Prof. Dr. Stefan Lehmann mit Zeichnungen "seines" Heiligtums Olympia (Foto: Melanie Zimmermann)

Prof. Dr. Stefan Lehmann mit Zeichnungen "seines" Heiligtums Olympia (Foto: Melanie Zimmermann)

„Ein Phänomen globalisierter Antikenrezeption“

Vom 27. Juli bis 12. August 2012 finden die Spiele der XXX. Olympiade der Neuzeit in London statt. Aber woher kommen eigentlich diese seit 1896 begangenen Olympischen Spiele? „Sie sind das Ergebnis idealisierender Antikenrezeption“, meint Prof. Dr. Stefan Lehmann, Leiter des Archäologischen Museums der MLU. Seit 2004 erforscht er die Spätzeit des antiken Zeusheiligtums Olympia, wo mehr als ein Jahrtausend lang die Wettkämpfe abgehalten wurden.

Götterkult

Das Jahr 776 v. Chr. ist ein konstitutives Datum für Griechenland, genauer: das erste konkrete Datum der europäischen Geschichte. Auf dieses Jahr wurden in der Antike die ersten Olympischen Spiele datiert. Am Anfang der erhaltenen Siegerliste steht Koroibos als erster Olympionike, der im Stadionlauf über 192,28 m siegte. „In der Antike waren die Wettkämpfe Teil des Kultfestes zu Ehren von Zeus Olympios, in dessen Verlauf es auch große Tieropfer gab. Am großen Aschealtar wurden etwa 100 Stiere geopfert“, weiß Stefan Lehmann.

Das Fest bot nicht nur ein Forum für Sportbegeisterte, sondern auch für Künstler, Intellektuelle sowie für den Handel und den Austausch von Informationen. Die Ausrichtung des Festes und der Spiele war für die Stadt Elis, zu der das Heiligtum gehörte, mit nicht geringem Aufwand verbunden und bedurfte der Förderung. „So wie es heute Sponsoren gibt, gab es auch im antiken Olympia schon Spender, die Geld gaben – etwa für das Öl, mit dem sich die nackten Athleten einrieben, oder für die Errichtung der immens teuren Statuen und neuen Bauwerke.“

Klassisches Modell von Olympia, von Süden aus gesehen (Modell: Eva Mallwitz; Foto: Photo Hellner, DAI Athen 1968/801)

Klassisches Modell von Olympia, von Süden aus gesehen (Modell: Eva Mallwitz; Foto: Photo Hellner, DAI Athen 1968/801)

 

Dass das Kultfest von politischen Ereignissen nicht unberührt blieb, zeigte sich etwa bei den Olympischen Spielen des Jahres 476 v. Chr. Drei Jahre zuvor hatten die vereinten Griechen die Perser zur See und zu Lande besiegt. „Beim Zeusfest feierten sie dankbar die Rettung Griechenlands vor dem orientalischen Despoten Xerxes.“

Zum allmählichen Aus der Spiele nach mehr als einem Millenium trug zwar das Verbot heidnischen Kults durch Theodosius I. gegen Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. maßgeblich bei, doch das Kultfest mit seinen Wettkämpfen existierte in gewandelter, „säkularisierter“ Form noch bis Mitte des 5. Jahrhunderts weiter. Somit zeugt es von enormer zeitlicher Kontinuität.

„Das Ende der Olympischen Spiele der Antike deutet vor allem auf tiefgreifende Veränderungen innerhalb der Gesellschaft der Spätantike hin. Damals wie heute sind die Spiele von der Förderung durch Eliten abhängig und geraten dann in Gefahr, wenn es zu existentiellen politischen und religiösen Auseinandersetzungen sowie zu starken kulturellen Reibungen innerhalb der Gesellschaft kommt“, erklärt der Archäologe.

Kontinuität und Bruch

Lehmann findet es besonders spannend, das Phänomen „Olympia und seine Spiele“ unter Berücksichtigung der historischen Kategorien „Kontinuität und Bruch“, und hierbei unter dem Aspekt des Bruchs zu betrachten. „Die offizielle Memoria im Zusammenhang der modernen Olympischen Spiele ist von utopischen antiken Vorstellungen geprägt“, betont der Olympia-Forscher. Denn was die Wettkämpfe der Antike tatsächlich einst bedeuteten, konnte der Vater der modernen Olympischen Spiele, Pierre de Coubertin, Ende des 19. Jahrhunderts genauso wenig bestimmen wie wir heute. „Die archäologischen und historischen Befunde im Heiligtum weisen auf ein fundamentales historisches Vergessen in Mittelalter und Neuzeit hin.“

Blick vom südlichen Stadionwall über das Stadion zu dem nach dem verheerenden Brand im August 2007 wieder aufgeforstete Kronoshügel (Foto: Stefan Lehmann)

Blick vom südlichen Stadionwall über das Stadion zu dem nach dem verheerenden Brand im August 2007 wieder aufgeforstete Kronoshügel (Foto: Stefan Lehmann)

Die deutschen Ausgrabungen in Olympia begannen im Jahre 1875 und trugen dazu bei, dass man bei der „Wiederbelebung“ der Spiele mehr wusste als zuvor, da man lediglich über eine schmale Grundlage verstreuter Nachrichten antiker Autoren verfügte. Die neuen Quellen zeigten, dass der Bruch gerade in der Differenz zwischen dem bestand, was die Wettkampfe in ihrer kultischen Bedeutung tatsächlich einmal waren, und dem, was die Moderne sich idealisierend und klassizistisch grundiert ausmalte, erklärt Lehmann. „Die heutigen Olympischen Spiele sind das Ergebnis einer idealisierenden Antikenrezeption, mit dem erstaunlichen Ergebnis, dass diesem humanistisch begründeten Fest die Globalisierung gelang.“

2020?

Was sich dadurch zeigt, ist nicht minder spannend: „Historische Fragen, die sich aufgrund der archäologischen Erforschungen stellen, können ebenso relevant für die Zukunft sein. Sie regen nämlich zum Denken an.“ Lassen die Befunde über das Vergangene also Mutmaßungen über das Zukünftige zu?

Lehmann schmunzelt. „Alles hat einen Anfang und ein Ende.“ In der Antike maß sich die in Gymnasien körperlich und geistig erzogene Jugend in den Wettkämpfen. Die Selektion war hart, im Kampf galt der Grundsatz „Mann gegen Mann“. Bedeutend war aber vor allem, auf Grundlage seiner natürlichen und antrainierten Fähigkeiten für die Heimatstadt zu siegen. „Dieses Ideal hat stark an Bedeutung verloren, die Motive hochspezialisierter Sportler sind andere. Und neben der immer komplizierter und anspruchsvoller werdenden Organisation gelangt man spätestens mit Phänomenen wie dem Gen-Doping in ganz neue Sphären“, so Lehmann.

Durchaus lassen sich heute also gesellschaftliche Veränderungen und kulturelle Spannungen ausmachen, die die modernen Olympischen Spiele möglicherweise eher früher als später dem Untergang weihen könnten. „Vielleicht 2020, vielleicht auch erst 2040 – je nachdem, wann die jeweiligen nationalen Eliten ein Interesse an der Ausrichtung der Spiele in ihrem Land verlieren. Dazu können schwere wirtschaftliche, politische und militärische Krisen ebenso beitragen wie ein breiter mentaler Wandel in der Bevölkerung.“

Text: Melanie Zimmermann

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