Japanology student Yvonne Richter (3rd from right) with friends and fellow students standing in front of Mt. Fuji. (Photo: private)

Die Japan-Halle-Connection

Erst kam das Erdbeben, danach überflutete am 11. März dieses Jahres ein Tsunami weite Teile der Nordküste Japans und am Ende kam es im Reaktorkomplex Fukushima I sogar zur Katastrophe. Als die Erde bebte waren auch einige hallesche Studierende in Japan und haben das Unglück hautnah miterlebt. Aus Sicherheitsgründen sind die meisten von ihnen nach Deutschland zurückgekehrt. Aber auch in Deutschland wollen sie helfen. Einige sind sogar wieder zurück in Tokio, um weiter zu studieren.

Doch bis dahin verging viel Zeit, in der Angehörige und auch die Dozenten in Halle in Sorge waren. So erinnert sich zum Beispiel die Prorektorin und Professorin für Japanologie Gesine Foljanty-Jost gut daran, wie sie das erste Mal von den Vorkommnissen in Japan erfuhr: „Ich habe die Nachricht morgens im Radio gehört. Zu diesem Zeitpunkt wusste aber noch niemand, welches Ausmaß die Katastrophe haben würde.“ Vor allem die Lage der MLU-Studierenden, die sich zu diesem Zeitpunkt in Japan befanden, war unklar. „Auch wenn wir es mit erwachsenen Menschen zu tun haben, die mit unserer Empfehlung und Unterstützung in Japan studieren, so fühlt man sich dennoch – oder gerade deswegen – verantwortlich. Ich habe direkt nach dem Erdbeben mit der deutschen Botschaft in Tokio und den Partneruniversitäten Kontakt aufgenommen“, so die Professorin. Am Ende sind alle Studierenden und Doktoranden wohlbehalten zurückgekehrt.

„Wieder in der Heimat war schnell klar: Wir wollen helfen“, erzählt die Japanologiestudentin Kristin Grube. Sie war ebenfalls in Japan und ist aktiv in der Institutsgruppe der Japanologie tätig. Schnell fiel die Entscheidung für einen Kuchenbasar, um Spenden zu sammeln. „Wir wollten, dass die Ereignisse noch im Gedächtnis der Menschen sind und haben den Basar aus diesem Grund in die ersten beiden Aprilwochen gelegt.“ Viele haben die Idee unterstützt und am heimischen Herd Kuchen gebacken. Drei Tage lang wurden im Institut am Hohen Weg und einen Tag im Audimax am Universitätsplatz Kaffee, Kuchen und Brötchen verkauft. Insgesamt nahmen die Studierenden 1050 Euro an Spenden ein. Das Geld geht direkt an die Senshu-Universität in Tokio. Sie ist bereits seit 1995 Partneruniversität Halles und hat einen Standort in Ishinomaki in der Region Sendai, welche direkt von Tsunami betroffenen ist. „Das Geld geht direkt in den Wiederaufbau des zerstörten Campus in Ishinomaki und an die von der Katastrophe betroffenen Studenten vor Ort.“

Bei der symbolischen Scheckübergabe an den derzeit in Halle lehrenden Gastprofessor Katsumi Shimane von der Senshu-Universität zeigte sich dieser von dem Engagement besonders angetan. „Es ist eine große Ehre diese Spende als Repräsentant der Senshu-Universtät entgegenzunehmen. Ich bin sehr gerührt davon, dass so viele Menschen hier versuchen, uns zu helfen“, erklärte er.

Viele der Studierenden werden ihr zweites Semester in Tokio nicht nachholen oder erst im September zurück nach Japan gehen. Derzeit sind es vor allem Doktoranden und Studierende des Doppelmasters Japanologie, die in Japan sind und ihre Studien aufnehmen oder fortsetzen. Ein kleiner Teil ist aber bereits Anfang des neuen Semesters im April zurückgekehrt, so zum Beispiel Yvonne Richter. Sie studiert Japanologie und Ethnologie und war während des Erdbebens in Japan. Als die Erde bebte war sie an der Universität. „Ich kam gerade vom Sportunterricht und stand unter der Dusche, als das gesamte Gebäude anfing zu wackeln“, erinnert sich die Bachelorstudentin. Danach war niemand über das Handy zu erreichen und so konnten sie und ihre Kommilitonen sich erst im Wohnheim mithilfe des Internets einen Überblick verschaffen. Am Anfang stand für alle fest, dass sie bleiben werden. „Ich selbst wollte bleiben. Als sich dann die Situation in Fukushima zuspitzte und die Gerüchte von einem zweiten Erdbeben die Runde machten, beschlossen wir doch, den Heimweg anzutreten.“

Bei den Japanern stieß die Abreise der Deutschen auf Unverständnis. „Nach dem der Reaktor explodiert ist, habe ich versucht, den Japanern die deutsche Panik zu erklären. Die sagten allerdings, dass doch nix los sei und die Regierung alles unter Kontrolle habe“, erzählt Yvonne Richter. Ihr wurde klar: „Die Japaner unterreagieren, die Deutschen überreagieren.“ Vor allem der Eindruck des ruhigen Japaners findet sich oft auch in den deutschen Medien. Ein Trugschluss, wie Gesine Foljanty-Jost bemerkt: „Ich halte das für eine Exotisierung. Auch wenn es im Einzelfall so schien, als ob die Menschen im Erdbebengebiet auffallend ruhig und gelassen seien, wissen wir, mit wie viel Leid und Trauer die Überlebenden zurechtkommen müssen.“

Von den Berichten und auch den Einwänden ihrer Eltern ließ sich Yvonne Richter nicht aufhalten. Nach nur fünf Wochen kehrte sie nach Japan zurück. Dabei hat sie sich ihre Entscheidung nicht leicht gemacht. „Auf der einen Seite wollte ich zurück und das was ich aufgebaut hatte, also das, was ich als meinen Traum ansehe, weiterleben und auf der anderen Seite wollte ich meine Familie nicht enttäuschen“, so die Studentin. Heute ist sie froh über ihre Entscheidung. Das Leben in Japan geht für sie seinen normalen Gang. Einzig der Kontakt zu den japanischen Studierenden habe sich intensiviert. Noch bis Mitte August wird sie in Japan bleiben. Angst vor einem weiteren Erdbeben hat sie nicht mehr.

In Halle ist das Unglück immer noch ein großes Thema. Es hat sich auch auf die Vorbereitungen der Japan-Tage Ende Juni ausgewirkt. „Wir werden nicht feiern, wie es angesichts des 150-jährigen Bestehens der Freundschaftsbeziehungen zwischen den beiden Ländern zu erwarten gewesen wäre. Wir werden aber für Japan als Studien- und Forschungsland werben und mit zahlreichen Informationen und Veranstaltungen unseren Studierenden und Wissenschaftlern Lust auf Japan machen“, erklärte Prorektorin Foljanty-Jost im Vorfeld der Feierlichkeiten. Auch die Mitglieder der Institutsgruppe werden mit einem Sushi-Verkauf vertreten sein. „Der Erlös wird ebenfalls direkt an das Projekt in Ishinomaki gehen“, erklärt Kristin Grube. Und so lässt sich am Ende nur wünschen, dass die Japaner es schaffen, ihr Land bald wieder in neuem Glanz erblühen zu lassen.

Text: Silvio Kison

Kommentar schreiben

Ihr Kommentar wird schnellstmöglich durch unser Team freigeschaltet.

Kommentar