „spornen ein Unternehmen an, durch Produkte gesellschaftliche Probleme zu lösen. Das wiederum spornt andere Unternehmen an, noch mehr gesellschaftliche Probleme in Angriff zu nehmen.“ Das Beste, was passieren kann, ist eine Kettenreaktion – ja quasi ein Wettlauf, bei dem alle schneller laufen und letztlich alle zum Sieger werden – auch die Gesellschaft.

Das klingt alles toll. Doch eigentlich wollen wir über die Preisverleihungen reden? Dr. Stefan Hielscher, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschaftsethik, hat dieses Jahr für seine Dissertation zum Thema „Kooperation statt Hilfe: Ein ordonomischer Beitrag zur Theorie der Entwicklungspolitik“ sowohl den begehrten Kantorovic-Preis als auch den Dorothea-Erxleben-Preis erhalten. Zudem wurde er mit dem „Best Paper Award 2011“ des Wirtschaftswissenschaftlichen Bereichs ausgezeichnet. Kurz: Der Wirtschaftswissenschaftler steht in der Hitliste der Preisverleihungen 2011 an der MLU an erster Stelle.

Und genau an diesem Punkt, verweist Hielscher auf die Ausgangsfrage. „Es geht nicht darum, dass ein einzelner tolle Preise gewinnt.“ Es gehe um den Prozess. Vielmehr seien Preise ein Anreiz für viele, neugierig zu fragen, zu forschen, um insgesamt ein besseres Verständnis für gesellschaftliche Zusammenhänge zu entwickeln. Drängend und ernst sind die Probleme allemal, mit denen sich Hielscher in seiner mehrfach prämierten Dissertation beschäftigt. Dazu widmet er sich einem altbekannten Problem zu, nämlich dem, wie die moderne Gesellschaft die Armut in Entwicklungsländern bekämpfen kann. „Nur Geld zu überweisen ist zwar beruhigend, hat aber in der Vergangenheit nicht funktioniert. Wir brauchen also ein neues Gedankenmodell“, sagt der Wirtschaftsethiker, der aufgrund vielfacher Auslandsaufenthalte hervorragend Englisch, Italienisch, Spanisch und passabel Französisch und Russisch spricht.

Und sein Modell verlangt ein Umdenken, durchaus radikaler Art. „Zunächst müssen wir uns im Klaren sein, wofür wir diese Länder überhaupt brauchen? Und wir brauchen sie! Etwa beim Klima- und Umweltschutz, im Kampf gegen Terrorismus und zur Prävention von Krankheiten.“ Diese Aufgabenkreise lassen sich alle unter dem Begriff der globalen öffentlichen Güter zusammenfassen. Die Einsicht müsse lauten: Nur mit einer Kooperation kann man die Armut in den Entwicklungsländern austreiben. Blauäugig auf Zusammenarbeit hoffen, könne man jedoch nicht. Hilfe, sagt Hielscher, müsse an Bedingungen geknüpft sein. Dabei gehe es um Garantien, dass das Geld dort ankommt, wo es gebraucht wird. Also müsse höherer Druck auf die vorherrschenden – ja oft korrupten – Machtstrukturen in den Entwicklungsländern ausgeübt werden, so der gebürtige Chemnitzer.

Gewagte Thesen oder wirtschaftspolitischer Kurswechsel: Stefan Hielscher, der momentan an der Uni Halle habilitiert, ist mittlerweile nicht nur ein viel gereister und bepreister Mann, sondern mit seinen Ideen auch ein gefragter Referent. Erst kürzlich weilte er in den USA als Kongressteilnehmer der „Academy of Management“ in San Antonio (Texas). Von wegen Kongressteilnehmer. Die internationalen Tagungs-Gäste haben dem Vortrag von Mr. Dr. Stefan Hielscher aus Halle neugierig zugehört.

Text: Michael Deutsch

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Kommentare [ 1 ]

1 Volker Seitz schrieb am 30.09.2011 um 10:03

In großen Teilen Afrikas spiegeln sich die Krankheitssymptome der Gesellschaft wider:Öffentliches Geld wird zu Privatvermögen, keine gerechten Steuersysteme, Justiz als Machtmittel, um die in den Verfassungen festgeschriebenen Rechte der Volksvertretungen schert sich kaum eine Regierung. Die Parlamente haben eine subalterne Rolle im Regierungssystem. Gesetzesvorlagen werden willig registriert, die Exekutive muss keine Rechenschaft ablegen. Unser politisches Ansinnen in Afrika die Demokratie zu fördern fällt unter das Verdikt des bösen Kolonialismus. Geberländer tun den normalen Afrikanern keinen Gefallen, wenn sie die Autokraten, die zwar auf Hilfsgelder erpicht sind, aber ihre Gewohnheiten keineswegs zu ändern beabsichtigen, immer stärker gewähren lassen. Immer mehr Menschen fliehen unter unwürdigen Bedingungen nach Europa weil sie mitunter unwürdigen Bedingungen nach Europa weil sie mit ansehen, dass niemand betraft wird, weder für Korruption, Menschenrechtsverletzungen noch für das totale Herunterwirtschaften des Landes während der letzten Jahrzehnte. Sie sehen in ihren Ländern keine positive Entwicklung mehr. Der Unmut über die moralische Verwahrlosung der Politiker könnte bald in eine Vertrauenskrise des politischen Systems umschlagen. Der Kontrast zwischen der täglich im Fernsehen idealisierten westlichen Welt und der eigenen Ausweglosigkeit hat bei Jugendlichen große Sprengkraft. Volker Seitz, Autor "Afrika wird armregiert"

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