Warum wir uns so gerne "in die eigene Tasche lügen"

Wer kann schon von sich behaupten, er sei gegen Bio? Und was soll an Leistung und Erfolg negativ sein? Diese Begriffe sind positiv besetzt. „Wer würde schon ernsthaft gegen Erfolg, Reichtum oder Gewinn argumentieren wollen und können?“, fragt Germanistik-Professor Dr. Gerd Antos. Auf dem interkulturellen Kolloquium „Rhetorik der Selbsttäuschung“ wurde vom 15. bis 17. November diskutiert, wie Sprache dazu beiträgt, dass sich ganze Gesellschaften vor der Wahrheit verschließen können.

Neurobiologen behaupten: wir täuschen uns ununterbrochen selbst. Und das obwohl wir eigentlich wissen oder ahnen, dass das Gegenteil wahr ist. Die Fertigsuppe nehmen wir mit einem guten Gewissen auf, wenn die Verpackung ausreichend enthaltene Vitamine verspricht – obwohl wir wissen, dass die frisch zubereitete Mahlzeit weitaus gesünder ist. Von Klatsch- und Hochglanzmagazinen lassen wir uns suggerieren, dass wir Teil der Reichen und Schönen sein können.

"Teflon-Wörter" sind ein Schlüssel zur Selbsttäuschung. Professor Gerd Antos beschäftigte sich in seinem Vortrag mit dieser speziellen Gruppe von Kritik-resistenten Wörtern. (Foto: Maike Glöckner)

„Teflon-Wörter“ sind ein Schlüssel zur Selbsttäuschung. Prof. Gerd Antos beschäftigte sich in seinem Vortrag mit dieser speziellen Gruppe von Wörtern. (Foto: Maike Glöckner)

Kann es trotzdem nützlich sein, sich selbst etwas vorzumachen? Antos zitiert den US- amerikanischen Soziobiologen und Evolutionsbiologen Robert Trivers: „Wer Erfolg haben will, tut gut daran, sich für besser, klüger und schöner zu halten, als er tatsächlich ist.“ Ein gewisser Grad an Selbsttäuschung hat also auch positive Effekte.

Anlass für das Kolloquium war das von der Deutschen Forschunggemeinschaft geförderte Forschungsprojekt „Denkstile als Kommunikative Paradigmen“. Geleitet von Gerd Antos und Prof. Dr. Ulla Fix von der Universität Leipzig, sollte unter anderem die Frage geklärt werden, wie die DDR in der staatlich gelenkten Wirtschaftsberichterstattung selber „Opfer ihrer eigenen Propaganda“ werden konnte. „Da kollektive Selbsttäuschung aber nicht nur ein Phänomen der DDR ist, hat sich das Kolloquium auch den aktuellen Seiten des Themas gewidmet“, sagt Antos.

Ein Schlüssel zur Selbsttäuschung sind Ausdrücke, die Gerd Antos als „Teflon-Wörter“ bezeichnet. So wie eine Teflonpfanne das Anbacken verhindert, so prallt auch jede Infragestellung und Kritik an den Wörtern ab. Indem sie scheinbar eine positive Aura verbreiten, verführen sie leicht dazu, ihnen Glauben zu schenken. Doch wir machen uns etwas vor – wir täuschen uns selbst durch Sprache.

Das Wort Bio dürfe in keinem Parteiprogramm mehr fehlen, so Antos. Es steht heute für eine gesündere Lebensweise und Umweltschutz. Bio-Eier, Bio-Bauer, Bio-Sprit. „Obwohl es von Beginn an berechtigte Kritik am Bio-Sprit E10 gab, haben entsprechende Teflon-Wörter eine kollektive Selbsttäuschung begünstigt“, sagt Antos. Was als Bio gilt, würde allerdings nicht vom Einzelnen entschieden werden, sondern erst durch das Kollektiv geschaffen. Durch ihren inflationären Gebrauch werden sie schließlich für „schön“ und „akzeptabel“ erklärt.

Dass kollektiven Formen der Selbsttäuschung vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, liege Antos zufolge im Phänomen selbst. Das Kolloquium hat deshalb einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, verschiedene Perspektiven aus Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaften sowie der Wirtschaftsgeschichte, Philosophie und Psychologie zusammenzutragen.

Text: Maria Preußmann

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