Das Beste in Deutschland – vielleicht sogar europaweit und in der Welt

„Das vorzüglichste Cabinett in unserer Stadt ist unstreitig das Meckelsche.“ So umreißt „Rundes Chronik der Stadt Halle 1750 bis 1835“ das schon damals hohe Ansehen jener ursprünglich privaten Sammlungen mehrerer Mitglieder der Medizinerfamilie Meckel – und doch greift er viel zu kurz! Denn nicht nur hier, vielmehr in ganz Deutschland und weltweit stellen die Meckelschen Sammlungen im Institut für Anatomie und Zellbiologie der hiesigen Universität einen singulären Schatz der Wissenschaft dar. Jahr für Jahr kommen viele Ärzte, Studierende, interessierte Laien und Anatomen aus aller Herren Länder nach Halle, um diesen medizinhistorischen Fundus selbst zu sehen und wissenschaftlich damit zu arbeiten.

Totes kann so schön und lebendig sein! – Die öffentlichen Führungen sind seit Jahren heiß begehrt. Dank des Zusammenwirkens des Fördervereins Meckelsche Sammlungen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg e. V. mit einem halleschen Urgestein der Medizin kann sich aber Neu- und Wissbegier jetzt auch anders behelfen: Ende 2012 kam ein prächtiger Bildband heraus, der Vieles viel besser präsentiert, als wenn man im Rudel an den Vitrinen vorübereilt. Wie die Sammlungen überhaupt entstanden, welche wechselvolle Geschichte sie hinter sich haben, spannende Erklärungen zu den einzelnen Exponaten – all das kann man nun in Ruhe nachlesen.

Prächtiger Bildband der Meckelschen Sammlungen.

Prächtiger Bildband der Meckelschen Sammlungen.

Rüdiger Schultka, mehrere Jahre Direktor des Instituts sowie langjähriger Prosektor und Leiter des makroskopisch-anatomischen Arbeitsbereichs, hat aus seinem Lebenswerk ein Buch gemacht. Die Texte, ernsthaft und amüsant, oft mit hübschen Anekdoten garniert, lassen den Leser nach- und mitempfinden, wie der (Be-)Schreiber für seinen Gegenstand glüht; wunderbare Fotos von Janos Stekovics visualisieren dieses Wissen und zeigen die „Naturschönheit so mancher anatomischen Mikrostruktur“.

Drei Mediziner namens Meckel – Johann Friedrich d. Ä. (1724–1774), Philipp Friedrich Theodor (1755–1803) und Johann Friedrich d. J. (1781–1833) – legten den Grundstock für die seit 1836 im Besitz der Universität befindlichen Sammlungen, teils nach dem Vorbild der englischen Anatomen William und John Hunter sowie des Franzosen George Cuvier und mit ihrem für die damalige Zeit herausragenden wissenschaftlich-theoretischen Wissen und manuellen Geschick.

Dass die kostbaren Sammlungen trotz erheblicher Verluste im 19. Jahrhundert in ihrem Kern bewahrt werden konnten, ist vor allem den Institutsdirektoren (namentlich Hermann Welcker, Wilhelm Roux und Joachim-Hermann Scharf) sowie den „Custoden“ zu danken; deren letzter war Egbert Steinicke († 2012), der nach 46 Jahren auf die zweitlängste Dienstzeit als Prosektor und Präparator zurückgeblickt hat.

Noch immer umfassen die Sammlungen über 7000 Exponate; der weitaus größte Teil gehört zum menschlich-anatomischen Bereich, der mit über 200 Seiten auch den breitesten Raum des Buches füllt. Da stehen originale Trockenpräparate aus dem 18. Jahrhundert, so aus dem Magen-Darm-Kanal, neben in teurem Weingeist lagernden Feuchtpräparaten, alten Tattoos und einem „Gallschen Schädel“, der die um 1800 weit verbreitete Lehre der Phrenologie (für die sich sogar Goethe interessierte) illustriert. Die Injektions- und Korrosionspräparate (Herz, Haut, Lungen) wurden bereits im 18. Jahrhundert mit Hilfe von Wachs hergestellt und in die Sammlungen aufgenommen.

Außer „normalen“ Körperteilen erregten von jeher anatomische Anomalien das Interesse der Medizin. So brandmarkte Philipp Meckel 1780 in den „Wöchentlichen Hallischen Anzeigen“ das modische Tragen von Schnürbrüsten als sehr gesundheitsschädlich; deformierte Rumpfskelette der Sammlungen zeigen, wie berechtigt das war.

Die Homepage des Instituts lädt zu einem „virtuellen Rundgang“ durch die Sammlungen ein – damit dieser erste Eindruck Neugier auf die Originale weckt.

Margarete Wein

► Rüdiger Schultka: Das vorzüglichste Cabinett. Die Meckelschen Sammlungen zu Halle (Saale), 296 Seiten, 280 farbige Abbildungen, 35,00 Euro, Verlag Janos Stekovics 2012, ISBN 978-3-89923-301-8

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