Wie soll ein gerechtes Gesundheitswesen aussehen? Dazu haben Wirtschaftswissenschaftler der Uni Halle auch Studierende befragt. (Foto: Fotolia © silencefoto)

Wenn Gesundheit zur Gerechtigkeitsfrage wird

Wer soll eine Spenderniere bekommen? Wie viel Zeit sollte eine ärztliche Behandlung im Einzelfall in Anspruch nehmen? Wie viel sind Menschen bereit, für ihre Gesundheit zu zahlen? Die Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Dr. Dr. Marlies Ahlert hat diese Fragen nicht von Ärzten, Medizinern oder Politikern beantworten lassen, sondern von normalen Bürgern. Seit mehr als zehn Jahren wird an ihrem Lehrstuhl zur Gesundheitsökonomie geforscht.

Zwei Menschen brauchen eine Herzoperation. Beide sind ungefähr gleich alt und haben eine ähnliche körperliche Verfassung. Der einzige Unterschied: Person 1 ist Raucher, Person 2 Nicht-Raucher. Welche der beiden Personen sollte eher operiert werden? Wer von zwei Patienten auf der Warteliste sollte eher eine Spenderniere bekommen, ein jüngerer oder ein älterer Patient? In der Regel befassen sich vor allem Ärzte und Kommissionen mit diesen Fragen. Anders war es bei Prof. Dr. Dr. Marlies Ahlert, die in den letzten Jahren „dem Volk auf den Mund geschaut hat“, wie sie sagt.

Prof. Dr. Marlies Ahlert  (Foto: krischerfotografie, © KHK/GCR21)

Prof. Dr. Marlies Ahlert
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Gemeinsam mit ihren wissenschaftlichen Mitarbeitern hat sie normale Bürger zum Thema Priorisierung im Gesundheitswesen befragt und Studierende in Experimenten in die Rolle von Ärzten schlüpfen und Entscheidungen treffen lassen. Die VWL-Professorin will herausfinden, nach welchen Kriterien weite Teile der Bevölkerung Ressourcen im Gesundheitswesen verteilen würden, also beispielsweise Spenderorgane oder Behandlungszeiten beim Arzt.

„Zu meinem Forschungsfeld gehören weiter Fragen der Verteilungsgerechtigkeit, nach dem Begriff Gerechtigkeit überhaupt und auch zur Zahlungsbereitschaft für Gesundheitsverbesserungen, also die Frage, wie viel den Menschen ihre Gesundheit wert ist“, umreißt Ahlert ihre Forschung. Gleich mehrere, über Drittmittel von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Forschungsprojekte hat sie gemeinsam mit ihren wissenschaftlichen Mitarbeitern im vergangenen Jahr abgeschlossen.

Die Befragungen hat das Lehrstuhlteam von Ahlert unter anderem in sogenannten Class-Room-Experiments durchgeführt. Dazu haben die Forscher Vorlesungen von Medizin-, Jura- und Wirtschaftsstudenten in Halle und Jena besucht und Fragebögen ausfüllen lassen. „Ziel dieser Experimente war herauszufinden, wie die Teilnehmer der Untersuchungen in hypothetischen Situationen mit knappen medizinischen Ressourcen umgehen, also zum Beispiel mit der Zeit, die pro Behandlung und Patient zur Verfügung steht“, sagt Dr. Lars Schwettmann, der sich zurzeit bei Marlies Ahlert zum Thema Gesundheitsökonomie habilitiert und viele der Experimente begleitet hat.

Studierende verschiedener Disziplinen setzen unterschiedliche Prioritäten

Die Studierenden sollten sich während der Befragung in die Rolle eines Arztes hineinversetzen, der drei Patienten mit unterschiedlich charakterisiertem Gesundheitszustand zu behandeln hat. Die Probanden müssen entscheiden, welcher Patient wie viel Behandlungszeit erhält. Je nach Verteilung der Zeit erhalten die Ärzte eine unterschiedlich hohe Vergütung. „Im ersten Fall verfügen die Probanden über ausreichend Zeit, um alle Patienten zu behandeln.“ In einer zweiten Variante reiche die Behandlungszeit dagegen nicht aus, um alle Patienten ausreichend zu versorgen.

Besonders interessant sind für Ahlert zwei Erkenntnisse aus den Experimenten: „Zum einen wollen fast alle Probanden dafür sorgen, dass alle Patienten behandelt werden. Zum anderen gibt es aber je nach Studienfach der Probanden deutliche Unterschiede bei der Zeitverteilung.“ So hätten viele Wirtschaftswissenschaftler die Zeit so verteilt, dass der maximale Gewinn erwirtschaftet wird. Die angehenden Juristen und Mediziner haben die Behandlungszeit dagegen häufig relativ gleichmäßig auf die Patienten aufgeteilt.

Anders sehe es im zweiten Fall aus, wenn in den konstruierten Situationen nicht genügend Zeit vorhanden ist: Dann würden sich die meisten Probanden für eine effiziente Verteilung der Ressourcen entscheiden. Das bedeutet allerdings zum Teil, dass hypothetische Patienten, die weniger stark von einer Behandlung profitieren würden, nicht behandelt werden.

Jeder Patient sollte behandelt werden

Auch nach den Gründen für die jeweilige Entscheidung haben die Wissenschaftler gefragt. „Generell dominiert die Meinung, dass jeder Patient behandelt werden soll“, berichtet Ahlert. Gerade Medizin-Studenten würden eine Kosten-Nutzen-Kalkulation häufig ablehnen. „Reicht die Zeit aber nicht für alle Patienten aus, begründen die Befragten ihre Entscheidungen mit einer Art konditionalen Fairness.“ Soll heißen: Wenn eine gewisse Entscheidung Patient 1 mehr hilft, als sie Patient 2 helfen könnte, dann ist sie tragbar.

Die Ergebnisse stimmen Ahlert vorsichtig optimistisch: „Die Entscheidungen sind in der Regel sehr reflektiert und gut begründet.“ Im Grunde würden also die meisten Menschen die Verteilungsprobleme im Gesundheitswesen nachvollziehen können. In der Realität sehe es dann aber anders aus: So würden Probleme und Fragestellungen aus dem Gesundheitsbereich öffentlich nicht konkret genug diskutiert und die Entscheidungen dazu nicht transparent genug kommuniziert werden.

Das würde in einem gewissen Misstrauen gegenüber dem Gesundheitssystem resultieren: „Viele Menschen haben das Gefühl, nicht genügend vom Gesundheitssystem zu erhalten, in das sie einzahlen.“ Ahlerts Erkenntnisse könnten künftig dabei helfen, politische Entscheidungen und Debatten bürgernah zu kommunizieren. Andere Länder wären da schon wesentlich weiter, was die Diskussion und die Offenlegung von Kriterien für die Priorisierung von medizinischen Leistungen angeht. Tom Leonhardt

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