Links im Bild: ein frisch mit Futter gefülltes Drosophila-Röhrchen, rechts ein Röhrchen, bevor die Fliegen umgesetzt werden. (Foto: Corinna Bertz)

Unersetzbar: Die Drosophila-Röhrchen der Biologen

Oben ein Wattestöpsel, unten reichlich Futterbrei. Dazwischen lebt ein echter Superstar: Drosophila melanogaster. Ihr Wildtyp, die Taufliege, ist vielen als unerwünschter Küchengast bekannt und wird umgangssprachlich Fruchtfliege genannt. Seit bald einhundert Jahren ist Drosophila der am besten erforschte tierische Modellorganismus der Genetiker und Entwicklungsbiologen. Denn das winzige Tier ist in der Pflege anspruchslos, es vermehrt sich schnell und besitzt viele Gene, die auch im menschlichen Erbgut vorkommen.

Welche Prozesse wie und warum in Körperzellen ablaufen, wird mit Hilfe der Fliege auch am Weinberg-Campus erforscht. Allein in der Abteilung Entwicklungsgenetik leben daher mehr Fliegen, als die Uni Halle Studierende hat. In zwei Räumen des Biologicums stapeln sich Kisten voller Röhrchen und Flaschen. Darin fressen und vermehren sich mehr als 8.000 Fliegenstämme mit jeweils bis zu 60 Fliegen. Helle Weibchen, dunkle Männchen, rote oder braune Augen, glatte oder gelockte Flügel – in mindestens einem genetischen Merkmal unterscheiden sich alle Stämme. Manche von ihnen werden als Kopie an Wissenschaftler in aller Welt verschickt.

Aufnahme einer Drosophila aus dem Labor (Foto: Gunter Reuter)

Aufnahme einer Drosophila aus dem Labor (Foto: Gunter Reuter)

Mit einem Brei, der unter anderem Rosinen, Bierhefe und Maisstärke enthält, werden die Tiere der Abteilung Entwicklungsgenetik von Maria Kube versorgt. Seit 26 Jahren ist die technische Mitarbeiterin für das sogenannte Fliegenumsetzen verantwortlich. Einige der Stämme gehören schon länger zur Abteilung als sie. Dabei werden Drosophilae im Schnitt nur vier Wochen alt.

Alle vier Wochen werden sie in neue Röhrchen umgesetzt. Das heißt: Maria Kube setzt ein altes, bewohntes Röhrchen auf ein neues, mit Futterbrei gefülltes und entstöpselt beide. Zum Schluss klopft sie ein paarmal kräftig drauf – bis alle Fliegen in ihr neues Domizil gezogen sind. „Gerade am Morgen sind sie manchmal noch etwas träge“, erzählt Kube. Routiniert und konzentriert setzt sie so jeden Tag tausende der Tiere um. Davonfliegen darf keine. Schließlich ist jeder Stamm einmalig und zufällige Kreuzungen von ausgebüxten Drosophilae sind zu vermeiden.

Genau genommen hält Maria Kube eine Art Gen-Bibliothek am Leben. Denn nicht alle 8.000 Stämme werden derzeit aktiv von Wissenschaftlern genutzt. Doch „was weg ist, ist weg“ – und deshalb werden alle erhalten, um der Forschung jederzeit wieder zur Verfügung zu stehen. In manchen Fällen ist das eine Herausforderung. Ihre Sorgenkinder hat Kube mit Rotstift am Glas markiert: Stämme, die nicht stabil sind, brauchen besonders intensive Pflege. Sind nicht genug zeugungsfähige Weibchen im Röhrchen, lässt Kube den Eiern noch ein paar Tage Zeit zum Schlüpfen, bevor sie diejenigen, die sich nicht vermehren, endgültig aussortiert. Corinna Bertz

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