Das Berolina-Ensemble in der Uni-Aula. Im Mittelpunkt des Abends stand das Oktett F-Dur, das Franz Schubert 1824 komponierte. (Foto: Maike Glöckner)

Kammermusik an den Gattungsgrenzen

Es gibt sie doch, die quintettbesetzten Meisterwerke, die ihre eigene Sprache sprechen: Am 25. November beeindruckte das Berolina Ensemble in der Reihe aulakonzerte halle unter anderem mit Interpretationen der Serenata in vano Carl Nielsens sowie der Hasenöhrl-Bearbeitung von Richard Stauss‘ Till Eulenspiegels lustige Streiche Op. 28. Eine Rezension von Pascal Schiemann.

„Zu lang!“, schrie die Musikkritik und stimmten die Verleger noch Jahrzehnte später im Unisono mit ein: Zu lang sei es, Franz Schuberts Oktett in F-Dur D 803, mit welchem der Komponist sich erstmals sicher wähnte auf seinem Weg zur großen Symphonie. Und es stimmt ja auch! Es ist doch auch, nicht ein furchtbares, wohl aber ein furchtbar langes Ding, dieses gewaltige Selbstbekenntnis in sechs Sätzen, diese immer mutige und dabei nie übermütige, diese immer selbstbewusste und dabei nie selbstverliebte Lossagung vom übermächtig dräuenden Genius des geistigen Ziehvaters Ludwig van Beethoven.

Kein Leichtes also – zumal vorbereitet von den schwärmerischen Klängen des F-Dur-Oktetts Op. 26 Hugo Kauns –, angesichts eben dieses originären Schuberts nicht dem pseudoromantischen ‚Schlendrian‘, wie Friedrich Gulda dereinst manchen Kollegen schalt, zu verfallen, sondern den romantischen Geist zu jeder Zeit und mit solch großer Klarheit aller Stimmen auszusprechen, wie es dem Berolina Ensemble am Abend des 25. November bei seinem Auftritt in der Reihe der aula konzerte halle eindrucksvoll gelang.

Im vergangenen Jahr wurde das Berolina-Ensemble zum „Ensemble des Jahres“ gekürt. (Foto: Maike Glöckner)

Im vergangenen Jahr wurde das Berolina-Ensemble zum „Ensemble des Jahres“ gekürt. (Foto: Maike Glöckner)

Dabei bestach das meisterhaft musizierende Ensemble, ob nun in den lyrisch-tiefschürfenden Ecksätzen oder den von heiterem Divertimento-Gestus geprägten Mittelsätzen des Schubertschen Op. 166, vor allem durch eines: Wann immer sich die Violine mit einer hinreißend musizierten Kantilene über die Harmonie des Satzes erhob, wann immer die aufbrausenden Bässe virtuos vorwärts drängten, zu jeder Zeit überredeten sich die Instrumentalisten zu einem selbstlosen Miteinander, zu einem manchmal beinahe symphonisch anmutenden Duktus als Vorahnung dessen, was Schubert in Form der großen C-Dur-Sinfonie noch folgen lassen sollte. So und nicht anders sprengt man die oft bemühten Gattungsgrenzen, so und nicht anders macht man das Publikum „Bravo“ rufen!

Umso mehr überraschte die Idee des Ensembles, die romantische Schwere der beiden fabelhaft interpretierten F-Dur Oktette durch zwei eingeschobene Quintette – der Serenata in vano Carl Nielsens sowie der Hasenöhrl-Bearbeitung von Richard Stauss‘ Till Eulenspiegels lustige Streiche Op. 28 – zu konterkarieren. So musste doch einem jedem, dem Richard Stauss‘ meisterhaft instrumentierte Originalfassung geläufig ist, das phasenweise etwas blasse Arrangement Hasenöhrls zwischen dem gewaltigen Klangfarbenspiel der Oktettbesetzungen ein wenig verloren wirken. Zwar wurde das zweifelsohne herausragend dargebotene Arrangement der programmatischen Ausdeutung des Werkes über weite Strecken durchaus gerecht.

Wenn aber etwa das Gericht im bedrohlichen Fortissimo der Posaunen Urteil spricht über das Leben des schelmischen Protagonisten oder die Flöten feingliedrig von neuen Streichen künden, so fehlt es demselben an Ausdruckskraft, bleibt es lediglich Übersetzung des Orchestralen ins Kleine. Als einzige Kritik an einem der sicherlich denkwürdigsten Abende der aula konzerte halle bleibt also nur eine Frage: Es gibt sie doch, die quintettbesetzten Meisterwerke, die ihre eigene Sprache sprechen – warum sie nicht spielen? Pascal Schiemann

Das nächste Konzert der Reihe aulakonzerte halle findet am 20. Januar 2016 statt.

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