Vor 83 Jahren abgesandt, jetzt wieder aufgetaucht: Ein Fundstück aus dem Uni-Postfach. (Foto: Markus Scholz)

Verirrt

Post aus Basel

So etwas hat Elke Kirsch noch nie aus dem Postfach der Uni gefischt: Eine vergilbte Postkarte mit Eselsohren, schreibmaschinenbeschrieben und von der Deutschen Post nachadressiert. Wie gewöhnlich hatte die Mitarbeiterin der Poststelle Ende März das Fach geleert und wurde stutzig: Die Karte aus Basel war auf den 5. Mai 1931 datiert. Sie wurde von der Universitätsbibliothek Basel per Luftpost nach Halle geschickt. Einen Tag später – am 6. Mai 1931 hatte sie laut Eingangsstempel bereits ihr Ziel erreicht: die Universitäts- und Landesbibliothek Halle. Der Stempel sei echt, bestätigt deren Leiterin Dr. Dorothea Sommer. Den „Thüringisch-Sächsischen Verein für Erforschung des Altertums“, an den die Karte adressiert ist, gibt es jedoch schon lange nicht mehr. Seine Bestände sind von der Bibliothek übernommen worden.

Der Inhalt der Karte klingt trivial: Im Auftrag des Baslers Oberbibliothekars antwortet ein Mitarbeiter auf eine Anfrage der Universitätsbibliothek Halle. Offenbar hatte Band 28 der „Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde“ aus dem Jahr 1930 die halleschen Bibliothekare nicht erreicht. Die Schweizer wurden darum gebeten, erneut ein Exemplar zu schicken. Dazu waren sie jedoch nicht bereit: Nach der „genau geführten Versandkontrolle“ sei der Band abgeschickt worden. „Wir bitten Sie deshalb, noch einmal in ihren Beständen nachzusehen“, heißt es postwendend. 83 Jahre später hat Dorothea Sommer noch einmal nachgeschaut: „Der Zeitschriftenband 28 liegt uns vor.“

Die Tauschbeziehung zwischen den beiden Bibliotheken hat durch die kleine Episode um Band 28 zumindest keinen Schaden genommen. Bis heute senden die Schweizer ihre „Basler Zeitschrift“ nach Halle und erhalten im Gegenzug „Schriften zum Bibliotheks- und Büchereiwesen Sachsen-Anhalt“. Mit 347 Institutionen tauscht die Universitäts- und Landesbibliothek Halle heute noch Publikationen, viele davon mittlerweile jedoch digital. „Der Büchertausch war früher noch viel wichtiger als heute. Zu DDR-Zeiten war es eine der wenigen Möglichkeit, auch Bestände aus dem westlichen Ausland zu erhalten“, erzählt Dorothea Sommer.

Offen bleibt, auf welchen Wegen die alte Postkarte erneut ihren Weg ins Uni-Postfach fand. „Diese Korrespondenzen waren damals tägliche Arbeitsmittel. Wir haben sie nicht über Jahrzehnte aufbewahrt“, sagt Sommer. Hat sich also jemand den Spaß erlaubt, die heutige Post auf ihre Zustellfähigkeiten zu prüfen? Wenn ja, dann hat die Post den Test wohl bestanden: Trotz der historischen Schweizer Briefmarke hat sie die Karte korrekt nachadressiert und zugestellt.

Corinna Bertz

Auf dem Universitäts-Campus Halle ist allerlei Erstaunliches, Spannendes und Seltsames zu finden. Die letzte Seite des Magazins ist den Mythen und Schätzen, Kuriositäten und Unikaten der Universität Halle gewidmet.

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