Oberarzt Silvio Brandt mit Röntgenbildern von Opfern der Schlacht. Viele Schädel wiesen Schussverletzungen auf. (Foto: Daniel Gandyra)

Röntgenblick in die Vergangenheit

Sie gehörte zu den verlustreichsten Schlachten des Dreißigjährigen Krieges: Tausende Menschen ließen im Jahr 1632 bei Lützen ihr Leben. Oberarzt Silvio Brandt hat 16 Schädel der Gefallenen geröntgt, um herauszufinden, wie sie jeweils starben. Die Ergebnisse der Untersuchung sind Teil der Ausstellung „Krieg – eine archäologische Spurensuche“, die ab 6. November im Landesmuseum für Vorgeschichte zu sehen ist.

Nüchtern-funktional ist der Raum. An den Wänden stehen helle Schränke, der Fußboden ist gewienert, Neonlampen verbreiten kühles Licht. Diagonal in die Raummitte ragt eine Liege, an deren Ende sich ein schmaler Tunnel öffnet: ein Computertomograph (CT). So sieht er aus, der CT-Untersuchungsraum der Klinik und Poliklinik für Diagnostische Radiologie des Universitätsklinikums Halle. So weit, so gewöhnlich, werden am Uni-Klinikum doch täglich Patienten in der Radiologie untersucht und behandelt. Nicht nur im CT, sondern gleichermaßen mittels konventionellem Röntgen, Angiografie oder Magnetresonanztomographie.

Doch es waren auch schon sehr spezielle Patienten im CT-Untersuchungsraum zu Gast. Sie stammen aus einer Zeit, als noch nicht einmal ansatzweise an die heute selbstverständlichen radiologischen Untersuchungsmethoden zu denken war. Und das hat auch damit zu tun, dass mit Oberarzt Dr. Silvio Brandt nicht nur ein Mediziner, sondern auch ein Hobbypaläontologe am halleschen Uniklinikum arbeitet, der ein Faible für besondere Funde hat. „Andere Institutionen sind für solche Untersuchungen auf mich zugekommen“, sagt der 46-Jährige.

Brandt ist außerdem froh, dass ihn sein Chef Prof. Dr. Rolf Peter Spielmann solche ungewöhnlichen Untersuchungen machen lässt. „In meiner Freizeit nach Dienstende und wenn kein Notfall da ist“, wie Brandt betont. Und so wurden bisher unter anderem fossile Haie, Saurier, ein Mammutschädel, ein Urvogel oder das Geiseltaler Urpferdchen geröntgt. Die Ergebnisse sind oftmals in wissenschaftliche Studien veröffentlicht worden.

Das Massengrab wurde in zwei tonnenschweren Erdblöcken gehoben und im November 2011 nach Halle gebracht. (Foto: LDA Sachsen-Anhalt / K. Bentele)

Das Massengrab wurde in zwei tonnenschweren Erdblöcken gehoben und im November 2011 nach Halle gebracht. (Foto: LDA Sachsen-Anhalt / K. Bentele)

Ein Massengrab auf dem Tieflader

Silvio Brandt wurde ebenfalls konsultiert, als es darum ging, herauszufinden, ob die 2008 überraschend bei Ausgrabungen im Magdeburger Dom gefundenen Gebeine wirklich jene der Königin Editha sind. „Wir haben hier optimale Labor-Voraussetzungen, deshalb ist sie nach Halle gekommen“, ergänzt er. Und: „Sie waren es.“ Das Röntgen von historischen Funden birgt entscheidende Vorteile: „Es sind zerstörungsfreie Untersuchungen, man kann eine höhere Strahlendosis verwenden als bei lebenden Patienten und erhält damit bessere Bilder. Und es entstehen im Gegensatz zum konventionellen zweidimensionalen Röntgen dreidimensionale Bilder“, sagt Brandt.

Das hat sich auch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt zunutze gemacht und einige Schädel aus dem Massengrab von Lützen, das bei Leipzig liegt, mit dem Computertomographen untersuchen lassen. „Ein Röntgengerät haben wir zwar, aber natürlich kein CT, deswegen waren wir über die Unterstützung sehr erfreut. Das sind wichtige ergänzende Untersuchungsmethoden für den archäologischen Befund“, sagt die zuständige Anthropologin Nicole Nicklisch vom Landesamt, die Silvio Brandt schon länger kennt. Weil man die Skelette in der Ausstellung zeigen wolle, sei es nicht möglich gewesen, sie vollständig aus dem Block zu entnehmen. „Wir hätten sie nicht wieder korrekt in der ursprünglichen Lage platzieren können“, sagt Nicklisch. Deswegen habe man sich bei der Entnahme nur auf einige Schädel sowie zur Vermessung der Körpergröße auf einige Langknochen wie Oberschenkel und Schienbeine beschränkt.

Silvio Brandt erklärt, was man anhand der Bilder erkennen kann (Slideshow):


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