Während ihrer Ausbildung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg geht es oft zu wie im Hühnerstall: Felix Semmler und Konrad Sterz. (Fotos: Maike Glöckner)

Während ihrer Ausbildung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg geht es oft zu wie im Hühnerstall: Felix Semmler und Konrad Sterz. (Fotos: Maike Glöckner)

Danach kräht der Hahn

Zwei grundverschiedene junge Männer: einer aus der Stadt, einer vom Lande. Beide absolvieren an der Martin-Luther-Universität dieselbe ungewöhnliche Ausbildung: Im nutztierwissenschaftlichen Zentrum (NWZ) in Merbitz nördlich Halles lernen sie Landwirt – Fachrichtung Geflügelwirt. Dabei misten sie nicht nur aus. Sie eignen sich alles übers Federvieh an. Und sie haben bereits ganz unterschiedliche Einstellungen zu ihrem künftigen Beruf entwickelt.

Viele würden alles für einen Broiler tun, wenn sie hungrig sind. Der 24-jährige Felix Semmler und der 19-jährige Konrad Sterz machen das auch ohne Hunger. Von Berufs wegen kümmern sie sich um die Masthühner, Legehennen, Puten und Wachteln. Als angehende Geflügelwirte lernen Stadtmensch Semmler und Landmensch Sterz aber, was sie alles fürs Federvieh tun müssen, damit am Ende hochwertige „Geflügelprodukte“ den Stall verlassen.

Die dafür nötigen Fähigkeiten beschränken sich keineswegs auf das Füttern und Stallausmisten. An der Berufsschule nebenan erwerben Semmler und Sterz theoretische Kenntnisse zur Züchtung oder den Tierschutzgesetzen. Von der Vermarktung der verschiedenen Geflügelprodukte können sie am Ende ihrer dreijährigen Ausbildung ebenfalls jedem ein Liedchen singen, der morgens ein Ei isst und abends in die Federn springt.

Ausbilder Olaf Hödel schaut der Pute auf die Flügel, seine Azubis schauen ihm über die Schulter. Flügelbruch ist ein typisches Problem bei den bis zu 50 Kilogramm schweren Putenhähnen der Rasse “Big 6″. (Foto: Maike Glöckner)

Doch auch an der Uni steht die Fleischproduktion im Mittelpunkt der Ausbildung zum Geflügelwirt. In Versuchen wird am NWZ Merbitz etwa erforscht, mit welchen Futtermitteln oder Zusatzstoffen sich ein schnellerer Masterfolg erzielen lässt. Ausbilder Olaf Hödel sagt: „Ein Geflügelwirt-Azubi sollte sich für Geflügel interessieren, ein Vegetarier sollte er vielleicht nicht unbedingt sein.“ Semmler und Sterz sind keine Vegetarier. Die gute berufliche Perspektive hat ihr Interesse für die gefiederten Zweibeiner wesentlich beflügelt: Große Firmen suchen ständig gut ausgebildete Geflügelwirte.

Wer nun darüber brütet, selbst Geflügelwirt zu werden: Die Azubis Semmler und Sterz müssen auch die unschöne Seite des Berufs bewältigen. Ausbilder Hödel erklärt: „Zur Aufgabe eines Tierwirts gehört auch die Tötung nach gesetzlichen Vorgaben, wenn sie unumgänglich ist.“ Aus diesem Grund sei sie auch Prüfungsthema.

Die Azubis haben sich damit arrangiert, aber im Schlachthof wollen beide später nicht arbeiten. Vor allem für Semmler, den Stadtmenschen aus Hildesheim, ist das ein Tabu: „Ich kann kein Blut sehen.“ Sterz, der um die Ecke aufwuchs, ist da weniger empfindlich: „Ich bin vielleicht ein bisschen abgestumpfter. Ich hatte zu Hause auch schon geschlachtet.“

Von ihren Einstellungen zur Geflügelhaltung kann man ebenfalls nicht sagen, sie würden sich gleichen wie ein Ei dem anderen. Sterz meint: „Die Leute denken bei einer großen Anzahl von Tieren sofort, das ist schlecht. Aber, wenn genug Platz vorhanden ist, ist das in Ordnung.“

Semmler ist nicht ganz einverstanden: „Optimal wäre für die Tiere aber eine natürliche Haltung und da gibt es keine Gruppen von mehr als vielleicht sieben Tieren.“ Er plädiert dafür, weniger Fleisch zu kaufen und mehr dafür auszugeben. So macht er es nach den Erfahrungen in seiner Ausbildung selbst: „Ich kaufe Bio seitdem, ernähre mich bewusster.“

Text: Thomas Liersch

 

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