Mühlenberg-Zentrum: Ein neuer Blick auf Amerika

Mit einer Festveranstaltung wird heute Abend das neu gegründete Mühlenberg-Zentrum für Amerikastudien bzw. Muhlenberg Center for American Studies (MCAS) feierlich eröffnet. Über den Anlass der Neugründung und seine Ziele als Direktor der interdisziplinären wissenschaftlichen Einrichtung spricht Prof. Dr. Erik Redling im Interview.

Was ist der Anlass für die Gründung des neuen Zentrums?

Das bisherige Zentrum für USA-Studien wurde sozusagen in das Mühlenberg-Zentrum überführt. Wir werden auf der Tradition des ZUSAS aufbauen, streben mit der Neugründung aber eine interdisziplinäre Neuausrichtung der Amerikastudien in Halle an. Diese verstärkte Interdisziplinarität findet sich auch in der Satzung wieder, die heute im Senat verabschiedet worden ist. Im Direktorium des neuen Zentrums sitzen Hochschullehrer aus verschiedenen Fachbereichen. Damit soll signalisiert werden, dass hier verschiedene Fachbereiche gemeinsam Projekte einwerben und zusammenarbeiten werden.

„Wir wollen Nordamerika im globalen Kontext erforschen“, Prof. Dr. Erik Redling, Direktor des MCAS (Foto: Maike Glöckner)

Welche Fachbereiche werden sich am Mühlenberg-Zentrum beteiligen?

Unter anderem die Komparatistik, die Japanologie und die ibero-romanischen Studien, durch die Südamerika und die Karibik am Zentrum vertreten sind. So können wir beispielsweise den gesamten pazifischen Raum stärker in den Fokus rücken. Der Name „Zentrum für USA-Studien“ war sehr national ausgerichtet. Am Mühlenberg-Zentrum soll es künftig stärker um transnationale Beziehungen gehen und darum, Nordamerika in einem globalen Kontext zu untersuchen. Und wir sind daran interessiert, diese Kooperationen weiter auszubauen. Ich plane im nächsten Semester zum Beispiel eine Zusammenarbeit mit der Musikwissenschaft zur amerikanischen Kultur.

Was sind weitere Ziele des Zentrums?

Das Mühlenberg-Zentrum soll noch stärker an Halle gebunden werden. Dafür wird jetzt unter anderem die Bibliothek des ZUSAS aus der LEUCOREA in Wittenberg hier in Halle angesiedelt. Das sind 15.000 Bände! Dazu gehören historische und kulturgeschichtliche Bücher, aber auch Literatur und eine der größten Kinderbüchersammlungen deutschlandweit. Für unsere Bibliothek und für die American Studies in Halle ist das natürlich eine große Bereicherung. Außerdem wird zum Beispiel mit den Franckeschen Stiftungen eine enge Zusammenarbeit angestrebt. Und wir planen ein regionales Netzwerk mit anderen Universitäten. Ein Ziel ist, dass Gäste aus den USA nicht nur in Halle einen Vortrag halten, sondern zum Beispiel auch nach Jena, Leipzig oder Magdeburg reisen, um Vorträge zu halten.

Wo werden diese 15.000 Bücher in Halle stehen?

Zum Teil ziehen sie in die neue Bibliothek am Steintor Campus, zum Teil in das Magazin der ULB in Halle-Neustadt. In der LEUCOREA waren alle Sammlungen geschlossen in sehr schönen Räumlichkeiten aufgehoben, aber die Bibliothek dort war kaum noch zugänglich, da für das Personal keine Gelder mehr zur Verfügung standen. Das wollten wir ändern und die Sammlungen, die unter anderem auch von der US-Botschaft finanziell unterstützt worden sind, wieder zugänglich und nutzbar machen.

Gastredner Prof. Dr. Geoffrey Harpham und Prof. Dr. Erik Redling mit einer Mühlenberg-Plakette (Foto: Anne Hornemann)

Gastredner Prof. Dr. Geoffrey Harpham und Prof. Dr. Erik Redling mit einer Mühlenberg-Plakette (Foto: Anne Hornemann)

Wo wird das Mühlenberg-Zentrum selbst angesiedelt sein?

Wir ziehen in das restaurierte Gebäude in die Adam-Kuckhoff-Straße am Steintor Campus. Dort haben wir einen Multifunktionsraum, wo Meetings und Diskussionen stattfinden können. Es wird aber kein eigenständiges Gebäude geben – das hat es bislang auch nicht gegeben. Das Zentrum ist vielmehr in den Räumen verankert, die die Universität schon jetzt zur Verfügung stellt.

Welche Projekte haben Sie bereits geplant?

Das erste Projekt ist eine internationale Konferenz zum Thema „Traveling Traditions“ in Halle. Dabei geht es insbesondere um Konzepte der Ästhetik und wie diese über den Atlantik reisen und dadurch immer wieder verändert werden. Dazu erwarten wir renommierte Wissenschaftler, aus den USA, Großbritannien, Österreich, Schweiz und Deutschland. Es wird auch darum gehen, Forschungsschwerpunkte für das Zentrum zu setzen. Ich möchte zum Beispiel einen Fokus auf das 19. Jahrhundert etablieren. Die Amerikastudien in Deutschland behandeln überwiegend sehr zeitnahe, kontemporäre Forschungsthemen. Dabei ist es auch wichtig, zurück zu schauen und bestimmte Themen aus dem 19. Jahrhundert aufzugreifen, die für das 20. und 21. Jahrhundert relevant geworden sind. Durch die digitale Revolution hat man jetzt Zugang zu Hunderten von Zeitschriften, Tagebüchern und Briefen aus dieser Zeit. In den USA, die in dieser Hinsicht Vorreiter sind, hat sich vor einigen Jahren eine Society of Nineteenth-Century Americanists (C19) gegründet, mit der ich gerne zusammenarbeiten möchte. Die Präsidentin und Mitglieder dieser Gesellschaft werden zu unserer Tagung kommen. Gemeinsam wollen wir darüber sprechen, wie wir die Zusammenarbeit konkret gestalten können.

Wo liegt der Nutzen des Mühlenberg-Zentrums für die Lehre?

Wir setzen natürlich auch Traditionen fort: Schon im ZUSAS wurden Kurse und Vorträge für Studierende angeboten und diese Angebote werden weitergeführt. Zum Beispiel können Referendare an Lehrerfortbildungen teilnehmen und diese mitgestalten. Wir werden auch weiterhin von der amerikanischen Botschaft gefördert und können dadurch Fulbright-Scholars einladen, die Gastvorträge halten und bestimmte Themengebiete stärker in den Vordergrund rücken.

Wie wird das Zentrum finanziert?

Wir werden für Projekte vor allem Drittmitteln einwerben müssen, um anfallende Kosten bestreiten zu können. Das Zentrum hat außerdem eine Anschubfinanzierung erhalten und wird von zwei wichtigen Kooperationspartnern weiter unterstützt: der amerikanischen Botschaft und deren Generalkonsulat.

Warum haben sie sich für Mühlenberg als Namensgeber entschieden?

An den Mühlenbergs kann man sehr gut sehen, wie Interdisziplinarität schon damals gelebt wurde und auch wie eng der transatlantische Kontakt zwischen Wissenschaftlern in Halle und der Welt war. Heinrich Melchior Mühlenberg ist im 18. Jahrhundert nach Pennsylvanien emigriert und hat dort das lutherische Gemeindewesen begründet. Mühlenberg hatte drei Söhne, die er an die Franckeschen Stiftungen schickte, bevor sie wieder in die USA zurückkehrten. John Peter Gabriel Muhlenberg wurde später ein wichtiger General unter George Washington. Henry Muhlenberg wurde Sprecher des ersten Repräsentantenhauses und damit Erstunterzeichner der amerikanischen Verfassung. Der dritte Sohn war ein renommierter Botaniker mit vielen weltweiten Kontakten. In den USA spricht man von einer Familiendynastie der Mühlenbergs. Eine Dynastie, die lange angehalten hat – ich denke, das ist eine schöne Symbolik, um auch das Zentrum in Halle fest zu verankern und den Namen Mühlenberg hier zu stärken.

Interview: Corinna Bertz

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