Ein fast Vergessener wird wiederentdeckt

Haben Sie schon mal etwas von Alfred Wolfenstein gelesen? Wenn nicht, geht es Ihnen wie vielen. Zwar wurde die frühere Gneisenaustraße (etwa einen halben Kilometer nördlich vom halleschen Reileck) 1945 (im Todesjahr des Dichters) in Wolfensteinstraße umbenannt, doch ist sie vor allem als Ausfallstraße bekannt. Wer aber Wolfenstein war, wissen wohl nur wenige. Ein bisschen besser könnte das werden, seit es dank der Bürgerinitiative „Bildung im Vorübergehen“ in dieser Straße vier (von Erik Neutsch gesponserte) Zusatzschilder gibt, die mehr über den Dichter des Expressionismus kundtun als seinen Namen, und seitdem kürzlich ein Alfred-Wolfenstein-Lesebuch erschien. In der vom Land Sachsen-Anhalt geförderten Reihe „Literatur aus Mitteldeutschland“ firmiert es als Band 3, herausgegeben hat es der hallesche Germanist Bernhard Spring (Jahrgang 1983), den Insider von seinen originellen Eichendorff-Krimis her kennen.

Bernhard Spring (Hg.): Alfred Wolfenstein. Lesebuch. Halle: Mitteldeutscher Verlag 2011.

Bernhard Spring (Hg.): Alfred Wolfenstein. Lesebuch. Halle: Mitteldeutscher Verlag 2011.

Nun also Wolfenstein: Lyriker, Dramatiker, Journalist, Träumer, Liebender, Flüchtling, Hoffender, Verzweifelter – all das und noch viel mehr war Alfred Wolfenstein, der am Ende durch eigene Hand starb. Ein hundert Jahre nach ihm geborener Germanist und Autor hat Wolfensteins Werk und Leben sorgfältig mit kritischer Einfühlung recherchiert und einen Anfang gewagt, um so den Weg zu bereiten für einen angemessenen Platz Alfred Wolfensteins im Bewusstsein der kulturellen Kommunität. Denn trotz einer fünfbändigen schon in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts von Hermann Haarmann und Günther Holtz („Mainzer Reihe, Neue Folge“) herausgegebenen Werkausgabe bleibt noch viel zu tun. So gibt es noch keine Editionen der Korrespondenzen Wolfensteins mit Hermann Hesse, Thomas Mann und manchen anderen. „Was dem Werk von Alfred Wolfenstein aber am meisten fehlt, ist eine Leserschaft“, schreibt Bernhard Spring und fährt fort: „Es nutzt nichts, wenn die Literaturwissenschaft nur für sich forscht und publiziert – gelesen werden will ein Autor! Möge das vorliegende Lesebuch diesem Zweck dienlich sein!“

Von Halle über Dessau und Berlin nach München

Vier Kapitel – mit frühen Gedichten, späten Gedichten, Erzählungen, Aufsätzen und Essays – nebst einer Einführung über „eine der seltsamsten und problematischsten Nebenfiguren des Expressionismus“ wecken Neugier auf diesen eigenwilligen, auch als „Expressionisten der Zwischenzeit“ apostrophierten Hallenser, über den Martha Feuchtwanger sagte: „Er sah aus, wie ein Dichter aussieht.“ Sein Vater wurde „als jüdischer Aufsteiger aus der östlichen Provinz, als Stehaufmännchen, als Verlierer der Wirtschaftskrise“ beschrieben; die ehrgeizige Mutter drängte Alfred zum Jurastudium, das er von 1905 an in Halle, Berlin, Freiburg und München betrieb und 1916 mit der erstrebten Promotion beendete – doch einen adäquaten Beruf übte er niemals aus. Sein Ziel von Jugend an war Dichter zu werden, und er wurde es. 1921 in seiner „Selbstcharakteristik“ offenbarte er: „Ich kam […] nach Berlin, achtzehnjährig. Berlin wurde der Stachel für den großen Zwiespalt zwischen Menschenzuneigung und Einsamkeit, der andere ist mein Judentum.“

Wesentliche Prägungen erfährt Wolfenstein in Berlin und München, später in Prag. 1916 heiratet er die Anwaltstochter Margarete Rosenberg (die selbst Gedichte schreibt und unter dem Pseudonym Henriette Hardenberg veröffentlicht), im November des Jahres kommt Frank Thomas zur Welt. Die Familie lebt nun in München, umgeben von kulturellem Aufbruch, mitgerissen von den Erwartungen der revolutionären Räterepublik.

Wolfenstein ist mit vielen literarischen und politischen Köpfe seiner Zeit bekannt, so mit Johannes R. Becher, Bertolt Brecht, Lion und Martha Feuchtwanger, Claire und Iwan Goll, Oskar Maria Graf, Hermann Hesse, Franz Kafka, Alfred Kantorowicz, Gustav Landauer, Else Lasker-Schüler, Rudolf Leonhard, Thomas (später auch Klaus) Mann, Erich Mühsam, Robert Musil, Rainer Maria Rilke, Carl und Thea Sternheim, Ernst Toller … und bleibt doch immer ein „geübter Außenseiter“. Nach dem Ende der Münchner Räterepublik gelingt ihm kein wirklicher Neuanfang. An die Erfolge der beiden Lyrikbände „Die gottlosen Jahre“ (1914) und „Die Freundschaft“ (1917) vermag er nicht anzuknüpfen; notdürftig hält er die Familie mit Übersetzungen aus dem Französischen und aus dem Englischen über Wasser. Sein 1919 begonnenes Projekt „Die Erhebung. Jahrbuch für neue Dichtung und Wertung“ – mit Beiträgen von Becher, Ernst Bloch, Alfred Döblin, Rilke, Franz Werfel, Paul Zech und anderen – endete schon 1920. In den 20er Jahren schreibt er viele (Lese-)Dramen, doch ohne damit auf der Bühne erfolgreich zu sein.

Was seine politische Position angeht, sie bleibt weiterhin linksdemokratisch und sozial. Das zeigt sich etwa im Mai 1932, als er, gemeinsam mit anderen Schriftstellern demonstrativ den wegen Landesverrat angeklagten und verurteilten Carl von Ossietzky bei dessen Haftantritt bis ans Gefängnistor begleitet. Damit hat er sich schon im Vorfeld gegen die neue Ordnung gestellt. Folgerichtig flieht er ein knappes Jahr später im März 1933 nach Prag, nicht ahnend, dass dies kein kurzes Intermezzo ist, sondern der Anfang einer bis an sein Lebensende währenden Flucht.

Prag, Paris und die französische Provinz

In Prag findet er Kontakte zu Stefan Heym, Walter Mehring und Egon Erwin Kisch; er schreibt für Prager Zeitungen (die Jüdische Revue, die Neue Weltbühne, das Prager Tageblatt) sowie für Das Wort und Die Sammlung. Er startet das Vorhaben „Stimmen der Völker. Die schönsten Gedichte aller Zeiten und Länder“; 1938 in Amsterdam erschienen, wird dieser an Herder erinnernde Gedichtband vielfach gelobt, u. a. von Hermann Hesse in der Basler National-Zeitung positiv besprochen.

Wolfensteins letzte größere Arbeit, die in Deutschland (1934 im Berliner Morgen) erschien, war der Aufsatz „Von der Dichtung der Juden“. Er enthält ein visionäres Heine-Zitat – „Es wächst auf Erden Brot genug / Für aller Menschenkinder!“ – und steht im IV. Kapitel des Lesebuchs (Im Original: „Es wächst hienieden Brot genug …“).

Bereits 1937 beginnt Wolfenstein mit „Frank. Roman einer Jugend“, von dem drei Fassungen existieren, ohne dass es je beendet wird. (Sein Sohn lebt seit 1932 in Palästina.) 1938/39 flieht Wolfenstein nach Frankreich, lebt (mit verschiedenen Frauen) in Paris, Carcassonne, Nizza und wieder Paris; die Ausreise nach Übersee scheitert. Krank und trostlos nimmt er sich am 22. Januar 1945 im Pariser Hospital Rothschild das Leben. Begraben ist Alfred Wolfenstein auf dem größten Friedhof der Stadt, dem Cemitière Parisien de Pantin.

Appetitshappen für Lesehungrige

Das Eigentliche neben den oben skizzierten äußeren Lebensumständen sind die Gedichte, Erzählungen und Essays von Alfred Wolfenstein. Sie zu referieren, macht keinen Sinn; man muss sie selber lesen, um sich dem Dichter zu nähern. Einzelnes aus dem Lesebuch besonders hervorzuheben, wäre ebenso wenig ratsam, denn die von Bernhard Spring getroffene Auswahl stellt wohl das Minimum dessen dar, was man von Wolfenstein kennen sollte, um ein eigenes Bild zu gewinnen und Weiteres lesen zu wollen.

Bloß eine Empfehlung, womit man beginnen könnte, sei gegeben: mit dem frühen Gedicht „Der Jude“, mit der Erzählung „Der Baum vor dem Hause“, mit dem späten Gedicht „Trennungen in dieser Zeit“ oder mit dem „Interview mit Lyrik“, in dem es heißt: „… die Lyrik ist die klangschöne Nachbarkunst der Musik. Nur vermittelt sie außerdem durch die Sprache eine bestimmte ethische Haltung […] Lyrik ist die eigentliche prophetische Kunst.“

Text: Margarete Wein

 

► Bernhard Spring (Hg.): Alfred Wolfenstein. Lesebuch, Halle 2011, 184 Seiten, mit Fotos aus dem Alfred-Wolfenstein-Archiv der Akademie der Künste Berlin, 18 Euro, ISBN 978-3-89812-825-4.

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