Global regional geforscht

Was hat die Mark Brandenburg mit Welterbestätten in Mauritius zu tun? Am Zentrum für Interdisziplinäre Regionalstudien (ZIRS) werden Fächer- und Ländergrenzen zugleich überwunden. Hier forschen Ethnologen und Orientologen, Theologen und Archäologen, Historiker, Geographen und andere Wissenschaftler in ganz unterschiedlichen Regionen zu gemeinsamen Projekten – zum Beispiel zu „Kulturellem Erbe im Zeitalter des Massentourismus“.

Wie das funktioniert und welcher Mehrwert dabei entsteht, erzählt Ethnologie-Professor Burkhard Schnepel, Geschäftsführender Direktor des Zentrums, im Interview.

Das Thema Regionalstudien hört sich weltumfassend an. Lassen sich Regionalstudien überhaupt eingrenzen?

Burkhard Schnepel: Mittlerweile ist das ZIRS auch über seinen ursprünglichen Fokus – den Nahen und Mittleren Osten – hinausgegangen, bis nach Indien, Japan und Europa. Regionalstudien oder ‚Area Studies‘ im neueren Sinne stellen neben dem Erwerb landeskundlicher Kenntnisse, etwa im Bereich der Sprache, Kultur oder Geschichte, vor allem eine methodologische Herausforderung dar.

Wenn man sich auf die Empfehlungen des Wissenschaftsrats zu den Regionalstudien bezieht, an denen ich selber mitarbeiten konnte, dann gilt es zweierlei zu betonen: Erstens, Regionalstudien sollen sich, auf der Basis regionaler Expertisen, nunmehr verstärkt auch transregionalen Phänomenen widmen. Und zweitens sollen Regionalstudien und die unterschiedlichen systematischen Disziplinen, aus denen heraus sie betrieben werden, wieder verstärkt miteinander in den wissenschaftlichen Austausch treten und sich gegenseitig anregen.

Ethnologe Burkhard Schnepel ist Direktor des ZIRS. (Foto: MLU)

Ethnologe Burkhard Schnepel ist Direktor des ZIRS. (Foto: MLU)

Wenn Regionalstudien aus unterschiedlichen Disziplinen betrieben werden, heißt das, sie sind an sich schon interdisziplinär?

Die Interdisziplinarität von Regionalstudien liegt eine Ebene höher, nämlich nicht auf der Ebene der Studien, sondern auf der Ebene der Wissenschaften. Man spricht ja nicht länger von Regionalwissenschaften, sondern ganz bewusst von Regionalstudien. Man kann sich beispielsweise mit der Region Indien als Philologe, Religionswissenschaftler oder Wirtschaftswissenschaftler beschäftigen. Es sind diese systematischen Disziplinen, nicht die Regionalstudien selbst, die Interdisziplinarität schaffen müssen.

Wie kann hier Interdisziplinarität entstehen?

In der Regel versucht man, Interdisziplinarität institutionell dadurch herzustellen, dass man unterschiedliche Disziplinen durch den gemeinsamen Bezug auf eine Region verbindet. Dies ist beispielsweise in Instituten wie dem Heidelberger Südasien-Institut der Fall. Das ZIRS definiert sich weniger durch den Bezug auf eine Region, als durch den Bezug auf eine Fragestellung, auf ein Thema, kurz auf ein Problem. Dieses Problem kann dann aus unterschiedlichen Disziplinen heraus mit Bezug auf nur eine Region aufgearbeitet werden. Aber es lässt sich auch in unterschiedliche Regionen exemplarisch und transregional untersuchen.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Das ZIRS bildet seit mehr als einem Jahr neben dem Europäischen Romanik-Zentrum einen der beiden Pfeiler des interdisziplinären Kompetenz-Netzwerks ‚Cultural Heritage‘, an dem sich Historiker, Kunsthistoriker, Archäologen, Ethnologen, Theologen, Germanisten, Medienwissenschaftler und Forscher anderer Fächer beteiligen. Hier wird eine ganze Reihe von gemeinsamen Themen in unterschiedlichen Regionen und auch transregional bearbeitet. Beispielsweise gibt es eine Gruppe von Forschern und Forscherinnen, die sich mit der Problematik ‚Kulturelles Erbe im Zeitalter des Massentourismus‘ beschäftigen. Sie untersuchen aus ihren unterschiedlichen Disziplinen heraus die Auswirkungen des Wirtschaftszweiges ‚Tourismus‘ auf kulturelles Erbe an archäologischen Ausgrabungsstätten in der Türkei, an Welterbestätten in Mauritius oder Japan, in Kulturlandschaften wie dem Rhein oder der Mark Brandenburg. Sie sind daran interessiert, wie in verschiedenen Regionen der Welt Prozesse der Kommerzialisierung und des Konsums von kulturellen Elementen, materiell wie ideell, durch Tourismus gestaltet werden.

Wie sieht diese Zusammenarbeit konkret aus?

Wir haben die Einzelprojekte intensiv vordiskutiert und eine Art Dachkonzept mit verschiedenen Axiomen erstellt. Eines unserer Axiome lautet: ‚Kulturerbe ist etwas Neues, das allerdings Bezug auf etwas Vergangenes nimmt.‘ Daraus resultiert eine erste grundlegende Form der Interdisziplinarität: Gegenwartsbezogene Wissenschaften und historisch arbeitende Wissenschaften kommen hier auf ingeniöse Weise zusammen und gehen beispielsweise der Frage nach, warum in der Gegenwart kulturelles Erbe überall auf der Welt solch ein Kult ist und welche ‚politics‘ damit verbunden ist.

Forscher verschiedener Disziplinen verwenden Sprache teils unterschiedlich und arbeiten mit unterschiedlichen Methodiken. Ist das ein Problem oder eine Bereicherung?

Es ist eine Herausforderung. Und, wenn diese Herausforderung erfolgreich angenommen wird, eine Bereicherung. Am ZIRS soll durch die Interdisziplinarität, aber auch durch transregionale Vergleiche ein geistiger Mehrwert entstehen. Als Ergebnis einer interdisziplinären Tagung kommt zum Beispiel beim transcript-Verlag demnächst ein Buch heraus mit dem Titel: „Kultur all inclusive“. Durch den Vergleich und die Diskussionen, die unsere verschiedenen Untersuchungen hervorgebracht haben, ist hier, so meinen wir, ein bedeutender Mehrwert entstanden.

Interview: Corinna Bertz

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