Seit November 2012 erforscht Promovend Robert Forkel am Exzellenznetzwerk "Aufklärung – Religion – Wissen" die Enkelliteratur. (Foto: Melanie Zimmermann)

Enkel der Geschichte

Mit dem Tod der Zeitzeugen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs enden die literarischen Auseinandersetzungen mit Ereignissen und Erfahrungen dieser Zeit längst nicht, weiß Robert Forkel. Seit November 2012 erforscht der Promovend die sogenannte „Enkelliteratur“ im Rahmen der Nachwuchsforschergruppe „Historisierung und Subjektivität“ am Landesforschungsschwerpunkt „Aufklärung – Religion – Wissen“. Und verrät uns, wie eine neue Autorengeneration ihre Leserschaft für Geschichte sensibilisiert.

Herr Forkel, was ist Enkelliteratur?

Nachdem die Großeltern gestorben sind, kann man sie nicht mehr fragen, was sie in der Zeit des Nationalsozialismus getan und erlebt haben. Man sollte meinen, mit dem Verlust dieser primären Erzählinstanz gehe auch ein Stück Familiengeschichte verloren. Die Enkelliteratur jedoch belegt eine andere Tendenz: Statt mit den Großeltern auch deren Geschichte zu begraben, weckt diese familienbiografische Zäsur ein gesteigertes Interesse an deren historischen Erfahrungen, und zwar insbesondere bei den Enkeln. Sie tragen Fotos und Briefe zusammen, führen Interviews, gehen in Archive und erinnern sich an die Erzählungen von Oma und Opa.

Und was macht diese Texte so besonders?

Wissenschaftliche Geschichtsschreibung ist oftmals sehr abstrakt – dort geht es vorwiegend um Zahlen und genaue Ereignisabläufe. In der Enkelliteratur hingegen wird gezielt eine Subjektivierung von Geschichte vollzogen: Einerseits geht es ausdrücklich um individuelle Geschichtserfahrungen. Andererseits tritt der Erzähler hierbei nicht hinter das Erzählte zurück, sondern bleibt permanent als Figur präsent und verweist auf seinen subjektiven Standpunkt.

Aber wie faktengetreu sind diese Aufarbeitungen? Literatur lebt doch von Fiktionen…

Die Autoren verfolgen Buchprojekte mit journalistischem Anspruch. Einige Bücher sind zwar als Roman gekennzeichnet, aber das heißt nicht, dass die Autoren ihre Geschichten frei erfinden. Durch die Darstellung von Einzel- und Familienschicksalen gelangen häufig sogar Opfergruppen in den Blick, von denen in der Öffentlichkeit kaum etwas bekannt ist.

Warum aber sollten wir diesen Darstellungen Glauben schenken?

Wir haben es durchweg mit vertrauenswürdigen Erzählern zu tun, die darum bemüht sind, die Familienbiografie mit makrohistorischen Kontexten zu verknüpfen. Wo sie bei den Recherchen an ihre Grenzen gelangen, füllen sie die Leerstellen nicht einfach stillschweigend aus, sondern machen sie als solche kenntlich. Dazu gehört auch, dass sie ihren eigenen Umgang mit Nichtwissen reflektieren. Für die Leser wirkt das authentisch, denn sie kennen das aus der Alltagskommunikation: Wir sind darauf bedacht, Geschichten verständlich und glaubhaft zu erzählen. Daher nehmen wir auf den Wissenshorizont unseres Gesprächspartners Rücksicht und geben Auskunft über unsere Quellen. Die Enkelliteratur nimmt sich dies zum Vorbild und erprobt Erzählverfahren, in denen ein quasi-persönliches Verhältnis zwischen Leser und Erzähler hergestellt wird.

Weil ich beim Lesen dann sozusagen aufmerksamer lausche?

Ja. Und solche personalisierten Erzähler können bei Lesern empathische Reaktionen hervorrufen. Dies wirkt sich maßgeblich auf die kognitive Verarbeitung des Erzählten aus: Aufgrund der ausgelösten Emotionen beim Lesen wird die erzählte Geschichte als Erfahrung gespeichert. Von solchen Wirkungspotenzialen könnte auch die Geschichtsdidaktik profitieren, denn erfahrungshaft vermittelte Informationen kann man sich besser merken.

Sollte im Geschichtsunterricht also Enkelliteratur gelesen werden?

Literatur kann und soll die konventionelle Geschichtsschreibung nicht ersetzen. Um aber den jüngeren Generationen ein lebendiges Erinnern an den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg zu ermöglichen, muss man sie in ihrer jeweiligen Gegenwart abholen. Mit diesem Erfordernis beschäftigt sich inzwischen auch die Museums- und Gedenkstättenpädagogik. Die Enkelliteratur kann hier entscheidende Impulse geben und somit maßgeblich an der Gestaltung unserer Erinnerungskultur mitwirken. Außerdem liefert sie ihren Lesern Anreize, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen.

Interview: Melanie Zimmermann

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