Heiner Lück mit einem Druck des Sachsenspiegels. An diesem Rechtsbuch hat bereits Guido Kisch geforscht. (Foto: Michael Deutsch)

Unvergessenes Unrecht

Guido Kisch und Heiner Lück verbindet mehr als die Tatsache, dass Lück seit knapp 20 Jahren Kischs einstigen Lehrstuhl an der Universität Halle innehat. Seit seinem Studium beschäftigt sich Lück mit der Biografie des jüdischen Rechtswissenschaftlers, der bis zu dessen Berufsverbot 1933 elf Jahre lang als Professor in Halle tätig war. Heute ist Kischs Familie Heiner Lück freundschaftlich verbunden.

Zum ersten Mal stößt Heiner Lück vor rund 35 Jahren auf Guido Kisch. Damals recherchiert er für seine Diplomarbeit. Dass Kisch ihn sein Leben lang begleiten wird, ahnt der Student noch nicht. Auch für seine Dissertation und die Habilitation liest Lück die wissenschaftlichen Arbeiten von Kisch, später studiert er private Notizen und Briefe. Beide Rechtshistoriker beschäftigen ähnliche Forschungsgebiete: die humanistische Rechtswissenschaft und der Sachsenspiegel, das bedeutendste Rechtsbuch des deutschen Mittelalters.

In Kischs Habilitation war der Sachsenspiegel ein wichtiger Aspekt. „Ihm wurde 1922 sogar die Leitung der umfangreichen Sachsenspiegel-Glossen-Edition angeboten, aber er lehnte ab. Eine Person allein könne die Aufgabe nicht bewältigen“, erzählt Heiner Lück. Seit 1998 betreut er nun gemeinsam mit seinem Lehrer Rolf Lieberwirth das Projekt, das noch bis 2022 läuft. Der Sachsenspiegel ist für ihn zu einer Lebensaufgabe geworden.

Wenn Lück heute über Kisch und dessen rechtshistorisches Werk spricht, glaubt man die beiden Gelehrten seien nicht nur Fachkollegen, sondern auch Freunde gewesen. Beeindruckend sei Kischs Fähigkeit, verschiedene Quellen wissenschaftlich fruchtbar zu machen, seine unerschütterliche Prinzipienfestigkeit und die „preußische Disziplin“. „Er zeichnet sich durch seine Liebe zur Ehrlichkeit, zur deutschen Sprache und durch seine Schreibfreudigkeit aus“, sagt Lück über seinen Vorgänger. Zu einem Treffen der beiden ist es allerdings nie gekommen.

Guido Kisch (Quelle: Guido Kisch: Der Lebensweg eines Rechtshistorikers. Erinnerungen, Sigmaringen 1975)

Guido Kisch (Quelle: Guido Kisch: Der Lebensweg eines Rechtshistorikers. Erinnerungen, Sigmaringen 1975)

Kisch wurde 1889 in Prag geboren und wuchs in einer angesehenen jüdischen Familie auf. Zum Jurastudium kam er aus praktischen Erwägungen: Ein Freund seines Vaters besaß Anfang des 20. Jahrhunderts eine Kanzlei in Prag, in der Kisch eine Stelle in Aussicht stand. Nach seiner Promotion 1912 ging er jedoch an die Universität Leipzig. „Dort konnte er sich habilitieren, ohne seinen jüdischen Glauben ablegen zu müssen“, weiß Lück. 1920 wurde Kisch Professor in Königsberg, 1922 wechselte er an die Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten bedeutete für ihn eine tragische Zäsur. Im April 1933 beschloss das NS-Regime das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, mit dem auch jüdische und politisch unerwünschte Hochschullehrer aus ihren Ämtern entlassen wurden. Kisch musste seine Lehr- und Forschungstätigkeiten abrupt beenden. „Mit Erlaß des preußischen Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 26. Oktober 1933 erfolgte die Versetzung in den Ruhestand“, beschreibt Lück den Vorgang.

Kisch wehrte sich entschlossen gegen das Vorgehen der Nazis, auch gegen die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit – allerdings vergebens. „Interessant und bedrückend zugleich ist, wie das Unrecht in Halle verwaltet wurde“, berichtet Lück. So wurden alle Schritte für Kischs Verdrängen genau vorbereitet und protokolliert, sogar die Abgabe der Schlüssel für seine Büroräume. Ende 1933 reiste er für einen Gastaufenthalt nach New York. Zwei Jahre später emigrierte er mit Frau und Sohn endgültig in die USA. Der Neuanfang war schwer. Er fand schließlich eine Anstellung am Hebrew Union College, wo er seine Arbeit fortsetzen konnte.

Aber nicht alle Angehörigen seiner Familie hatten die Chance sich ins Ausland zu retten. Etliche Verwandte fielen dem NS-Regime zum Opfer. Erst Mitte der 1950er Jahre kehrte Kisch nach Europa zurück. Er zog in die Schweiz, wo er an der Baseler Universität eine Ehrendozentur erhielt. Anfang der 1970er Jahre veröffentlichte er eine Sachsenspiegel-Bibliografie. „Für die Sachsenspiegelforschung ist sie bis heute unentbehrlich“, betont Lück. Guido Kisch starb 1985 in Basel.

Zehn Jahre später organisiert Heiner Lück als frisch berufener Professor an der Juristischen Fakultät eine Gedenkveranstaltung für die halleschen Rechtsgelehrten jüdischer Herkunft. Dazu lädt er einen Ehrengast ein: Dr. Alexander Kisch. Der Sohn seines Amtsvorgängers kommt mit seiner Tochter Suzanne. „Sohn und Enkelin hatten großes Interesse am Leben und Wirken ihres Vaters und Großvaters hier in Halle.“

Nach der Tagung engagieren sich Lück und andere weiter: 2004 wird eine Straße im halleschen Stadtteil Büschdorf nach Guido Kisch benannt. 2010 besuchen seine Nachfahren erneut die Saalestadt. Lück zeigt ihnen Kischs altes Wohnhaus in der Schwuchtstraße in Kröllwitz. Für den leidenschaftlichen Münzsammler – auch eine Gemeinsamkeit mit Guido Kisch – ist es wichtig, die Beziehung zu dessen Familie aufrechtzuerhalten. Deshalb hat er sie auch zur Gedenkveranstaltung am 27. November 2013 nach Halle eingeladen.
Tobias Wagner und Tom Leonhardt

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