1,7 Millionen Bände der ULB prüfte Projektleiterin Christine Eichhorn-Berndt. Davon gingen 57.000 Bände letztlich an ihre rechtmäßigen Besitzer zurück. (Foto: Markus Scholz)

Mammutaufgabe am Bücherregal

20 Jahre lang hatten Bibliotheken Zeit, ihre Bestände auf Bücher zu prüfen, die sie im Zuge der Bodenreform-Enteignungen übernommen hatten – mit dem Ziel, diese an die rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. Die Frist läuft Ende November 2014 aus. Auch die Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) hat tausende Bände verloren, aber auch neue Partner gewonnen.

In den alten Bücherregalen im Magazingebäude der ULB stecken Pappkarten. Zwischen Bücherrücken geschoben, markieren sie eine Lücke – auch wenn keine zu sehen ist. „Dort standen die Bände, die wir zurückgegeben haben“, sagt Christine Eichhorn-Berndt, die rund zehn Jahre lang das Restitutions-Projekt leitete.

Die Platzhalter aus Pappe sind kleine Helfer für die Bibliothekare. Denn die Bücher, die dort standen, soll keiner mehr suchen und kann keiner mehr bestellen. Sie sind wieder im Besitz ihrer früheren Eigentümer – zum Großteil Adelsfamilien aus der Region. Es waren 1,7 Millionen Bände, die Christine Eichhorn-Berndt und ihre Kolleginnen in die Hände genommen haben, um nach Besitzmerkmalen zu suchen – Exlibris, Stempel, Wappen oder handschriftliche Vermerke.

Unzählige Bände, die alle noch einmal bearbeitet werden mussten und auch zeitweise oder dauerhaft im elektronischen Katalog der ULB gesperrt wurden, also auch nicht mehr verliehen werden konnten. Zum Vergleich: Der Gesamtbestand der ULB umfasst 5,5 Millionen Medien. Ein Kraftakt also, den die Projektleiterin und ihr Team zu stemmen hatten. 76.000 Objekte – Bücher, Karten, Handschriften, Inkunabeln – waren es, die für eine Rückgabe in Frage kamen. Rund 57.000 Bände gingen am Ende tatsächlich zurück, davon 1.600 Handschriften und 50 Inkunabeln. Für mehrere tausend Bände wurden gütliche Lösungen gefunden.

Doch wie kamen die Bände überhaupt in den Bestand? „Bis 1961 war hier die zentrale Sammelstelle für die in der Bodenreform enteigneten Bücher, erst für die Provinz, dann für das Land Sachsen-Anhalt“, erklärt Dr. Dorothea Sommer, amtierende Direktorin der ULB. Das heißt: Unzählige Druckwerke und Handschriften kamen per Lastwagen in Halle an. „Aber man behielt – nach weit gehend formalen Kriterien – alles, was noch nicht im Bestand war“, so Sommer. Darunter auch viele wertvolle Objekte. Der Rest wurde unter anderem an die Stadtbibliothek Magdeburg oder die Landesbibliothek Dessau geschickt, die schwere Kriegsverluste erlitten hatten. Sie gingen an die Bibliotheken der Universitätsinstitute oder an Einrichtungen im Umland – oder auch als Dubletten an das Zentralantiquariat nach Leipzig, in den Verkauf.

Von 80 Eigentümern erhielt die ULB Rückgabeaufforderungen. (Foto: Maike Glöckner)

Von 80 Eigentümern erhielt die ULB Rückgabeaufforderungen. (Foto: Maike Glöckner)

Per Gesetz wurde 1994 festgelegt, dass binnen der Frist von 20 Jahren Bibliotheken ihre Bestände prüfen und die erfassten Bände gemäß der Rückgabeanträge an die rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben haben – inklusive Nießbrauchrecht bis Ende November 2014. Prüfinstanz war das Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen. Dorthin lieferte die ULB ihre Listen, von dort kamen dann die Rückgabeaufforderungen der Eigentümer. Insgesamt meldeten sich rund 80.

Auch wenn nicht alle Bücher selten und wertvoll waren, denn auch Gebrauchsliteratur, wie Rechtsbücher und Ratgeber zur Landwirtschaft, Reiseliteratur und Kochbücher fanden sich in den Adelsbibliotheken: „Viele Bände bedeuten einen Verlust, denn es handelt sich um Literatur, die der Öffentlichkeit und auch für Forschung und Lehre nicht mehr zur Verfügung steht“, sagt Christine Eichhorn-Berndt. Eine positive Bilanz kann sie dennoch ziehen.

Denn mit Eigenmitteln und Geld von der Kulturstiftung des Bundes gelang es der ULB, 5.300 Bände zu kaufen, darunter auch eine Mentelin-Bibel von 1466, ein Exemplar der ersten in deutscher Sprache gedruckten Bibel. Einige Besitzer überließen ihre Bücher der Bibliothek auch als Leihgaben. „Diese stehen uns also wissenschaftlich zur Verfügung, insgesamt 4.500 Bände“, sagt Eichhorn-Berndt. Darunter über 3.000 Bände der Veltheim-Bibliothek, einer bedeutende Sammlung, die bis zur Enteignung im Schloss Ostrau bei Halle untergebracht war.

„Viele Bände bedeuten einen Verlust, denn es handelt sich um Literatur, die der Öffentlichkeit und auch für Forschung und Lehre nicht mehr zur Verfügung steht.“

Und auch weitere Partner hat die ULB im Zuge der Restitution gefunden, für manche Bücher wurde der Prozess gar zum Happy End. So führte die Familie von Alvensleben den Bestand ihrer geteilten Bibliotheken auf Schloss Hundisburg zusammen – das heißt, alle Bände, die bislang in Halle Obdach gefunden hatten, plus die Bücher, die die Familie nach 1945 erst ins Kloster Loccum und dann nach Wolfenbüttel gerettet hatte. Auf Schloss Hundisburg sind nun alle zugänglich. Dabei handelt es sich um die Bände, die Joachim I. von Alvensleben (1514-1588) gesammelt hatte.

„Diese bedeutende Renaissancebibliothek ist für die Wissenschaft von unschätzbarem Wert“, sagt Dorothea Sommer. Diese Meinung teilen die Besitzer, die die Sammlung weiter wissenschaftlich erschließen wollen – mit Hilfe der ULB, die die Sammlung komplett weiter betreut und die Bibliothek im Norden Sachsen-Anhalts als Zweigbibliothek betreibt.

Für Christine Eichhorn-Berndt ging mit dem Ende des Projekts nicht nur eine abwechslungsreiche und besonders arbeitsintensive Zeit zu Ende, sondern auch das gesamte Arbeitsleben. Nach fast 40 Jahren in der Universitäts- und Landesbibliothek schied die Germanistik-Fachreferentin mit 65 Jahren im Frühjahr 2014 aus dem Dienst aus. Dass sie auch eine Mammutaufgabe bewältigt hat, mag sie aber nicht bestätigen. Stolz darauf, dass im Sinne der Bücher alles gut lief, ist sie aber schon. „Das war eben nicht mehr und nicht weniger als eine besondere Projektaufgabe“, sagt sie und lächelt. Manuela Bank-Zillmann

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