Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff stellte sich beim 35. Halleschen Wirtschaftsgespräch der Frage nach den Herausforderungen der Energiewende (Foto: Maike Glöckner)

Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff stellte sich beim 35. Halleschen Wirtschaftsgespräch der Frage nach den Herausforderungen der Energiewende (Foto: Maike Glöckner)

„Alle Ressourcen nutzen, die wir haben“

Der Atomausstieg ist beschlossen – doch wie soll das künftige Energiekonzept aussehen, um Atomstrom umweltverträglich zu ersetzen? Das war die zentrale Frage des 35. Halleschen Wirtschaftsgesprächs am 29. November. Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff stellte sich und spaltete mit seinem Plädoyer für die Wiederbelebung der Braunkohle das Publikum im Freylinghausen-Saal der Franckeschen Stiftungen.

„Die Energiewende ist in Sachsen-Anhalt bereits vor 20 Jahren vollzogen worden“, stellte Haseloff zu Beginn klar. „Auch ein aktives Atomkraftwerk hat es in unserem Bundesland nicht gegeben.“ Das bedeute aber nicht, dass die Abkehr vom Atomstrom für Sachsen-Anhalt ohne Folgen oder Probleme bei der Integration in eine neue gesamtdeutsche Infrastruktur sei. Immerhin speisen sich 19 Prozent des im Bundesland benötigten Stroms aus Atomkraft. Diese Lücke gelte es zu schließen – und gemäß des 20-20-20-Ziels weitere 20 Prozent Treibhausgasemissionen einzusparen.

Politikum Energiewende: Haseloffs Pläne spalten das Publikum (Foto: Maike Glöckner)

Politikum Energiewende: Haseloffs Pläne spalteten das Publikum (Foto: Maike Glöckner)

„Die Braunkohle bekommt mit dem Atomausstieg eine neue Zukunft als Brückentechnologie“, erklärte Haseloff entschieden und erntete damit sowohl Zustimmungs- als auch Unmutsbekundungen der Zuhörerschaft. Mit der Wiederbelebung der Braunkohle tue sich im Hinblick auf die Klimaziele aber einiger technologischer und politischer Handlungsbedarf auf. „Die Steigerung der Energieeffizienz und die Durchführung von Wärmedämmungsmaßnahmen müssen attraktiver gestaltet werden, um Wirkungsgrade zu verbessern, Emissionen zu reduzieren und schließlich den CO2-Ausstoß durch die Kohlenutzung überkompensieren zu können“, führte der promovierte Physiker an. „Ein erster Schritt muss sein, Einsparpotenziale zu nutzen. Und da kann jeder Bürger seinen Teil beitragen“, mahnte Haseloff an und betonte, dass für die Wende ein System nötig sei, das für die Menschen nachvollziehbar ist, sie mitnimmt.

Der Idee, energiepolitische Autarkie durch erneuerbare Energie erzielen zu können, erteilte Haseloff in der Diskussion zunächst eine Absage: „Eine bezahlbare, technische untersetzte Lösung im vorgesehen Zeitfenster ist nicht möglich.“ Grundsätzlich befürworte er die stärkere Förderung der Forschung im Bereich der Erneuerbaren. Er wies aber darauf hin, dass die Forschung zwar in viele Richtungen gehe, die Verfahren letztlich aber nur einen geringen Anteil ausmachten. Die Energiedichte der Fossilen sei bisher nicht alternativ darstellbar und es fehle noch an adäquaten Speichermöglichkeiten. Im Hinblick auf die Stabilität der Netze und eine sichere Stromversorgung sprach sich Haseloff zudem für eine europäische Perspektive, die Schaffung eines Strom-Binnenmarktes, aus – was mit einer lebhaften Gegenrede aus dem Publikum bedacht wurde.

Schließlich bekräftigte Ministerpräsident Haseloff die eingangs von Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Lassmann formulierte Aufforderung, solche Transformationsprozesse nicht aus dem Bauch heraus zu entscheiden: „Wir sind die einzige Volkswirtschaft, die diesen Weg geht, dürfen uns nicht überfordern. Um diese Wende wagen zu können, müssen wir die Industrie in Deutschland halten und unsere volkswirtschaftliche Stärke erhalten.“ Deshalb seien Kompromisse notwendig. „Wir müssen alle Ressourcen nutzen, die wir haben“, schloss Haseloff energisch. „Der Weg ist irreversibel eingeschlagen. Jetzt sind alle gefordert, sich einzubringen.“

(Text: Claudia Misch)

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