Ulrich Wenner mit einem Band des Mittelelbischen Wörterbuchs im Karl-Bischoff-Archiv der Universität. (Foto: Markus Scholz)

Das Wörterbuch mit dem Erbsenbär

Im Jahr 1935 begann der Germanist Karl Bischoff mit der Arbeit an einem Wörterbuch der Dialekte seiner Heimat. Im Lauf der Jahre entstand eine beachtliche Sammlung an Belegen dafür, wie die Menschen zwischen Altmark und Anhalt damals gesprochen haben. Rund 250.000 Notizen lagern an der Uni Halle, wo das Projekt 1992 fortgesetzt wurde. Inzwischen sind zwei Bände des Werks erschienen.

Wenn Ulrich Wenner an seinen Quellen arbeitet, kommt es auf Genauigkeit an. Der Fragebogen, den er aus einem Stapel gezogen hat, trägt einen Eingangsstempel vom 7. September 1938. Wenner nutzt ihn, um den Ursprung eines Wortes zu klären, das er zuvor auf einem kleinen Karteikärtchen gefunden hat. Nur wenn der Germanist sich ganz sicher ist, findet der Begriff tatsächlich Eingang in das Mittelelbische Wörterbuch.

Einer der Fragebögen, die Karl Bischoff 1938 eingesammelt hat. (Foto: Markus Scholz)

Einer der Fragebögen, die Karl Bischoff 1938
eingesammelt hat. (Foto: Markus Scholz)

Der vergilbte Fragebogen in Wenners Händen gehört zur achten Befragung, die der 1905 geborene Germanist Karl Bischoff einst im Gebiet des ehemaligen Regierungsbezirks Magdeburg und in Anhalt durchführte. Darin sollten Menschen festhalten, wie sie in ihrem Heimatdialekt vorgegebene Alltagsdinge benennen.

Zum Beispiel das Wort „Kohlweißling“. Glaubt man den in Sütterlin notierten Angaben einer Landwirtin aus dem Kreis Osterburg, wurde das Flattertier dort einst als „Rupenschieter“ bezeichnet. Insgesamt elf solcher Fragebogen-Aktionen sind aus jener Zeit dokumentiert. Der Rücklauf bestand jeweils in bis zu 700 ausgefüllten Exemplaren. „Die Fragebögen bilden den Grundstock der Wörterbucharbeit“, erklärt Wenner, der seit 1992 in der Wörterbuchstelle tätig ist. Seither sind bereits zwei 600 Seiten starke Bände des Mittelelbischen Wörterbuchs erschienen.

Rund 250.000 Zettel lagern im Karl-Bischoff-Archiv. (Foto: Markus Scholz)

Rund 250.000 Zettel lagern im Karl-Bischoff-Archiv. (Foto: Markus Scholz)

Wenner arbeitet inzwischen, neben seinen anderen Aufgaben in Forschung und Lehre, am dritten und letzten Band, der die Buchstaben R bis Z zum Inhalt haben wird. Die Wörter, zu denen er derzeit Artikel mit Erklärungen, Herkunft und Gebrauch verfasst, hören sich fremd an für heutige Ohren: rumswutjen, rumtäpen, rumswimeln. Letzteres bedeutet nichts anderes als „sich nachts in Wirtshäusern herumtreiben“. Der Grund für die Fremdheit: Es handelt sich um Mundart, wie sie noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gesprochen wurde. Heute gibt es nur noch wenige Dialektsprecher, die solchen Wortschatz verstehen und verwenden könnten.

Mehr über das Karl-Bischoff-Archiv und die Bedeutung des Wörterbuchs im zweiten Teil>>

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