Ingrid Mertig
Prof. Dr. Ingrid Mertig am Weinberg-Campus (Foto: Michael Deutsch)

„Erfolg ist wissenschaftliche Erkenntnis“ – Die Physikerin Ingrid Mertig im Porträt

Ohne sie wäre Nobelpreisträger Prof. Dr. Albert Fert nicht so oft am Weinberg-Campus zu Besuch. Auch Humboldt-Professor Stuart Parkin hätte sich ohne Prof. Dr. Ingrid Mertig wohl nicht für Halle entschieden. Seit 15 Jahren lehrt und forscht die Physikerin an der Uni Halle. Hier hat sie den Forschungsschwerpunkt Nanostrukturierte Materialien mit aufgebaut, den sie als Sprecherin des Sonderforschungsbereiches 762 „Funktionalität oxidischer Grenzflächen“ entscheidend prägt.

Irgendwo steht es im Regal. Das Standardwerk „Solid State Physics“ zur Festkörperphysik von Ashcroft and Mermin. Ingrid Mertig, Professorin für Theoretische Physik, wird auf Nachfrage stutzig und lächelt etwas ungläubig. Sie will dringend wissen, woher der Tipp kommt. Klar hat sie das Buch griffbereit, und sie weiß auch, worum es geht. Aber es bleibt eben noch im Regal.

Dann fangen wir eben anders an, und zwar mit dem Vorlesen aus einer langen Liste ihrer bisherigen Funktionen, die da wären: Mitglied im Wissenschaftsrat, Fachkollegiatin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Leiterin der Arbeitsgruppe „Quantentheorie des Festkörpers“ an der Uni Halle, Sprecherin des Sonderforschungsbereiches (SFB) 762 „Funktionalität oxidischer Grenzflächen“ und des Landesforschungsschwerpunkts „Nanostrukturierte Materialien“, Max-Planck-Fellow, Mitglied der „International Union of Pure and Applied Physics (IUPAP)“, Mitglied des Akademischen Senats, und, und, und. Das dürfte ausreichen, um mit ihr ausgiebig über Erfolge zu sprechen?

Ingrid Mertig zeigt sich wenig beeindruckt. Thema verfehlt? „Nein, Erfolg bedeutet für mich etwas ganz anderes“, erklärt sie. „Erfolg ist wissenschaftliche Erkenntnis.“ Und nur das mache sie glücklich. So denke sie immer wieder gern an die Forschungsarbeiten zum Riesenmagnetwiderstand, dem so genannten GMR-Effekt, zurück. Diese Entdeckung der beiden Festkörperphysiker Peter Grünberg vom Forschungszentrum Jülich und Albert Fert von der Universität Paris-Süd führte zur Entstehung eines neuen Forschungsgebiets – der Spintronik. Dank des GMR-Effekts konnten später Computer-Festplatten mit sehr hohen Speicherdichten entwickelt werden. Grünberg und Fert wurden dafür mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet. Mit den beiden Grundlagenforschern habe sie stets in Kontakt gestanden. „Als ich dann diesen Effekt verstanden habe, war‘s einfach nur schön“, schwärmt Mertig. In dieser Community hatte sie auch Kontakt zum britischen Experimentalphysiker Stuart Parkin, der 2014 unter großem medialem Aufsehen nach Halle kam. Ihr war es gelungen, die Alexander von Humboldt-Professur für ihn einzuwerben.

Als Gastprofessorin durch die ganze Welt

Bereits als Schülerin interessierte sie sich für Naturwissenschaften – wohlgemerkt für alle. „Ich hätte genauso gern Chemie oder Biologie studiert“, sagt Mertig, die sich 1974 für den Studiengang Physik an der Technischen Universität Dresden einschrieb. „Vielleicht auch, weil Physik für mich die größere Herausforderung war.“ 1982 promovierte sie und erlebte fortan eine aufregende Postdoc-Zeit. Mit ihrem Mann, ebenfalls Physiker, ging sie für fünf Jahre nach Russland ans Vereinigte Institut für Kernforschung Dubna. Hier knüpfte sie Kontakte zu Wissenschaftskollegen, baute Netzwerke auf, glich Forschungsstände ab.

Ab 1990 reiste sie als Gastprofessorin durch die halbe Welt. Als Stationen seien Paris, New York und Nagoya genannt. Noch in ihrer Zeit als Heisenberg-Stipendiatin bekam sie ein Angebot aus Halle und wurde 2001 Inhaberin der Professur Theoretische Physik/Quantentheorie des Festkörpers. Gemeinsam mit dem damaligen Dekan Prof. Dr. Heinrich Graener erarbeitete sie ein Konzept des Instituts für Physik, wie es in zehn Jahren aussehen sollte.

Mit konsequenten Berufungen wurde der Schwerpunkt Nanostrukturierte Materialien aufgebaut. Dabei ist die Untersuchung ferroelektrischer und magnetischer Oxide mit neuartigen Eigenschaften ein wichtiger Baustein und Forschungsgegenstand des SFB 762, dessen dritte Förderperiode durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Januar 2016 begonnen hat. Erarbeitet werden hier Grundlagen für potentielle technische Anwendungen, darunter völlig neue Ansätze für die Speichertechnologie.

Die Schönheit der Theoretischen Physik lehren

Ingrid Mertig hat sich über die Jahre als wissenschaftliche Expertin mit mehr als 200 Veröffentlichungen international einen Namen gemacht. 2011 wurde sie in den Wissenschaftsrat berufen. Immer wieder war sie im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterwegs – als Fachgutachterin oder im Nominierungsausschuss des Leibniz-Preises. Mertig kann Brücken bauen und Menschen gewinnen. Auch deshalb mag sie so erfolgreich sein, wenn es darum geht, große Forschungsverbünde wie den SFB 762 mit 27 Projektleitern zu lenken und zu führen. Ach, und ja! Sie ist akkurat. Diskussionen, die ins Uferlose laufen, liegen ihr nicht. Ingrid Mertig hält sich an Zahlen, Daten und Fakten und versucht – auch mit Hilfe ihrer Notizen im stets mitgeführten Collegeblock – Struktur in die Diskussionen zu bringen.

Geschätzt wird sie auch von ihren Studenten, wie ihr Kollege Prof. Dr. Wolf Widdra verrät. Ihre Vorlesungen sind beliebt in einem Fach, das oft gar nicht so einfach ist. Lehre ist für Mertig pure Leidenschaft, hier taut sie auf, hier kommt sie ins Schwärmen. „Ich unterrichte unheimlich gerne. Mein Ziel ist es, allen die Schönheit der Theoretischen Physik nahezubringen. Umgekehrt ist es für mich ein Privileg, dass ich miterleben darf, wie sich die jungen Leute entwickeln und entfalten.“ Viele ihrer Studenten sind heute gestandene Wissenschaftler.

Bereits in den 80er Jahren beschäftigte sich Ingrid Mertig intensiv mit Fermi-Flächen. Jene Flächen, sagt sie, seien die Visitenkarten von Metallen. „Irgendwann, als die Computer soweit waren, kam mir die Idee, ein Programm zu schreiben, mit dem man all diese Fermi-Flächen bildlich darstellen kann“. Und hier kommt nun das Buch „Solid State Physics“ wieder ins Spiel. Ingrid Mertig holt es aus dem Regal. Die Darstellung der Fermi-Fläche vom Element Nickel schaffte es auf die Titelseite des Buches, in das bis heute weltweit alle Physikstudenten ihre Nase stecken. Michael Deutsch

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