Für sein Engagement für die Universität Halle verlieh Rektor Günther Schilling (rechts im Bild) Hans-Dietrich Genscher 1992 die Ehrensenatorwürde. (Foto: Bildstelle Uni Halle)

„Genscher half, Türen zu öffnen“

Hans-Dietrich Genscher hat sein Jura-Studium 1946 an der Universität Halle begonnen. Bis zu seinem Tod Ende März 2016 war der wohl bekannteste Hallenser und Bundesaußenminister a.D. seiner Alma Mater eng verbunden. Insbesondere nach 1990 setzte er sich aktiv für die Universität ein. Im Interview erinnert sich der damalige Rektor Prof. Dr. Günther Schilling an einen außergewöhnlichen Politiker und sein Wirken für die Hochschule.

Erinnern Sie sich noch daran, wie Ihr erster Kontakt zu Hans-Dietrich Genscher zustande kam?
Günther Schilling: Wenn man so will, war dabei auch der Zufall im Spiel. Genscher sollte im Mai 1991 die Ehrendoktorwürde der staatlichen University of South Carolina in Columbia, der Hauptstadt des US-Bundesstaats South Carolina, erhalten. Von amerikanischer Seite hatte man ihm signalisiert, er könne sich bei seiner Reise anlässlich der Verleihung von einer deutschen Delegation begleiten lassen. Im Wesentlichen war er es, der auf die Idee kam, einen Theologen und mich als Rektor seiner Alma Mater mit dorthin zu nehmen. Denn er hatte 1946 in Halle ein Jura-Studium aufgenommen. Die Einladung hat mich natürlich sehr gefreut. Sie war der Auftakt für viele weitere und enge Kontakte.

Welche Erinnerungen haben Sie an diese erste Begegnung?

Der Agrarwissenschaftler Günther Schilling war von 1990 bis 1993 Rektor der Uni Halle. (Foto: Markus Scholz)

Der Agrarwissenschaftler Günther Schilling war von 1990 bis 1993 Rektor der Uni Halle. (Foto: Markus Scholz)

Bevor wir nach Columbia geflogen sind, verbrachten wir noch einige Tage in New York und Washington. Genscher war von Anfang an sehr offen. Obwohl er ja nur drei Jahre älter war als ich, habe ich ihn durch seine Ausstrahlung immer eher als väterlichen Freund empfunden. Beeindruckt hat mich, wie er Gespräche führte: Er war immer locker, trotzdem war alles, was er sagte, gut durchdacht. Er war stets um Ausgleich bemüht und nie auf direkte Konfrontation aus. Das war seine absolute Stärke. Und oft endete ein Gespräch mit einer kleinen Anekdote oder einem Wortwitz.

Wie verlief Ihre gemeinsame Reise und was hat sich daraus ergeben?
Diese Reise war für die weitere Entwicklung unserer Universität bedeutsam. Denn dort und auch später habe ich sehr intensive Gespräche mit Herrn Genscher geführt. Unser großes Thema war die Erneuerung der Universität, zu der er in den folgenden Monaten und Jahren vieles beigetragen hat. Das fing – wenn man so will – schon während der Reise an. Genscher half, Türen zu öffnen. So konnte ich viele amerikanische Wissenschaftler verschiedener Disziplinen und auch Vertreter anderer Hochschulen kennenlernen. Aber nicht nur für die Universität war die Reise wichtig, auch mir persönlich hat sie viel gebracht. Ich empfand diese persönlichen Kontakte zu internationalen Wissenschaftlern aus verschiedenen Kulturkreisen als sehr bereichernd. In Erinnerung ist mir auch geblieben, dass ich auf der Festveranstaltung zu Genschers Ehrendoktorwürde unfreiwillig viel Aufmerksamkeit auf mich gezogen habe. Ich war nämlich der einzige Gast, der in einem historischen Talar gekommen war. Die Amerikaner waren sehr erstaunt darüber. Zwei Professorinnen kamen sogar zu mir und fragten, ob sie das prachtvolle, mit Brokat besetzte Kleidungsstück mal anfassen dürften. Ich ließ sie natürlich gewähren. Anschließend mussten wir alle drei sehr darüber lachen.

Können Sie Beispiele für Genschers Wirken an der Universität Halle nennen?
Die Tatsache, dass er der Stadt Halle und der Martin-Luther-Universität stets zugetan war, äußerte sich sehr konkret. Er kanalisierte materielle Hilfen, die sonst zwar auch irgendwo in den Osten geflossen wären, aber eben nicht unbedingt nach Halle. Ein Beispiel dafür war die großzügige Schenkung einer US-amerikanischen Kasernenbibliothek aus dem schwäbischen Göppingen. Im März 1992 erhielten wir von dort 16.000 Bände unterschiedlicher wissenschaftlicher Fachgebiete für unsere Universitäts- und Landesbibliothek. Anlässlich der Übergabe waren Vertreter des US-Außenministeriums, der Landesregierung und natürlich auch Genscher selbst gekommen. Zuvor hatte er mit dem ihm eigenen diplomatischen Geschick dafür gesorgt, dass die Universität Halle als neuer Besitzer für diesen Bestand in Frage kam.

Der damalige Ministerpräsident Gerd Gies, Außenminister Genscher und Rektor Schilling bei der Übergabe der Bücher aus einer ehemaligen US-Armee-Bibliothek an die Unversitätsbibliothek 1991. (Foto: Bildstelle Uni Halle)

Von links: Der damalige Oberbürgermeister Halles Dr. Klaus Rauen, Außenminister Genscher und Rektor Schilling 1992 bei der feierlichen Übergabe der Göppinger Bibliothek an die Universitäts- und Landesbibliothek. (Foto: Klett/Bildstelle Uni Halle)

Wie konnte Genscher auf der politischen Bühne helfen?
Wie bereits erwähnt, war die Erneuerung der Universität das große Thema jener Zeit. Es galt, neue Strukturen sachlicher und personeller Art aufzubauen, die Demokratisierung voranzutreiben, die Freiheit des wissenschaftlichen Denkens zu garantieren und die Internationalisierung der Universität voranzutreiben. Wir hatten damals über 70 Studiengänge, deren Inhalte überprüft und angepasst werden mussten. Dabei galt es per Gesetz, alle Einrichtungen und Studiengänge abzuwickeln, die zu DDR-Zeiten die Ideologie des Marxismus-Leninismus verbreitet hatten. Genscher hat diesen Prozess durch Gespräche begleitet. Er war ein guter Zuhörer. Und es gelang ihm, sich in sein Gegenüber hineinzudenken. Er war einfach Diplomat durch und durch.

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