Neben Stadtbüchern, wie das Hallische Kämmereibuch 1451 – 1541 (im Hintergrund), finden die Historiker auch Aushänge, wie die „Gesatzte belonunge der widder kauff briue Anno etc. Decimo“ – die „Verordnung über die Höhe der Zinsen bei Krediten“ aus dem Jahr 1510, die wahrscheinlich am oder im Rathaus öffentlich sichtbar angeschlagen war. (Foto: Maike Glöckner)

Das Gedächtnis der Stadt

Wie organisierten die Menschen einer mittelalterlichen Stadt ihr Zusammenleben? Wie regierte der Rat? Wie wurden Umweltsünden bestraft? Das und vieles mehr steht in den Gesetzen, Protokollen oder Briefen der Stadtverwaltungen. Bereits seit dem 13. Jahrhundert wurden diese in Stadtbüchern niedergeschrieben. Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) kann ein Team um die Historiker Prof. Dr. Andreas Ranft und Dr. Christian Speer diese Bücher nun erstmals für die Forschung erschließen.

Es waren wohl Salzsieder, die beim Zahlen der Steuern säumig waren. Im städtischen Kämmereibuch, das im Stadtarchiv Halle überliefert ist, findet sich jedenfalls für das Jahr 1517 die Verordnung des Amtshauptmannes Hans von Peck, die besagt, dass diejenigen, die innerhalb von 14 Tagen nach dem 25. Januar ihre Steuern dem Rat noch nicht gezahlt haben, aus der Talstadt verwiesen werden. Ordnung muss sein.

Ein lebendigerer Einblick in das Leben einer mittelalterlichen Stadt lässt sich schwerlich finden, denn Stadtbücher sind im Mittelalter und der Frühen Neuzeit das Rückgrat der kommunalen Verwaltung. In einem Stadtbuch, lateinisch liber civitatis, sind schließlich alle administrativen und rechtsrelevanten Angelegenheiten einer Stadt verzeichnet. Die Kodizes gehören daher zu den wichtigsten Quellen für Historiker: Listen von Ratsmitgliedern, Privilegien, Ordnungen, Rechtssprüche oder Rechnungen, Geldbußen, aber auch Steuersünden wurden dort verzeichnet, Testamente der Bürger, ihre Stiftungen sowie Vermögensgeschäfte und vieles mehr.

Prof. Dr. Andreas Ranft und Dr. Christian Speer arbeiten an dem Projekt, das Stadtbücher systematisch für die Forschung erschließen soll. (Foto: Maike Glöckner)

Prof. Dr. Andreas Ranft und Dr. Christian Speer arbeiten an dem Projekt, das Stadtbücher systematisch für die Forschung erschließen soll. (Foto: Maike Glöckner)

„Mit Hilfe von Stadtbüchern lassen sich Phänomene wie Herrschaft und Verwaltung – oder ganz allgemein – soziale Interaktionen hervorragend  erforschen“, sagt Prof. Dr. Andreas Ranft, Historiker an der Universität Halle. Aber nicht nur die gesamte Verwaltungsgeschichte einer Stadt lässt sich nachvollziehen, Kultur- und Kunsthistoriker sowie Germanisten können ihre Quellen in kommunale Kontexte – Löhne, Preise, Stadtratsentscheidungen, Chronikalisches – einordnen, die bislang wenig bis kaum beachtet wurden.

Denn tatsächlich: Stadtbücher sind erstaunlicherweise bisher sehr wenig erforscht, da sie breit gestreut überliefert, zum Teil nicht zugänglich und daher bisher in Gänze kaum zu überblicken sind. Mit ihrer Arbeitsgruppe wollen Andreas Ranft und Christian Speer nun helfen, diesen historischen Schatz zu heben. Dafür müssen sie und ihr Team Grundlagenarbeit leisten. Die ist auch der DFG so wichtig, dass sie aus ihrem Langfristprogramm über zwölf Jahre hinweg insgesamt vier Millionen Euro zur Verfügung stellt. Das passiert nicht oft.

Onlineverzeichnis Jahrhunderte alter Quellen

Im Februar dieses Jahres fiel der Startschuss für das Großprojekt, in dem alle überlieferten Stadtbücher überregional erfasst und systematisch aufbereitet werden, um sie der Forschung zur Verfügung zu stellen. „Hauptziel ist, eine komplette Datenbank aufzubauen, mit deren Hilfe sich Stadtbücher aus ganz Deutschland und sogar darüber hinaus ausfindig machen lassen“, erläutert Ranft.

Dabei bauen die Forscher auf einem Pilotprojekt auf, in dem ein bereits vorhandenes – in den 1980er Jahren in der DDR zusammengetragenes – Stadtbuchverzeichnis überarbeitet, in die Datenbank übertragen und kommentiert wurde. Seitdem ist die Datenbank unter www.stadtbuecher.de bereits direkt nutzbar. Ein erstes Angebot, das abgerufen wird: „Wir verzeichnen steigende Zugriffszahlen aus aller Welt“, sagt Ranft.

Auch die Stadtbücher Halles sind bereits in der Datenbank zu finden. Im Stadtarchiv der Saalestadt sind immerhin 424 Exemplare aus verschiedenen Jahrhunderten überliefert. Ein besonders altes ist ein in Leder gebundenes Kämmereibuch, dessen erster Eintrag aus dem Jahr 1451 stammt. Notizen über Kometenerscheinungen am Himmel finden sich darin ebenso wie solche über die Gebühren für den Totengräber und zur Entsorgung von Abfällen: So ist ein Eintrag aus dem Jahr 1462 mit den Worten überschrieben: „Den pful und unflot sal man nicht uff die gassen schoten“, was nichts anderes bedeutet, als dass Unrat nicht auf der Straße zu entsorgen ist. „Durch solche Einträge erhalten wir schlaglichtartig sehr anschauliche Bilder aus dem Leben jener Zeit, konkrete Nöte, aber auch, dass sie als Gemeinschaftsaufgaben erkannt und angegangen werden“, sagt Ranft.

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