Das Trio Franconia war am 25. Januar in der Reihe "aulakonzerte halle" zu Gast. (Foto: Maike Glöckner)

Ein Trio zwischen Freud und Leid

Mit drei Werken von Schubert, Ravel und Rachmaninow begeisterte das Trio Franconia gestern Abend das Publikum in der Aula des Löwengebäudes. Das Konzert war in der Reihe der „aulakonzerte halle“ zu hören. Pascal Schiemann hat den Abend rezensiert.

Es ist eine eingeschliffene Wendung, dass, wie Beethoven der Gattung des Klaviertrios die Viersätzigkeit einschrieb, Schubert sie vom Haydn‘schen Bekenntnis zum musikalisch-aufgeklärten Witz reinigte, um in der Folge dem Gestus des Tragischen ein Einfallstor zu bieten ­– und, glaubt man dem Trio Franconia, so behält sie recht. Die wenigen Lichtungen jedenfalls, die Rachmaninow (Trio élégiaque Nr. 1 g-Moll) und Ravel (Trio a-Moll) in die pittoresken Schreckensbilder ihrer Kompositionen zeichneten, sie wollen über dem schwarzgalligen Schleier das „Es-wird-sich-noch-zum-Guten-wenden“, das Schubert noch in sein von romantischer Sehnsucht nach monumentalen Proportionen getriebenes Es-Dur-Trio D 929 zu pflanzte suchte, nicht mehr recht glauben machen: Himmelsblicke, die sich in dem Moment, da sie sich der eigenen Utopie bewusst werden, in aufrichtiger Selbstzerstörung verlieren und dem Unausweichlichen nichts mehr entgegensetzen können.

Im Bild: die Pianistin Tomoko Ogasawara und der Geiger Bart Vandenbogae (Foto: Maike Glöckner)

Rachmaninow und Ravel, sie nehmen den älteren Kollegen beim Wort und überspitzen die Seufzer des sich über gleichförmig schreitenden Staccatoakkorden anhebenden Mollthemas aus Schuberts Andante con moto bis zur Herzensangst: Wo Schubert den im dritten Satz mit bissiger Ironie konterkarierten Dualismus von Freud und Leid im Finale in zarten Hoffnungsschimmer auflöst, trübt Rachmaninow die gemäßigte Melancholie des Hauptsatzes durch einen in melodischer Lethargie verharrenden Trauermarsch, der den Glauben ans lieto fine im Konduktschritt zu Grabe trägt. Wo Schubert den zweiten Satz mit einer Geste sanfter Resignation einfängt, flieht Ravels Passacaille aus Furcht vor dem Morgen ins Gestern oder besser noch ins Nichts; nicht, versteht sich, ehe die Streicherterz in den letzten Takten des Modéré von der nahenden Katastrophe singt.

Schwere Kost also – und eine kalte Atmosphäre noch dazu, die warme Finger braucht. Der Kampf um das gute Ende schließlich ist einer, der ausgefochten werden will, ehe man ihn verliert.

Die Trios von Schubert, Rachmaninow und Ravel jedenfalls haben es ihrer nach allen Seiten hin die entlegenen Extreme absuchenden Affektgeladenheit wegen ebenso sehr wie ihrer Virtuosität einfordernden Technik in sich: Das Wechselspiel von trübsinniger Ruhe und aufbrausender Auflehnung, von kantabler Melodik und treibenden Figurationen polyphonen Gepräges, das in immer neuen Anläufen von höchsten Höhen in tiefste Abgründe stürzt, bedarf der Meisterhände des Trio Franconia, um nicht plakativer ‚Affekthascherei‘ anheim zu fallen.

Das Ensemble ist in Bamberg beheimatet. (Foto: Maike Glöckner)

Das aus den Bamberger Symphonikern hervorgegangene Ensemble führt von der melancholisch-schwebenden Ungewissheit des Ravel-Trios scheinbar mühelos in ein Finale, das die orchestrale Fülle eines Solokonzertes heraufbeschwört, und vollbringt es, Spannungsbögen zu zeichnen, die selbst einem Trio von so gewaltigen, beinahe sinfonischen Proportionen wie dem Schubert‘schen Zusammenhalt geben.

Immer wieder besticht dabei Matthias Ranft (Cello) mit einer Noblesse, die das Pianissimo schreien macht und das Virtuose frei von solistischen Attitüden in matten Glanz taucht – die zur Naivität karikierte Heiterkeit allerdings, mit welcher im Finale des Schubert-Trios die Reprise des „schwedischen“ Themas in die Bekräftigung des Durschlusses führt, kann man dem Trio Franconia nach den bittersüßen Bekenntnissen zur Hoffnungslosigkeit nicht mehr glauben. Pascal Schiemann

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