Zur Zeit der Aufnahme noch menschenleer: Halles neuer Campus. Links im Bild zu sehen ist der Institutsneubau an der Emil-Abderhalden-Straße. (Foto: Markus Scholz)

Angekommen am Steintor-Campus

Im Jahr 1862 hatte der Agrarwissenschaftler Julius Kühn zunächst eine Villa an der Ludwig-Wucherer-Straße 2 gekauft, um dort seinen Wohnsitz und zugleich den ersten Lehrstuhl für Landwirtschaft in Deutschland einzurichten. Heute sitzen Germanisten, Romanisten und Orientalisten in dem traditionsreichen Gebäude. In allen sanierten Altbauten lassen sich Hinweise auf ihre agrarwissenschaftliche Vergangenheit entdecken. Sei es am Eingang zum Gebäude in der Ludwig-Wucherer-Straße 2, wo in goldenen Lettern noch „Landwirtschaftliche Fakultät“ über der Tür prangt. Oder in Form von Wandreliefs, die Getreidegarben und Tiere zeigen, als Zeichen dafür, dass sich die Bewohner und Nutzer in diesem Gebäude einst mit Pflanzenanbau und Tierzucht beschäftigten.

Das Gelände zu Kühns Zeiten, Zeichnung aus dem Jahr 1888 (Bild: Zentralmagazin Naturwissenschaftlicher Sammlungen der MLU)

Das Gelände zu Kühns Zeiten, Zeichnung aus dem Jahr 1888
(Bild: Zentralmagazin Naturwissenschaftlicher Sammlungen der MLU)

Im Laufe seiner 47 Jahre als Institutsdirektor und Professor schuf Julius Kühn an der Stelle des heutigen Steintor-Campus eine landwirtschaftliche Bildungsstätte, die international ihresgleichen suchte. Er kaufte angrenzende Flächen auf, ließ Stallungen bauen und legte zu Lehr- und Forschungszwecken einen Nutzpflanzen- und einen Haustiergarten an. Einige Bäume, die jetzt als Naturdenkmal zwischen der Ludwig-Wucherer-Straße 2 und der Bibliothek Schatten spenden, wurden damals gepflanzt. Bis zu 1.000 Tiere lebten zeitweise auf dem Gelände.

Einige werden heute als Präparate im Museum für Hautstierkunde Julius Kühn aufbewahrt. Das flache, unsanierte Haus ist als letzter Posten der Agrarwissenschaftler auf dem Gelände erhalten geblieben. Bis heute werden die wertvollen Haustierskelett-Sammlungen für Lehre und Forschung genutzt. Nach seinem Tod wurden die von Kühn geschaffenen Institute und Einrichtungen ab 1910 weiter ausgebaut und 1947 zu einer Landwirtschaftlichen Fakultät zusammengefasst. Vier Gebäude, die damals für die wachsenden Institute neu entstanden, sind heute – saniert und restauriert – Bestandteil des neuen Campus.

Ein Campus – viele Interessen

Am 30. Oktober 2006 fiel der Beschluss der Landesregierung: Das neue Geistes- und Sozialwissenschaftliche Zentrum, bald nur noch GSZ genannt, sollte auf der einst von Kühn ausgewählten Fläche errichtet werden. 52 Millionen Euro standen für das Vorhaben zur Verfügung. Die Mittel dafür stammten zu drei Vierteln aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung. Bis zur Übergabe der Gebäude im Jahr 2015 lag der Bau in der Hand des Landesbetriebs Bau- und Liegenschaftsmanagement Sachsen-Anhalt (BLSA).

2009 zogen die Agrar-, Ernährungs- und Geowissenschaftler an den Weinberg-Campus. Damit konnten die Planungen beginnen. Die Abteilung 4 – Bau, Liegenschaften und Gebäudemanagement der Uni arbeitete gemeinsam mit dem BLSA, Stadtplanern, Architekten, Denkmalschutzexperten, den künftigen Nutzer und vielen anderen Verantwortlichen an dem Großprojekt.

Blick auf die Baustelle im März 2015 (Foto: Maike Glöckner)

Blick auf die Baustelle im März 2015 (Foto: Maike Glöckner)

Alle Neubau-, Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten an der größten Baustelle der Universität liefen parallel – ein Kraftakt für die Bau-Abteilung. „Ein derart komplexes Projekt braucht die Unterstützung und Fachkenntnisse aller Referate in der Abteilung. Auch andere Einrichtungen, wie das IT-Servicezentrum waren eng mit eingebunden“, sagt GSZ-Projektleiter Alexander Keck, bei dem seit 2012 alle Fäden zusammenliefen.

Mehrfach kam es zu weitreichenden Änderungen: So sollten ursprünglich auch die Altbauten an der Emil-Abderhalden-Straße saniert werden, jedoch stellte sich heraus, dass dies die Kosten eines Neubaus um ein Vielfaches übersteigen würde. Auch die Bibliothek musste um eine Etage verkleinert werden. Ende 2011 begann man deshalb mit dem Abriss vor Ort. Im Frühling 2012 starteten die Sanierungen der Häuser in der Adam-Kuckhoff-Straße und der Ludwig-Wucherer-Straße  sowie die Bauarbeiten für das neue Institutsgebäude und die Bibliothek.

Von der Standortentscheidung vor neun Jahren bis zu den letzten Mängeln, die jetzt noch beseitigt werden – jede Woche saßen die Verantwortlichen mit Fachleuten und den späteren Nutzen in Planungsrunden oder waren auf der Baustelle unterwegs. Dabei galt es stets, die Vorgaben der Feuerwehr, des Denkmalschutzes und der Behindertenvertretung zu berücksichtigen sowie den finanziellen Rahmen im Blick zu behalten. „Man lernt mehr über die Kommunikation als über die Sache selbst“, sagt Matthias Buck rückblickend, und lobt die zuständige Bau-Abteilung: „Bei der Gestaltung und Ausstattung unserer Räume wurde uns wirklich zugehört.“

Die Vorführhalle in der Adam-Kuckhoff-Straße 35 wurde aufwändig saniert. (Foto: Markus Scholz)

Die Vorführhalle in der Adam-Kuckhoff-Straße 35 wurde aufwändig saniert. (Foto: Markus Scholz)

Akustiker hörten zum Beispiel im sanierten Altbau in der Adam-Kuckhoff-Straße 35 ganz genau hin. Mit ihrer Hilfe wurde die sogenannte Vorführhalle, ein hoher, heller Raum besonders schalldämmend gestaltet, so dass er nicht nur für die Lehre optimale Bedingung bietet, sondern auch als Aufführungsort der Sprechwissenschaftler genutzt werden kann.

Familienfreundlich ist der neue Campus auch: Insgesamt neun Wickeltische wurden eingerichtet, mindestens einer ist in jedem Gebäude zu finden. In der Adam-Kuckhoff-Straße 34b steht zudem ein eigens für Eltern und ihre Kinder gestalteter Spiel- und Ruheraum bereit.

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