Was sind Tutorien überhaupt?

Tutorien können vieles sein – Praxisübung, Wiederholungskurs, Diskussionsrunde. Oder geht man mit dem Begriff zu freizügig um? scientia halensis hat Prof. Dr. Johanna Mierendorff vom Institut für Pädagogik der MLU befragt.

Prof. Dr. Johanna Mierendorff. (Foto: privat)

Prof. Dr. Johanna Mierendorff. (Foto: privat)

Frau Professor Mierendorff, was sind Tutorien? Welche Bedeutung kommt ihnen zu?

Ein Tutorium ist ein Ort für die Auseinandersetzung mit Veranstaltungsinhalten, an dem eine kleine „peer group“ eine freie Diskussion über den Stoff einer Veranstaltung führen kann. Dabei geht es um nachvollziehende Verstehensprozesse vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen, die ein wesentlicher Teil von Selbstbildungsprozessen sind. Es können relevante Inhalte noch einmal diskutiert, reflektiert und eingeordnet werden; der Einzelne kann sich in der Gruppe verstehend, nachvollziehend und anwendend mit den Themen auseinandersetzen. Denn das Zuhören in Vorlesungen, das Lesen und das Üben am eigenen Schreibtisch unterscheiden sich stark vom Verständnisgewinn in der Gruppe. Daher haben Tutoriumsgruppen zentrale Bedeutung im Studium, wenn es um die Frage geht: Wie erschließt man sich Texte, Theorien, Modelle – also Wissen? Wie gewinnt man Erkenntnisse, die über das Auswendiglernen von Fakten hinausgehen?

Welche Rolle spielen dabei die Tutoren, welche die Dozenten?

Der Tutor ist Teil der Gruppe, der erfahrener und noch näher an den schwierigen ersten Schritten der akademischen Wissenserschließung von Studierenden dran ist. Er ermöglicht vor allem Studierenden, die sich in großen Gruppen nicht zu sprechen trauen, eigene Gedanken zu formulieren. Und er steht in engem Austausch mit dem Dozenten über Inhalte und Ziele von Veranstaltungen, kann also als Bindeglied verstanden werden. Dozenten müssen daher kluge Konzepte der Tutorienbetreuung entwickeln. Jeder Dozent, der Tutoren hat, sollte sich mit diesen vorher oder parallel zusammensetzen, über Inhalte, Ziele und Didaktik sprechen. Nur so kann eine Integration von Vorlesung und Tutorium ermöglicht werden.

Wodurch unterscheidet sich ein Tutorium von Formaten wie Nachhilfe oder Praxisstunden?

Das lässt sich nur inhaltlich bestimmen. Ein Tutorium ist nicht primär oder ausschließlich auf den Abschluss einer Prüfung gemünzt, ist also in diesem Sinne keine Nachhilfe. Als freie, nachvollziehende, rekonstruierende, verstehende Diskussion präsentierten Stoffes eröffnet das Tutorium einen Raum, über Gegenstände nachzudenken, Fragen zu stellen – und zwar laut mit Kommilitonen. Das ist eine Voraussetzung für neue Erkenntnisse, für Bildungsprozesse im Rahmen eines universitären Studiums.

Interview: Melanie Zimmermann

 

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Kommentare [ 1 ]

1 Scientia Halensis : Begehrte Rädchen im Lehrgetriebe schrieb am 11.05.2016 um 13:25

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