"Diese Studie wird uns voraussichtlich die nächsten 20 bis 30 Jahre beschäftigen", sagt Prof. Dr. Andreas Stang (Foto: UKH)

"Diese Studie wird uns voraussichtlich die nächsten 20 bis 30 Jahre beschäftigen", sagt Prof. Dr. Andreas Stang (Foto: UKH)

Den Volkskrankheiten auf der Spur

Es ist die größte je geplante Gesundheitsstudie in Deutschland: In der „Nationalen Kohorte“ sollen 200.000 Teilnehmer im Alter von 20 bis 69 Jahren untersucht werden. An bundesweit 18 Studienzentren laufen die Vorbereitungen zu dem Forschungsvorhaben zu Volkskrankheiten. Mit 210 Millionen Euro wird das Projekt von Bund, Ländern und der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren finanziert. Mediziner der MLU leiten eines der Zentren. Im Interview gibt Professor Dr. Andreas Stang, Direktor des Instituts für klinische Epidemiologie, über die Studie in Halle Auskunft.


Welches Anliegen verfolgt die Nationale Kohorte?

Die Nationale Kohorte hat zum Ziel, neue Einflussfaktoren von häufigen, in der Regel multifaktoriell verursachten, chronischen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus oder Krebserkrankungen zu ermitteln. Dadurch sollen neue Wege für die Prävention erschlossen werden. In der Studie sollen deutschlandweit 200.000 Menschen im Alter von 20-69 Jahren medizinisch untersucht und nach Erkrankungen und Lebensgewohnheiten (z.B. körperliche Aktivität, Rauchen, Ernährung, Beruf) befragt werden.

Darüber hinaus werden allen Studienteilnehmern Bioproben (Blut, Urin, Speichel) entnommen. Bestimmte Blutparameter werden direkt im Labor bestimmt, ein Großteil der Proben wird jedoch für spätere Forschungsfragen in Bioprobenbanken gelagert. Alle Teilnehmer sollen über einen längeren Zeitraum nachbeobachtet werden, d.h. ca. alle 5 Jahre zu Nachuntersuchungen eingeladen werden und dazwischen postalisch befragt werden. Im Laufe der Nachbeobachtung über 10-20 Jahre werden bei einigen Teilnehmern naturgemäß bestimmte Erkrankungen auftreten, die dann mit den erhobenen Daten in Verbindung gebracht werden können.

Die Studie bietet damit ein einzigartiges Potential für eine Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen. Aus alledem werden die Forscher wertvolle Erkenntnisse darüber gewinnen, wie genetische Faktoren, Umweltbedingungen, soziales Umfeld und Lebensstil bei der Entstehung von Krankheiten zusammenwirken. Aus den Erkenntnissen sollen Strategien für eine bessere Vorbeugung und Behandlung der wichtigsten Volkskrankheiten abgeleitet werden.

10.000 Personen zwischen 20 und 69 Jahren sollen in Halle untersucht werden. (Foto: UKH)

10.000 Personen zwischen 20 und 69 Jahren sollen in Halle untersucht werden. (Foto: UKH)

Womit konnte Halle bei der Bewerbung als Studienzentrum punkten?

Insbesondere sprach für Halle, dass hier Epidemiologen arbeiten, die eine reiche Erfahrung in der Durchführung bevölkerungsbezogener Beobachtungsstudien haben. So wird in Halle in Zusammenarbeit des Instituts für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik mit der Klinik für Innere Medizin III seit 2002 die sogenannte CARLA-Studie durchgeführt. Dies ist eine Langzeit-Beobachtungsstudie, in der knapp 2000 Hallenserinnen und Hallenser insbesondere bezüglich Herz-Kreislau-Erkrankungen und deren Risikofaktoren untersucht werden. Ich selber habe in meiner Zeit in Essen die Heinz Nixdorf Recall Studie auf den Weg gebracht und koordiniert. Das Ziel dieser Studie an 4.814 Bürgerinnen und Bürgern des Ruhrgebiets ist, ausgewählte Untersuchungsverfahren hinsichtlich ihrer Eignung des frühzeitigen Erkennens von Herzinfarkt und Herztod in der Bevölkerung des Ruhrgebietes zu untersuchen. Erfahrungen in der Durchführung solcher Großprojekte sind von enormer Bedeutung für die Nationale Kohorte, da der erwartete organisatorische und logistische Aufwand gewaltig ist.

Welche Aufgaben übernimmt die Studienambulanz in Halle?

Im Studienzentrum Halle sollen ab Ende des Jahres 2013 10.000 Personen zwischen 20 und 69 Jahren untersucht werden. In der Vorbereitung der Nationalen Kohorte ist das Studienzentrum Halle intensiv in die Entwicklung von Untersuchungsmodulen involviert. Insbesondere die Erhebung von Schlafcharakteristiken und die Messung der körperlichen Fitness spielen am Standort Halle eine wichtige Rolle.

"Besonders interessiert uns dabei die Erforschung von Schlafphänomenen." (Foto: UKH)

„Besonders interessiert uns dabei die Erforschung von Schlafphänomenen.“ (Foto: UKH)

Wie viele Hallenser werden teilnehmen?

Insgesamt sollen 10.000 freiwillige Probanden im Studienzentrum Halle untersucht werden. Dabei wird es sich zum größten Teil um Hallenserinnen und Hallenser im Alter zwischen 20 und 69 Jahren handeln. Um einen Einblick in die gesundheitliche Situation auch in einer eher ländlichen Bevölkerung zu bekommen, sollen zudem Probanden aus ausgewählten Orten des angrenzenden Saalekreises rekrutiert werden.

Kann man sich freiwillig melden?

Leider nein. Ziel der Studie ist es, ein möglichst repräsentatives Abbild der in den Studienregionen lebenden Bevölkerung zu bekommen. Hierfür ist es notwendig, Personen zufällig aus der Bevölkerung auszuwählen. Dies geschieht, in dem Zufallsstichproben aus den zuständigen Melderegistern gezogen werden. Nur die so ausgewählten Personen werden dann zur Untersuchung eingeladen. Um eine möglichst hohe Repräsentativität zu erreichen, ist es wichtig, dass von den ausgewählten Personen so viele wie möglich an der Untersuchung teilnehmen.

Was erwartet die Teilnehmer?

Die Teilnehmer erwartet eine Vielzahl von interessanten Untersuchungen aus unterschiedlichen medizinischen Bereichen. Dabei bekommen alle Teilnehmer ein sogenanntes Basis-Untersuchungsprogramm, welches u.a. aus der Erhebung des Blutdrucks, eines EKGs, der arteriellen Flussgeschwindigkeit, kognitiven Tests, einer Lungenfunktionsprüfung und einer Handkraftmessung besteht. Darüber hinaus werden Befragungen im persönlichen Interview und als Touchscreenbefragung durchgeführt und Biomaterial, also v.a. Blut, Urin und Speichel abgenommen.

Zweitausend der 10.000 Teilnehmer in Halle bekommen ein erweitertes Untersuchungsprogramm, zu dem u.a. ein Diabetestest und ein Ultraschall des Herzens zählen. Die Teilnehmer bekommen z.T. auch mobile Untersuchungsgeräte mit nach Hause. Mit diesen sollen die körperliche Aktivität gemessen sowie Schlafcharakteristiken untersucht werden.

Wie ist der aktuelle Stand der Vorbereitung?

Momentan befinden wir uns quasi in der letzten Phase vor dem heißen Start. Es wurden bisher weitestgehend die Untersuchungsmodule zusammengestellt und getestet, sowie die gesamten organisatorischen und logistischen Strukturen aufgebaut. Alles wurde in zwei sogenannte Pretest getestet. Nun findet noch der „Feinschliff“ des Untersuchungsprogramms statt, ehe das endgültige Programm in einer Pilotphase letztmalig getestet werden kann.

Wann starten die Untersuchungen?

Der Beginn der Pilotphase ist für September 2013 vorgesehen, direkt danach wird Anfang 2014 die Hauptphase der Studie starten.

Wie lange werden Sie und die Teilnehmer mit der Studie beschäftigt sein?

Die durch das BMBF, die Bundesländer und die Helmholtz-Gemeinschaften geförderte Studie wird uns voraussichtlich die nächsten 20 bis 30 Jahre beschäftigen. Dies ist für eine solche Beobachtungsstudie aber kein ungewöhnlich langer Zeitraum sondern völlig normal, da wir ja auf das ausreichend häufige Auftreten von sogenannten Ereignissen im Zeitverlauf angewiesen sind. D.h. in einer prospektive Beobachtungsstudie, in der Risikofaktoren für eine bestimmte Krebserkrankung untersucht werden sollen, müssen auch ausreichend Fälle dieser Erkrankung zu beobachten sein.

Gibt es im Rahmen der Nationalen Kohorte Kooperationen mit anderen Fakultäten der MLU?

Im Rahmen der Auswertung von Daten zur Schlafcharakterisierung arbeiten wir eng mit Prof. Kantelhardt aus dem Institut für Physik zusammen. Prof. Kantelhardt entwickelt mit uns gemeinsam Algorithmen mit Hilfe derer Daten aus mobilen Untersuchungsgeräten, sogenannten Akzelerometern, hinsichtlich Schlafcharakterisierung ausgewertet werden können.

Wie passt die Nationale Kohorte zu den Forschungsschwerpunkten der Medizinischen Fakultät und der Universität?

Ein Schwerpunkt unserer Fakultät ist die „Klinische Epidemiologie und Pflegeforschung“. Damit passt die Nationale Kohorte als epidemiologische Beobachtungsstudie natürlich ganz besonders gut an unsere Fakultät. Dies führt zum einen zu einer Stärkung des Schwerpunkts, zum anderen ergibt sich durch die Nationale Kohorte aber auch die Möglichkeit der engen Kooperation mit Kliniken und Instituten der Medizinischen Fakultät und auch anderen Fakultäten der Martin-Luther-Universität im Rahmen sogenannter Level-3-Projekte der Nationalen Kohorte. Dabei handelt es sich um Projekte, welche an jedem Standort der Nationalen Kohorte auf das eigentlich vorgesehene Untersuchungsprogramm aufgesetzt werden können. Wir haben daher an unserer Fakultät einen Aufruf zur Einreichung von Forschungsskizzen gestartet und waren über die Resonanz hoch erfreut. Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen haben Ihr Interesse an der Einbringung zusätzlicher Fragestellungen geäußert, so dass eine Gutachterkommission derzeit die Skizzen bewertet und die geeignetsten Projekte auswählt.

Welche Forschungsprojekte werden Sie neben den Hauptzielen der Studie verfolgen?

Wie schon erwähnt, sind wir besonders an der Charakterisierung von Schlafphänomenen interessiert, beispielsweise der Schlafqualität, der Schlafhygiene, der nächtlichen Schlafdauer, der Häufigkeit und der Bedingungen des Mittagsschlafes und der schlafbezogenen Atmungsstörungen. Schlafphänomene spielen insbesondere bei der Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und metabolischen Erkrankungen eine bisher zu wenig beforschte Rolle.

Interview: Jens Müller

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