Sammeln für Lehre und Forschung

Seit mehr als 14 Jahren gibt es das Universeum, ein Netzwerk europäischer Universitätsmuseen und –sammlungen. Iberoromanist Prof. Dr. Thomas Bremer ist Gründungspräsident und war bis 2011 Sprecher des Netzwerks. Im Interview spricht er über die Geschichte und den Wert von akademischen Sammlungen.

Herr Bremer, an vielen Universitäten finden sich akademische Sammlungen. Wie sind sie entstanden?

Prof. Dr. Thomas Bremer (Foto: Uta Tintemann)

Prof. Dr. Thomas Bremer (Foto: Uta Tintemann)

Thomas Bremer: Die Sammlungen sind ursprünglich aus der Idee entstanden, Material für den Unterricht zu haben. Beispielsweise wurden in der Haustiersammlung Skelette gesammelt, um Studenten daran die verschiedenen Entwicklungsstufen zu erklären. Und eine Antikensammlung ist aus der Frage nach der Materialität entstanden, um zu zeigen, wie antike Vasen bemalt waren oder wie antike Münzen aussehen. Manchmal handelt es sich aber auch um Gebrauchsgegenstände. Das ist ein klassisches Phänomen alter Universitäten: manche Dinge werden nicht mehr gebraucht, aber auch nicht weggeworfen, sondern zur Seite gelegt. Zum Beispiel ein medizinisches Gerät: Man hebt das alte auf, falls das neue mal nicht funktioniert.

Was unterscheidet akademische Sammlungen von regionalen Sammlungen?

Eine Universitätssammlung ist gewissermaßen die akademische Anwendung der Wunderkammer. Sie hat weniger Museumscharakter, sondern dient einem didaktischen Zweck und der Forschung. Manchmal auch in überraschenden Zusammenhängen, etwa bei der Rekonstruktion ausgestorbener Tiere und Pflanzen. Es gibt im Moment ein relativ großes Interesse der Öffentlichkeit für Ausstellungen von akademischen Sammlungen. Freiburg und Tübingen haben Unimuseen eröffnet. In Halle sieht man das an Veranstaltungen wie der „Langen Nacht der Wissenschaften“, wenn lange Schlangen zum Beispiel vor den Meckelschen Sammlungen stehen.

Entstehen auch heute noch neue Sammlungen?

Es gibt Gebiete, in denen erst heute gesammelt wird. Jüngere technische Unis wachen gerade verstärkt auf: Wenn potenziell interessante Gegenstände entsorgt werden sollen, schreiten Sammlungsbeauftragte ein. In den Kulturwissenschaften gibt es derzeit einen ganzen Materialitätsdiskurs, unter anderem mit einem Boom an ethnologischen Sammlungen, auch an Fotografien. Jedoch sind Hochschulen in ganz Europa m Allgemeinen schlecht finanziert, Sammlungen werden nicht ergänzt. Und überall das gleiche Problem: Viele Sammlungen sind verstreut, stehen in Kellern, auf dem Speicher, in klimatisch nicht geeigneten Räumen.

Als Gründungspräsident des Netzwerks der europäischen Universitätsmuseen und -Sammlungen („Universeum“) haben sie viele Universitätssammlungen kennengelernt. Was ist das besondere an den halleschen Sammlungen?

Im Laufe der Jahre haben wir gemerkt, dass es fast alles irgendwo anders auch gibt. Aber es gibt sehr wenige Unis in Europa, die so viele Sammlungen in dieser Qualität und in dieser Quantität haben wie Halle, die auch relativ intakt zusammengeblieben sind und nicht verstreut, verkauft und auseinandergerissen wurden. Enorm groß ist die paläografische Sammlung, alleinstehend in ihrem jeweiligen Feld sind die Haustier- und die Geiseltal-Sammlung. Sehr groß sind die kunsthistorischen Bestände.

Wie werden unsere Sammlungen wahrgenommen?

Bisher sind die Sammlungen immer unterschätzt worden. Andere Hochschulen mit großen Sammlungen sagen immer: das ist ja enorm, was ihr hier alles habt. Der Stellenwert der halleschen Sammlungen ist im nationalen und internationalen Vergleich sehr hoch.

Interview: Sarah Huke

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