Romelia Lichtenstein (Alcina), Foto: Gert Kiermeyer

Romelia Lichtenstein (Alcina), Foto: Gert Kiermeyer

Händels Oper Alcina „unter der Lupe“

Der Berufsalltag fordert von Musikwissenschaftlern häufig „populäres“ Schreiben, denn viele Absolventen finden sich später in Bereichen wie Presse und Rundfunk, Dramaturgie oder PR wieder, d. h. in Einsatzgebieten, in denen man allgemeinverständlich schreiben können muss. Aus diesem Grund veranstaltet Hansjörg Drauschke im Rahmen des BA-Studiengangs Musikwissenschaft am Institut für Musik der Martin-Luther-Universität im Sommersemester 2012 erneut das Seminar „Schreiben über Musik“.

Im Seminar können Studierende durch das Verfassen von Texten und die Diskussion darüber ihre Fähigkeiten erproben und verbessern. „Anliegen ist es, die Studieninhalte des BA-Studiengangs auch berufspraxisorientiert zu gestalten“, erklärt der Musikwissenschaftler. Die Studierenden sollen darüber hinaus auch eigene Kontakte knüpfen können. So arbeitet Drauschke mit der Staatskapelle, dem Händel-Haus, der Oper Halle sowie den Kulturmagazinen Zachow und a-ha zusammen.

Im Rahmen des Seminars rezensierten die Studierenden in diesem Jahr die Inszenierung von Händels Oper Alcina bei den Händel-Festspielen. Wichtig ist nicht zuletzt die Möglichkeit, die Ergebnisse zu publizieren. Scientia halensis hält eine Kostprobe bereit: die Konzert-Rezension von Marie Blankenburg, die als bestes Ergebnis des Seminars gekürt wurde. Zuvor beantwortete die Verfasserin scientia halensis folgende Fragen:

Was haben Sie insbesondere aus dem Seminar „Schreiben über Musik“ mitgenommen bzw. was haben Sie gelernt, Frau Blankenburg?

Marie Blankenburg, Foto: privat

Marie Blankenburg, Foto: privat

Ich habe erfahren, dass das Schreiben von Artikeln keinesfalls einfach ist. Man muss immer überlegen, an welche Zielgruppe sich der Artikel wendet und sollte gleichzeitig dem eigenen Schreibstil treu bleiben. Das bedeutet auch Kritik einstecken und den Text von der Redaktion oder in meinem Fall dem Dozenten überarbeiten zu lassen.

Wer über Musik schreibt, benötigt nicht nur fundiertes musikalisches Wissen und Werkkenntnis, auch Einschätzungsvermögen und Urteilskraft sind wichtig, um ernst genommen zu werden. Wie haben sie sich auf die Rezension von Händels Oper Alcina vorbereitet?

Im Rahmen des Seminars haben wir uns schon im Voraus ausführlich mit der Händeloper beschäftigt. Vom halleschen Opernhaus haben wir die damals noch unveröffentlichte Fassung des Programmheftes zu Alcina erhalten. Das war vor allem für Daten zu Künstlern und Ensemble hilfreich.

Ihre Rezension wurde im Seminar als das beste Ergebnis bewertet und ausgezeichnet. Wann haben Sie den Artikel geschrieben – gleich nach der Aufführung oder am nächsten Tag?

Bereits während der Aufführung habe ich mir Notizen zu den Einzelleistungen der Sänger und der Inszenierung gemacht. Nach der Oper war es schon spät und ich habe erst am nächsten Morgen mit dem Schreiben begonnen.

Wie lange haben Sie für das Schreiben der Rezension gebraucht?

Ich saß ungefähr fünf Stunden an meiner Erstfassung. Mein Dozent Herr Drauschke hatte dann noch einige kleine Anmerkungen, die ich in einer weiteren Stunde bearbeitet habe.

Eine Rezension spiegelt ja immer eine subjektive Meinung wider. Was bedeutet für Sie, die Aufführung eines so großen musikalischen Gesamtwerks zu beurteilen? Hat es Ihnen auch Spaß gemacht?

Natürlich hat es Spaß gemacht! Ich komme nicht häufig in so eine ausgezeichnet besetzte Oper. Da ich eine Rezension anfertigen wollte, habe ich auch viel intensiver hingeschaut und -gehört und konnte die Aufführung bewusster beobachten und genießen.

Können Sie sich nach diesen ersten Erfahrungen vorstellen, einmal beruflich als Musikkritikerin tätig zu sein?

Als Nebenfach studiere ich Medien- und Kommunikationswissenschaften. Deshalb bin ich momentan sehr angetan vom Filmemachen. Aber nebenberuflich als Musikkritikerin zu arbeiten könnte ich mir auch gut vorstellen.

Vielen Dank für das Gespräch.

(Interview: Ute Olbertz)

 

Rezension von Marie Blankenburg:

„Mir bleiben nur die Tränen“

Andrej Worons furiose Alcina-Inszenierung feiert im Rahmen der Händel-Festspiele am 1. Juni Premiere an der Oper Halle

Abgeschieden und verborgen liegt die Zauberinsel der Alcina in der Südsee. Dort kann der von Pflichten freie Mensch ohne gesellschaftlichen Zwang lieben. Als Stammesoberhaupt bezirzt Alcina die Männer und besonders Ruggiero, der allerdings bereits Bradamante versprochen ist. Diese reist als Mann verkleidet und von ihrem Lehrer Melisso begleitet zur Insel, um den Verlobten aus den Fängen der Alcina zu befreien.

Die erste hallesche Aufführung der Alcina seit 20 Jahren kommt barock und modern zugleich daher. Aus ursprünglich drei Akten verdichten Regisseur Anderj Woron und Dramaturg Roland Quitt die Oper zur zweiaktigen Spielfassung. Szenen aus der Urfassung werden umsortiert, auf komplizierte Situationen und burleske Intrigen wird verzichtet. Ohne unnötige Längen wird die Handlung leicht nachvollziehbar. Woron überspielt gekonnt lange Passagen mit amüsanten Einlagen. So spielt ein Mann mit Bärenkopf mit kreischenden Kindern Fange oder erscheinen bei einer Liebesarie fliegende ferngesteuerte Fische.

Romelia Lichtenstein (Alcina), Foto: Gert Kiermeyer

Romelia Lichtenstein (Alcina), Foto: Gert Kiermeyer

 

Romelia Lichtenstein verkörpert mit exzellentem Gesang und leidenschaftlichem Spiel in der Hauptrolle eine willensstarke und auch empfindsame Alcina. Als Zauberin zunächst übermächtig mit dramatischen Klängen ihr Volk regierend, erscheint die Sopranistin dem Hörer durch weichere Klänge in ihrem Liebesschmerz um Ruggiero verletzlich und einsam. Ihr emotionaler Wandel wird auch durch die Kostüme (Woron) nachvollziehbar. Taucht sie sich im Liebesglück anfänglich in unschuldiges Weiß, wandelt ihre Wut die Farbe des Kleides in zorniges Rot. Die finale Trauer über den Verlust des Geliebten und die Zerstörung ihrer Insel äußert sich in einem pechschwarzen Gewand. Der zwischen zwei starken Frauen schwankende Ruggiero wird vom Countertenor Terry Wey hingebungsvoll und authentisch interpretiert. In „Verdi prati“, seiner Liebesarie an die Natur, die er umringt von Ureinwohner-Kindern singt, begeistert er mit engelsgleicher Stimme den Hörer. Hervorragend ist Ines Lex in der Sopranrolle der Morgana, ebenso brillant verkörpert Ki-Hyun Park mit starkem Bass den Melisso.

 

Romelia Lichtenstein (Alcina), Foto: Gert Kiermeyer

Romelia Lichtenstein (Alcina), Foto: Gert Kiermeyer

 

Unter Woron und der musikalischen Leitung von Bernhard Forck wandelt sich das Stück in ein wildes Naturabenteuer mit indigenem Touch. Die barocke Instrumentierung mit üppiger Continuo-Gruppe wird durch Schlagzeug und Trommeln ergänzt. Ekstatische Rhythmen und Trommelschläge unterstützen die spektakulären Choreografien von Martin Stiefermann, die nicht im klassischen Sinne getanzt sondern von Ureinwohnern getrampelt werden.

Die Opera seria als höfische Oper des 18. Jahrhunderts steht für affektgeladene Konflikte, die durch vorherrschende Konventionen gelöst werden. Aus Pflichtbewusstsein und als Entscheidung gegen die freie Liebe tauscht Ruggiero am Ende die Bermudashorts gegen den Anzug und lässt Alcina in ihrer zerstörten Welt zurück. „Mi restano le lagrime“ (Mir bleiben nur die Tränen), beweint sie zusammengebrochen auf der schwarzen Bühne den Verlust ihrer Liebe. Geradezu grotesk erscheint da die Lobeshymne des Chores auf das Leben und die Liebe. Das Schlussbild einer neuartigen Inszenierung, welche durch ihre authentisch reizvolle Art auch den eingefleischten traditionellen Händel-Fan zu fesseln wissen wird.

 

 

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