„Wenn ich auf der Kutsche sitze, ist die Welt in Ordnung“

Prof. Dr. Paolo Fornara (links) auf dem Zweispänner. (Foto: Michael Deutsch)

Prof. Dr. Paolo Fornara (links) auf dem Zweispänner. (Foto: Michael Deutsch)

Paolo Fornara ist nicht nur Medizin-Professor und Klinik-Direktor, sondern auch erfolgreicher Wagenfahrer. Vier Pferde stehen im Stall des Vizelandesmeisters der Einspänner-Fahrer.

Diese Knochen passen nicht zum menschlichen Organismus. Zu groß, zu massiv. Es ist die Anatomie des Pferdes, die sich hier in Form handgemalter alter Faksimile an den Wänden der Poliklinik für Urologie präsentiert. Doch hier praktiziert kein Veterinärmediziner, sondern Urologie-Professor Paolo Fornara. Jene Lose-Blatt-Sammlung, die aus einem Anatomie-Pferde-Atlas von 1835 stammt, ist gewissermaßen ein ärztlicher Befund. Ein Befund dafür, dass zwei Herzen in Fornaras Brust schlagen.

Eines schlägt für die Medizin, das andere mindestens genauso vital für den Pferdesport. Was nicht alle wissen: Der Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Urologie und des Nierentransplantationszentrums der Medizinischen Fakultät der Universität Halle ist ein erfolgreicher Wagenfahrer. Regelmäßig geht er mit seinen Ein- und Zweispännern auf Medaillenjagd, seit Jahren gehört er zu den besten der 20 Einspänner-Fahrern in Deutschland. 2008 belegte er den siebenten Platz beim Bundeschampionat – der Deutschen Meisterschaft. Letztes Jahr wurde er Vizelandesmeister und dieses Jahr holte er Bronze. „Dabei wäre ich gern Landesmeister geworden.“ Doch fürs Training bleibt wenig Zeit. „Da ist es ein Kompliment, wenn die Profis sagen, dass ich ordentlich fahre“, meint der 59-Jährige, der fesselnd über sein Hobby erzählt.

Zum Pferdsport kam der Professor mit fünf Jahren durch seinen Vater, der ein guter Springreiter war. „In Meran, wo wir wohnten, gab es eine Kavalleriekaserne“, berichtet Fornara, der aus einer italienisch-sprachigen Familie aus Südtirol stammt. Dazu muss er erklären, dass sein Großvater Offizier war. „In Italien ist die Armee sehr stark ins zivile Leben integriert. Da durften auch Angehörige von Berufssoldaten ausrangierte Kavalleriepferde reiten.“ Also gab es die Möglichkeit, unentgeltlich Reitunterricht zu erhalten. „Zuerst war es nur der Wunsch meines Vaters, dann auch meiner. Als ich jedoch zwei Mal vom Pferd fiel, war das mit meinem Wunsch erledigt. Doch meine Schwester und ich wurden immer wieder aufs Pferd gehievt“, erinnert sich Fornara. So lange, bis er sicher im Sattel saß.

Mit der Scheidung der Eltern kam 1968 das Aus fürs Reiten. „Ich saß danach wohl über zwanzig Jahre nicht mehr im Sattel.“ Erst als er 1990 an die Lübecker Klinik und Poliklinik für Urologie kam, änderte sich das. Fornara traf auf den Fahrsportler Fritz Holst, der ihm das Dressur-, Gelände- und Hindernisfahren mit der Kutsche schmackhaft machte. „Als ich leitender Oberarzt wurde, kaufte ich mir sein altes Gespann und fuhr 1997 mein erstes Turnier.“ Später in Halle ging es mit dem Hobby im Galopp weiter. „Im Osten ist die Wagenfahrerei durch die ehemaligen LPGs sehr bekannt“, erklärt der Mediziner, der seit 2002 Vorsitzender des halleschen Reit- und Fahrvereins Seeben ist. Hier lebt er sein Hobby aus. „Wenn ich auf der Kutsche sitze, ist die Welt in Ordnung. Mir kommen hier die besten Ideen, ich gewinne Abstand und Bodenhaftung. Außerdem tut es auch mal gut, keine Professoren und Akademiker zu treffen, sondern Leute aus allen Schichten und Berufen.“ Schließlich spricht Fornara vom erfüllten Traum.

Vier aktive Pferde stehen bei ihm daheim im Stall in Sennewitz. „Wenn ich kann, fahre ich jeden Abend, teilweise sogar im Dunkeln“, sagt der Mediziner, der auf seine Gnadenbrotpferde zu sprechen kommt. „Üblicherweise kommt ein Pferd, dass seine Karriere nicht fortsetzen kann, zum Schlachter. Das sollte man nicht tun. Solange ich es mir leisten kann, müssen meine Pferde nicht bangen. Sie haben mich jahrelang so viele Kilometer gezogen“, sagt Fornara. Michael Deutsch

 

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