Jan-Hendrick Olbertz, Jürgen Kaube, Udo Sträter, Armin Willingmann und Everhard Holtmann bei der Disputation in Wittenberg. (Foto: Maike Glöckner)

Welchen Sinn haben Universitätsreformen? – Streitgespräch in Wittenberg

Die Zusammensetzung des Podiums war bereits im Vorfeld vielversprechend: Jan-Hendrik Olbertz, Armin Willingmann und Everhard Holtmann waren geladen, die pointierten Thesen von Jürgen Kaube, einem der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zu kommentieren. Thema der diesjährigen Disputation der Universität am Reformationstag: „Universitas semper reformanda? Von den Möglichkeiten und Grenzen permanenter Universitätsreformen“. Die Gäste an der Wittenberger Leucorea konnten denn auch einen regen Austausch verfolgen.

Zunächst jedoch ist in Wittenberg am Reformationstag das Wetter wichtig. Der Himmel ist zwar grau und wolkenverhangen, aber: Es regnet nicht. Und so bleiben auch beim 24. Zug des Akademischen Senats der Universität Halle die Talare trocken. Der Weg führt wie immer vom Rathaus zur Stiftung Leucorea, wo im Anschluss Rektor Prof. Dr. Udo Sträter und Prof. Dr. Ernst-Joachim Waschke, Vorsitzender der Stiftzung Leucorea, die wissenschaftliche Disputation eröffneten. In diesem Jahr hat Jürgen Kaube die zehn, zum Teil provokativ formulierten Thesen, aufgestellt und mit diesen den Nutzen von Universitätsreformen in Frage gestellt.

In seinen Thesen bezieht sich Kaube auf die Reformen, die seit den 1990er Jahren in der ganzen Bundesrepublik durchgeführt worden sind. Kaube nimmt jedoch nicht die erreichten oder auch nicht erreichten Zahlen als Indiz für das Scheitern der Reformen, denn die Zahlen, so sagt er, seien nicht eindeutig. So habe sich die Zahl der Studienabbrecher nach der Bologna-Reform nicht signifikant verringert, womöglich seien Abbrecher erfolgreich in anderen, später gewählten Studienfächern gewesen. Zudem, so der Journalist und Soziologe, sei eines der Hauptprobleme der Universität ihr Wachstum aufgrund der steigenden Studierendenzahlen. Auch die Exzellenzinitiative stellt er in Frage, denn hierbei werde der durchschnittliche Student, der nicht in die Forschung gehen wolle, einfach vergessen.

Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz, bis zum Frühjahr Präsident der Berliner Humboldt-Universität und von 2002 bis 2010 Kultusminister des Landes Sachsen-Anhalt, beginnt seine Gegenrede mit einem Zugeständnis: „Ich kann meine Rolle nicht überzeugend spielen, weil ich vielen der Thesen zustimme.“ In einem Punkt widerspricht er Kaube aber dann doch. Denn der sieht die von den Universitäten hervorgebrachte „Management-Klasse“ als problematisch an, Olbertz bewertet diese hingegen positiv. Er ist der Ansicht, eine große Institution ohne professionelles Management sei nicht möglich.

Prof. Dr. Armin Willingmann, Staatssekretär im Magdeburger Wissenschaftsministerium, sieht sich in einer besonderen Position auf dem Podium, denn er sei für alle Hochschulen verantwortlich, nicht nur für die Universitäten. Er verteidigt die Entscheidungen der Politik, indem er fragt: „Hat Kaube paradiesische Zustände vor Augen? Gibt es einen Urzustand der Universitäten? Darf man nicht Hand anlegen?“ Die Politik regiere auch auf Bedarfe. So habe die Wirtschaft kürzere Studienzeiten gefordert.

Ein ausgeglichenes Verhältnis von Zustimmung und Ablehnung der Thesen vertritt am Ende der Forschungsdirektor des Zentrums für Sozialforschung an der Uni Halle Prof. Dr. Everhard Holtmann. Ebenso wie Olbertz sieht er die Exzellenzinitiative kritisch und zitiert das DDR-Sprichwort: „Wir sind im Durchschnitt alle spitze.“

In einem Punkt jedoch stimmen die drei Opponenten überein und widersprechen Kaube: Sie sprechen sich für weitere Reformen aus. Andernfalls herrsche eine nicht erstrebenswerte Stagnation. Jedoch sollten die Reformen zwischen Wissenschaftspolitik und Wissenseinrichtungen stattfinden sowie praktikabel sein.

Das Schlusswort im wissenschaftlichen Streitgespräch hat noch einmal Jürgen Kaube. Er stellt fest, dass seine letzte These – „Die Hoffnung liegt im Nichtfunktionieren der Reformen und ist insofern groß“ – nicht fatalistisch, sondern stoizistisch gemeint sei. Nach einer Gesprächsrunde mit dem Publikum schließt Rektor Sträter die Disputation – nicht ohne die Anmerkung: „Nach den Argumenten hier habe ich so richtig Lust auf eine größere Reform bekommen.“ Katharina Ziegler

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