Koordinatorin Dr. Claudia Flügel (Mitte) mit zwei Doktoranden des WissenschaftsCampus Halle: Denitsa Angelova und Sven Grüner (Foto: Maike Glöckner)

Der Diskurs zwischen den Fächern

Der „WissenschaftsCampus Halle – Pflanzenbasierte Bioökonomie“ wurde Anfang Juni offiziell eröffnet. Er vereinigt die Fächer Agrarwissenschaften und Agrarökonomie, Biologie und Biochemie sowie die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Ohne Interdisziplinarität funktioniert das nicht. Wie findet sie statt? Dieser Frage ging scientia halensis nach und sah sich auf dem virtuellen Campus um.

Der WissenschaftsCampus Halle (WCH) ist ein virtueller Campus, weil er keinen geografischen Standort hat. Er setzt sich zusammen aus den vier regionalen Leibniz-Instituten, den Naturwissenschaftlichen Fakultäten I und III der Universität, dem Agrochemischen Institut Piesteritz e. V. und dem Interdisziplinären Zentrum für Nutzpflanzenforschung. So liegt es nah, dass scientia halensis als ersten Anlaufpunkt die Geschäftsstelle in der Betty-Heimann-Straße 3 aufsucht. Der Weg führt über den ehemaligen Appellplatz der früheren Heeres- und Luftnachrichtenschule vorbei an Gewächshäusern in die Gefilde der MLU-Agrarwissenschaftler.

Im Erdgeschoss des Neubaus treffen wir fast am Ende des langen Flurs Dr. Claudia Flügel, die wissenschaftliche Koordinatorin des WCH, in ihrem Büro. „Erstmals gibt es hier in Deutschland eine Kooperation pflanzenwissenschaftlicher und biotechnologischer mit wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Forschungsbereichen“, sagt Claudia Flügel. „Dabei ist es ganz natürlich, dass Naturwissenschaftler eine andere Sprache sprechen als Wirtschaftswissenschaftler. Aber genau daraus ergibt sich das große Potenzial und natürlich die besondere Herausforderung für den WCH.“ Um erfolgreich interdisziplinär arbeiten zu können, müssen Disziplingrenzen gelockert werden.

„Ein intensiver Austausch ist nur möglich, wenn die Bereitschaft und das grundlegende Interesse an dem anderen Fachbereich vorhanden sind und man sich gegenseitig zuhört. Wichtig ist, dass die Wissenschaftler in der Lage sind, ihre komplizierten Sachverhalte für einen interessierten fachfremden Zuhörer verständlich auszudrücken. Es ist unverzichtbar, bei regelmäßigen Treffen eine gemeinsame Sprache zu finden“, weiß die Koordinatorin, und ihr ist bewusst, dass der Erfolg davon abhängt. Claudia Flügel hat zusätzlich zu ihrem Studium und ihrer Promotion im Bereich der Pflanzenphysiologie kürzlich ein Fernstudium im Bereich Wissenschaftsmarketing an der TU Berlin absolviert. So sieht sie es speziell als ihre Aufgabe an, moderierend und vermittelnd zwischen den Fächern tätig zu werden.

Pflanzenforscher Prof. Dr. Klaus Pillen und Chemieprofessor Ludger Wessjohann (Foto: Maike Glöckner)

Pflanzenforscher Prof. Dr. Klaus Pillen und Chemieprofessor Ludger Wessjohann im Austausch. (Foto: Maike Glöckner)

„Außerdem soll der WCH eine Plattform für den Wissens- und Technologietransfer in die Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit darstellen“, erklärt Flügel. Nicht zuletzt seien auch hier bei Fragen zur Bedeutung pflanzlicher Produktion und zu den Möglichkeiten und Potenzialen der pflanzenbasierten Bioökonomie allgemeinverständliche Darstellungen unverzichtbar. „Der WCH steht noch am Anfang. Die gegenwärtige Aufbruchsstimmung und den Schwung wollen wir nutzen, um die hochgesteckten Ziele zu erreichen“, so Flügel. Derzeit laufen am WCH zwei disziplinübergreifende Verbundprojekte, ein weiteres befindet sich in der Begutachtung und wird zum 1. Januar 2013 starten. Darüber hinaus finanziert der WissenschaftsCampus eine Nachwuchsgruppe am Leibniz-Institut für Pflanzenbiochemie. Der WCH will vor allem junge Leute für das Zukunftsthema pflanzenbasierte Bioökonomie begeistern und zu interdisziplinär geschulten Fachkräften ausbilden.
Die Vernetzung der verschiedenen Institute innerhalb des WCH ermöglicht es, über den eigenen Tellerrand hinaus zu sehen.

„Wer will schon rotes Brot essen?“

Als einer der ersten Promovenden des WissenschaftsCampus hat der junge Volkswirt Sven Grüner, der gerade in Halle seinen Master erworben hat, hier eine Forschungsheimat gefunden. „Der thematische Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf bioökonomischen Innovationen, die im Kontext von begrenzter Rationalität und Mehrfachzielen betrachtet werden, um eine Politikfolgenabschätzung zu ermöglichen“, sagt Grüner. Er verfolgt damit eins von zwei Teilprojekten innerhalb eines bioökonomischen Verbundprojekts zu pflanzenbasierten Innovationen und Klimawandel. Betreut wird die Arbeit von den Agrarökonomen und MLU-Professoren Norbert Hirschauer und Peter Wagner. Kurze Wege zwischen Universität und Leibnitz-Instituten haben sich schon in der Anfangsphase als vorteilhaft erwiesen, denn das Verknüpfen von Untersuchungsergebnissen der verschiedenen Fachdisziplinen spielt für das Projekt eine wichtige Rolle.

Mitten in der Sommerpause – Anfang August – treffen sich die beiden WissenschaftsCampus-Sprecher Klaus Pillen, Professor für Pflanzenzüchtung an der MLU, und Ludger Wessjohann, Professor für Natur- und Wirkstoffchemie und Geschäftsführender Direktor des Leibniz-Instituts für Pflanzenbiochemie (IPB), im Tagungsraum des IPB, um die nächsten Ziele abzustecken. Bei strahlendem Sonnenschein leuchten vor dem Gebäude in der parkähnlichen Umgebung weithin die prächtigen Geranien. In voller Blüte stehen Petunien und Fuchsien. „Der WissenschaftsCampus hat drängende gesellschaftliche Probleme im Blick“, sagt Wessjohann.

„Es geht um die Anforderungen an die Erzeugung pflanzlicher Produkte angesichts der wachsenden Weltbevölkerung. Um die Dinge komplett zu verstehen und viele Facetten eines Phänomens beleuchten zu können, ist interdisziplinäres Arbeiten eine unverzichtbare Grundvoraussetzung. Unsere gesamte Ernährung und ein Großteil unserer Baustoffe, Energie und Medikamente sind bereits heute pflanzlichen Ursprungs. Daraus ergeben sich Wechselspiele mit verschiedensten fachlichen Komponenten.“

Lediglich die Drittmitteleinwerbung für den WCH könnte sich problematisch gestalten, meint Wessjohann. „Hier werden derzeit die Mittel meist noch nach Fächern getrennt vergeben und interdisziplinäre Projekte haben es oft schwer. Viel hängt von der Geschicklichkeit des Antragstellers ab.“ Auch Professor Pillen findet, dass Interdisziplinarität mehr Chancen als Risiken bietet. Er meint, dass der WCH derzeit „eher Transdisziplinarität praktiziert“, denn die Forschung soll hier integrativ in einem eng miteinander verflochtenen Prozess ablaufen. „Es versteht sich, dass dabei Sprachbarrieren zu überwinden sind.

Gemeinsam im offenen und transparenten Dialog am Modell arbeiten, verschiedene Aspekte betrachten, bei denen die Ebenen der Pflanzenforschung und der Volkswirtschaft ineinander übergehen, so sollen sich hier die Forschungen gestalten“, erklärt Pillen. Bei der Züchtung von Pflanzen spiele nicht zuletzt die Verbraucherakzeptanz eine entscheidende Rolle. „Die sozioökonomische Sicht ist hier sehr wichtig und wurde in den vergangenen Jahren zu sehr vernachlässigt. Wenn zum Beispiel Pflanzenzüchter eine neue Sorte von Weizen entwickeln, die den gesundheitsfördernden roten Farbstoff Anthocyan enthält, ist das sehr sinnvoll. Aber wer will schon rotes Brot e
ssen?“ Text: Ute Olbertz

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