Lebendig seit dreihundert Jahren

Alexander Gottlieb Baumgarten starb vor 250 Jahren. Und schon bald, nämlich im Jahr 2014, wird erneut an ihn erinnert werden: dann steht sein 300. Geburtstag an. Wie der Denker und Gelehrte aussah, werden wir allerdings auch dann nicht wissen (was Google Bilder als Baumgarten-Konterfei ausgibt, ist in Wahrheit Baruch de Spinoza!), aber seine Werke lesen sicher nicht nur Experten mit Gewinn.

Das Buch über Baumgarten ist im Universitätsverlag Halle-Wittenberg erschienen.

Das Buch über Baumgarten ist im Universitätsverlag Halle-Wittenberg erschienen.

Besonders seine Meditationes philosophicae de nonnullis ad poema pertinentibus (Philosophische Betrachtungen über einige Bedingungen des Gedichtes), durch deren Verteidigung er 1735 mit 21 Jahren die venia legendi erwarb, und seine Aesthetica. Letztere blieb zwar unvollendet, ihre Ideen jedoch wurden von vielen Größen seiner Zeit – zum Beispiel Bodmer, Breitinger, Herder, Goethe, Schiller und Kant – begeistert aufgenommen.

Dass Alexander Gottlieb Baumgarten seit 1735 an der halleschen Fridericiana lehrte, bis ihn 1740 der preußische König Friedrich Wilhelm I. nach Frankfurt an der Oder berief, und manch anderes Detail seines Lebens überlieferten seine zeitgenössischen Biografen Georg Friedrich Meier und Thomas Abbt.

Hans-Joachim Kertscher – emeritierter Professor für deutsche Literaturgeschichte und noch immer forschend und publizierend für das Internationale Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA) an der MLU aktiv – brachte nun die authentische Darstellung „Alexander Gottlieb Baumgartens Leben“ von Georg Friedrich Meier als Band 3 der Reihe „Perspektiven der Aufklärung“ im Universitätsverlag Halle-Wittenberg neu heraus. Meier versprach „dem geneigten Leser die Lebensgeschichte eines der würdigsten Weltweisen …“

In Berlin geboren, kam Baumgarten 1727 als 13jähriger Waisenknabe nach Halle, „wo sein ältester Bruder [Siegmund Jacob – d. V.], damals Inspector der lateinischen Schule war“. Obwohl Vater Jacob verfügt hatte, „daß keiner seiner Söhne Stipendien, Freytische, oder andere Wohlthaten […] suchen oder annehmen solle“, wird berichtet: „Herr Doctor Francke [Gotthilf August, Sohn von August Hermann – d. V.] nahm ihn in sein Haus, und an seinen Tisch.“ Drei Jahre später, im Herbst 1730, begann Baumgarten an der Universität Halle zu studieren: „In der Gottesgelahrtheit hörte er Breithaupten, Langen, Zimmermann, und Herrn D. Francken.“ Er machte sich mit Johann Gottlieb Heineccius’ Vernunftlehre und mit der Wolffschen Weltweisheit vertraut, lernte Syrisch, Arabisch und Griechisch.

Ein „christlicher Sokrates“ im Dichterkrieg

Erst als Magister, dann (ab 1737) als „außerordentlicher öffentlicher Lehrer der Weltweisheit in Halle“, hielt er überaus gut besuchte Vorlesungen über „natürliche Gottesgelahrtheit“, Vernunftlehre, Metaphysik, Naturrecht, Philosophiegeschichte und Sittenlehre. Vermutlich wäre er gern in Halle geblieben, doch der König beorderte ihn an eine andere Universität, um dort den durch Heineccius’ Weggang verwaisten Lehrstuhl der Weltweisheit zu übernehmen. Bei Meier heißt es dazu: „Baumgarten gieng also 1740, um Ostern nach Franckfurt an der Oder, und brachte seinen hallischen Fleiß mit dahin. […] Er verwaltete alle academischen Aemter, wie sie ihn der Reihe nach trafen, mit der größten Redlichkeit zum Vortheil der franckfurtischen Universität. […] Er lehrete alle Theile der Weltweisheit wie in Halle und las zum erstenmale daselbst die Aesthetik …“.

An der Viadrina wirkte Baumgarten bis zu seinem frühen Tod. Ausgehend von den dort gehaltenen Vorlesungen zur Ästhetik publizierte seine wichtigste Schrift, die schon genannte Aesthetica, den ersten Teil 1750, den zweiten 1758. Sie zielte auf eine „Verbesserung der Erkenntnis auch über die Grenzen des deutliche Erkennbaren hinaus“.

Allerdings blieben Baumgartens Ansichten nicht unwidersprochen. Direkt oder indirekt spielten sie eine Rolle in den philosophischen Debatten seiner Zeit, zum Beispiel sowohl im „großen“ wie im „kleinen Dichterkrieg“. Vor allem Johann Christoph Gottsched machte sich stark gegen „die Rolle des Wunderbaren in der Poesie“. Baumgarten griff nicht selbst in die Kontroversen ein, doch er ließ sein alter ego für sich sprechen: in seinem populären, nicht nur an Akademiker gerichteten und deshalb auf Deutsch verfassten Wochenblatt Philosophische Briefe des Aletheophilus (= Wahrheits- und Gottesfreund). 1741 erschien es immerhin ein halbes Jahr lang – bis sein Verfasser akzeptieren musste, dass „die wenigsten Liebhaber der Wochenblätter, ein Vergnügen an tiefsinnigen Betrachtungen finden“.

Welcher Platz dem aufgeklärten Universalgelehrten damals zukam und welche Bedeutung ihm bis heute beizumessen ist, analysiert der Herausgeber im ausführlichen Nachwort „Ein ‚christlicher Sokrates’: Alexander Gottlieb Baumgarten“, dessen Inhalt er der halleschen Öffentlichkeit schon vor Erscheinen des Buches in einem Vortrag kundgetan hat. Text: Margarete Wein

► Georg Friedrich Meier: Alexander Gottlieb Baumgartens Leben, kommentiert und mit einem Nachwort versehen von Hans-Joachim Kertscher (Hg.), Halle 2012, 60 Seiten, 8,90 Euro, ISBN 978-3-86977-054-3

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