Das private Fotoalbum, das in New York auftauchte, enthält Fotos von der Ostfront im 2. Weltkrieg (Quelle: privat, via New York Times LensBlog)

Das private Fotoalbum, das in New York auftauchte, enthält Fotos von der Ostfront im Zweiten Weltkrieg (Quelle: privat, via New York Times LensBlog)

Auf der Spur der Nazi-Fotografen

Der Propagandaapparat der Nationalsozialisten funktionierte erschreckend gut. Die dafür arbeitenden Fotografen trugen einen entscheidenden Teil dazu bei. Harriet Scharnberg untersucht in ihrer Promotion die Aufnahmen der Propagandakompanien der Wehrmacht. Nebenbei gab sie der New York Times und dem Besitzer eines rätselhaften Nazi-Fotoalbums einen entscheidenden Tipp – und sorgte so für mediales Aufsehen.

Seit 2005 schreibt Harriet Scharnberg an der Martin-Luther-Universität am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte bei Professor Manfred Hettling an Ihrer Promotion mit dem Titel: „Propagandabilder. Judenfeindliche Pressefotos 1938-1943: Die Propagandakompanien und die illustrierte Presse“. „Die Kriegspropaganda setzt 1938 ein. In dieser Zeit wurden zum einen die ersten Propagandakompanien aufgestellt. Zum anderen war die Reichskristallnacht im November 1938 Anlass für die erste antisemitische Großkampagne in der deutschen Presse“, so Scharnberg. Seit Herbst 1941 setzte die fotografische Darstellung von Juden in der Presse aus. 1943 hatten die Kompanien ihre Hochzeit überschritten und wurden umstrukturiert. „Ihre Hauptaufgabe lag nicht mehr in der Berichterstattung, sondern in der Aktivpropaganda – also in der Propaganda gegen den militärischen Feind“, so die Wissenschaftlerin.

Die 35-Jährige lebt und arbeitet in Hamburg, wo sie auch bis 2004 Geschichtswissenschaft und Politik studierte. „Allerdings hat mich das Thema schon wesentlich früher beschäftigt“, sagt sie. Bereits 1997 kam sie damit in Kontakt, als sie in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme als studentische Hilfskraft im Fotoarchiv zu arbeiten begann. Es folgte ein Semester in Polen. Nach ihrer Rückkehr arbeitete sie dann als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hamburger Institut für Sozialforschung an der zweiten Wehrmachtsausstellung mit. In ihrer Magisterarbeit beschäftigte sie sich mit der Darstellung des Warschauer Ghettos in Fotografien deutscher Soldaten.

Des Rätsels Lösung während der Mittagspause

Bei vielen ihrer Recherchen ist die Dokotrandin so mit Bildern in Kontakt gekommen, die für ihre direkte Arbeit zwar kaum von Belang waren, ihr aber dennoch in Erinnerung geblieben sind. Ein Beispiel dafür ist ein Fotobuch, das in diesem Jahr für Aufsehen sorgte (und das jetzt versteigert wird).

Am 21. Juni 2011 veröffentlichte die New York Times und die Spiegel-Online-Seite einestages Bilder von der Ostfront im Zweiten Weltkrieg, welche von einem unbekannten Fotografen aufgenommen wurden und als Fotobuch in den Händen eines Geschäftsmanns aus New Jersey wieder auftauchten. Die Journalisten baten ihre Leser um Mithilfe bei der Suche nach dem unbekannten Fotografen.

Die Hamburgerin löste das Rätsel während ihrer Mittagspause. „Mir war sofort klar, wer der unbekannte Fotograf war“, erinnert sie sich. Und so schrieb sie bereits einige Stunden nach der Veröffentlichung auf Spiegel Online: „Der Fotograf der Bilder ist Franz Krieger.“ Hinweise gab es einige. Zum Beispiel war der Fotograf mit dem „Reichs-Autozug Deutschland“ unterwegs, zu dem Harriet Scharnberg bereits geforscht hatte. „Da kam mir Krieger natürlich gleich in den Sinn. Und es waren sehr signifikante Bilder im Blog der New York Times eingestellt, wie zum Beispiel das Foto, in dem er sich selbst im Rückspiegel fotografiert hat“, so die Historikerin.

Ein Fotograf der SS-Propaganda-Kompanie fotografiert im Ghetto Litzmannstadt (Quelle: Bundesarchiv, Bild 101III Schilf 003 24, Fotograf: Schilf)

Ein Fotograf der SS-Propaganda-Kompanie fotografiert im Ghetto Litzmannstadt (Quelle: Bundesarchiv, Bild 101III Schilf 003 24, Fotograf: Schilf)

Bereits in den zwanziger Jahren war die Pressefotografie ein bedeutendes Medium in Deutschland geworden. Auch das Ansehen der Fotografen in der Öffentlichkeit stieg. Allerdings waren viele der bekannten Fotografen 1933 gezwungen zu immigrieren, da jeder, der weiter als Bildjournalist arbeiten wollte, seine „arische“ Abstammung nachweisen musste. Die „arischen“ Bildreporter besetzten die Plätze der Emigranten und führten das Alltagsgeschäft unter nationalsozialistischer Lenkung weiter.

Vor dem Kriegsausbruch wurden die Propagandakompanien gegründet. „Diese Einheiten haben die Besetzung Polens fotografiert und sind 1940/41 in den polnischen Ghettos erneut sehr aktiv geworden“, erläutert Scharnberg.

Bis heute ist umstritten, wie diese Fotografen zu bewerten sind. „Sie haben auf Anweisung Fotos gemacht. Die Themen waren oft vorgegeben, aber nicht in dem Maße wie man sich das heute vorstellt. Die, die im Kriegsgebiet waren, hatten tägliche Anweisungen, wie vorzugehen ist. Denen, die an Schauplätzen ohne kriegerische Handlungen stationiert waren, wurde nicht vorgegeben, was zu berichten war. Sie mussten aber dennoch Fotos und Texte einreichen“, so Scharnberg. Viele der Propagandakompanie-Fotografen gingen später zurück in die Freie Presse und wurden erfolgreiche Fotografen im Nachkriegsdeutschland. Etwa die Hälfte der insgesamt in diesem Zeitraum aufgenommenen Fotos sind überliefert. In den einzelnen Archiven lagern rund 1,2 Millionen Bilder, der Großteil davon im Bundesarchiv in Koblenz.

Recherche in Regierungsarchiven

„In meiner Doktorarbeit habe ich zwei Hauptquellenbestände. Zum einen Illustrierte und Wochenzeitungen, zum anderen Bilder, die von Fotografen der so genannten Propagandakompanien aufgenommen wurden“, erklärt Harriet Scharnberg. Der Diskurs, aus dem diese Bilder heraus entstanden sind, ist nach wie vor recht unbekannt. „Aus diesem Grund ist es sinnvoll sich die Bildpropaganda der Nazis anzuschauen, um die Narrative aufzudecken“, findet die Historikerin.

„Den Bestand im Bundesarchiv habe ich mir komplett angeschaut und alle Bilder von Juden herausgezogen. Dazu gibt es noch in verschiedenen Verlagsarchiven weitere Positive“, berichtet sie. Dabei hatte sie ein sehr strenges Auswahlkriterium. „Ich habe die Kennzeichnung durch den Judenstern als Anhaltspunkt übernommen, um die für meine Arbeit interessanten Bilder herauszufiltern.“ Allein einen Monat verbrachte sie im Archiv in Koblenz. Sie reiste zudem nach Paris und Berlin, um dort in Regierungsarchiven zu recherchieren. Hinzu kamen Besuche in unterschiedlichen Verlagen und kleinere Recherchen bei Sammlern.

„Im Bundesarchiv liegen die Bilder als Kontaktabzüge der Negativstreifen vor. Man hat also je 10 bis 20 Bilder in der Hand, die man überfliegt“, so Scharnberg über ihre mühevolle Recherchearbeit. „Für mich war es vor allem wichtig in den Archiven die Originale zu sehen und nicht nur die digitalisierten Varianten, da sich auf vielen der Bilder Stempel und Notizen befinden, die nicht mit digitalisiert werden, aber für mich wichtig sind, um die Herkunft und die Hintergründe der Entstehung zu bestimmen.“ Spuren, die für Historiker oft interessanter sein können als das Bild selbst.

Viel Recherchearbeit liegt inzwischen hinter ihr. „Für meine Promotion hatte ich ein Stipendium von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, welches jetzt ausgelaufen ist“, erklärt Scharnberg. Sie hofft nun, ihre Doktorarbeit bis Anfang des nächsten Jahres abgeben zu können.

Text: Silvio Kison

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