Auf über 2.000 Metern Höhe haben sich Prähistoriker Francois Bertemes und sein deutsch-armenisches Team auf die Spur dieser auffälligen Steinformationen begeben (Foto: Francois Bertemes)

Auf über 2.000 Metern Höhe haben sich Prähistoriker Francois Bertemes und sein deutsch-armenisches Team auf die Spur dieser auffälligen Steinformationen begeben (Foto: Francois Bertemes)

Armenien IV: Spur der Steine

Viele Steine sind Francois Bertemes in den Weg gelegt. Doch das stört den Prähistoriker nicht. Im Gegenteil: Sie sind der Grund dafür, warum er nach Armenien gekommen ist.

Im Norden Armeniens, in einem eiszeitlichen Erosionstal nahe der Stadt Hartashen ragen sie empor: zwei mehrere hundert Meter lange Steinreihen, bestehend jeweils aus drei parallel nebeneinander verlaufenden Einzelreihen. Daneben finden sich am Fuße eines 3000 Meter hohen Bergmassivs auch immer wieder verschiedene kreisförmige und lineare Steinanhäufungen. Allesamt bisher weder dokumentiert, datiert oder in ihrer Funktion untersucht.

Die Steinformationen in Hartashen aus der Luft gesehen (Foto: Francois Bertemes)

Die Steinformationen in Hartashen aus der Luft gesehen (Foto: Francois Bertemes)

„Wir haben uns zunächst darum bemüht, den Ist-Zustand erstmals exakt aufzunehmen und die Anlage zu vermessen“, erläutert Archäologe Bertemes. „Dann haben wir das Gelände geomagnetisch untersucht, um zu klären, welche Strukturen unter der Erdoberfläche verborgen sind und ob diese natürlichen oder anthropogenen Ursprungs sind, haben mehrere Schnitte durch die Reihen angelegt und das Tal überflogen, um fotografisches Material zur Dokumentation zu sammeln.“

Bei Beschreibung und Vermessung stellten die Forscher fest, dass die Steinreihen offenbar Teil eines neuzeitlichen militärischen Schanzensystems waren. „Ob das auch der ursprünglichen Funktion und Datierung entspricht, ist fraglich“, berichtet Bertemes. Denn die geomagnetischen Untersuchungen brachten aufgrund der Zusammensetzung des Untergrunds aus vulkanischem Gestein mit hoher Magnetisierbarkeit nur wenig aussagekräftiges Material hervor. Auch datierendes Material, etwa Scherben, habe sich bei den Steinreihen nicht gefunden.

Mittels geophysikalischer Untersuchungen hat das Team Strukturen unter der Oberfläche erkundet (Foto: Francois Bertemes)

Mittels geophysikalischer Untersuchungen hat das Team Strukturen unter der Oberfläche erkundet (Foto: Francois Bertemes)

Für einige der kreisförmigen Steinanhäufungen habe die Forschungsgruppe die Entstehung durch den Menschen belegen können, ergänzt Borg. Dabei handele es sich um sogenannte Kurgane, kegelförmig aufgeschüttete Grabhügel. Um diese genauer datieren zu können, seien weitere archäologische Untersuchungen an den Grabhügeln nötig, da die bisher durchgeführten Schnitte kaum Datierendes zu Tage gefördert hätten. „Es ist durchaus denkbar, dass sich in dieser Höhe – wir sprechen hier von etwa 2.400 Metern – organisches Material erhalten hat“, führt Bertemes an. „Für solche Grabungen bedarf es jedoch eines logistischen Aufwandes, den wir bisher aufgrund der wetterbedingt kurzen Grabungszeiten und der Abgelegenheit des eher unwirtlichen Geländes nicht leisten konnten.“

Entdeckung im Süden Armeniens: eine Vielzahl bislang nicht dokumentierter Felszeichnungen mit nomadischem Hintergrund (Foto: Francois Bertemes)

Entdeckung im Süden Armeniens: eine Vielzahl bislang nicht dokumentierter Felszeichnungen mit nomadischem Hintergrund (Foto: Francois Bertemes)

Indes haben noch zwei weitere Stätten Bertemes Interesse auf sich gezogen. „Unweit von Gjumri, der zweitgrößten Stadt Armeniens, führt unser emeritierter Kollege Andreas Furtwänlger bereits archäologische Untersuchungen an dem achämenidischen Palast von Benjamin durch“, erklärt Bertemes. „Auch hier – immerhin nur auf 1.600 Metern Höhe – gibt es ähnliche Steinformationen, die genauer zu betrachten sehr interessant wäre.“ Im Süden ist Landesarchäologe Dr. Harald Meller überdies auf einen umfangreichen und bisher nicht dokumentierten Komplex von Felszeichnungen gestoßen.

Vulkane - gibt es in Armenien auch in 3.500 Metern Höhe (Foto: Francois Bertemes)

Vulkane – gibt es in Armenien auch in 3.500 Metern Höhe (Foto: Francois Bertemes)

„Die Zeichnungen sind offenbar mit Steinwerkzeugen in die Basaltblöcke eingehauen und von sehr guter Qualität“, führt der Prähistoriker aus. „Und darüber hinaus in einer sehr beeindruckenden Landschaft rund um einen Gletschersee gelegen.“ In den nächsten Jahren sollen die Felszeichnungen mithilfe von Fotoaufnahmen, Laserscans und Kartierungen intensiv und dokumentiert und untersucht werden. „Allerdings sind auch diese Funde äußerst schwer zu datieren, am Ehesten über die abgebildeten Gegenstände selbst“, fügt Bertemes an. „Wir wollen deshalb eine Typologie dessen erarbeiten, was dargestellt ist, also beispielsweise welche Tiere wie oft und in welcher Kombination abgebildet sind, und so Inhalt und Kontext der Zeichnungen erschließen.“ In jedem Fall, so viel ließe sich jetzt schon sagen, stünden die Zeichnungen im Zusammenhang mit Nomadismus und spiegelten für die Nomaden wichtige Orte wider.

(Text: Claudia Misch)

 

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