Burkhard Schnepel
Burkhard Schnepel erforscht das Gebiet des Indischen Ozeans. (Foto: Michael Deutsch)

Indian Ocean Studies: Wie Ideen auf Reisen gehen

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Mayotte gehört zu Frankreich

Ein Forschungsprojekt in diesem Rahmen befasste sich 2015 mit Identität und Zugehörigkeit in der Union der Komoren, einem muslimisch geprägten Inselstaat an der Südostküste Afrikas. Es wird ab Januar 2017 für drei Jahre von der Deutschemn Forschungsgemeinschaft am von Schnepel geleiteten Zentrum für Interdisziplinäre Regionalstudien der MLU (ZIRS) weitergeführt und vertieft. Projektleiter Dr. Iain Walker von der Oxford University wird in diesem Rahmen auch einige Zeit auf der zu den Komoren gehörenden Insel Mayotte verbringen. Womit er sich dort näher beschäftigen will, ist ein wichtiges ideelles Problem: Die Bewohner Mayottes sind nämlich im Begriff, ihre komorische Identität zugunsten einer französischen abzulegen. Grund dafür ist die Tatsache, dass Mayotte nach einer Volksabstimmung im Jahr 2011 nun ein zu Frankreich gehörendes Departement ist. Mit allen Vorteilen für die Bewohner, die nun per Gesetz Franzosen fernab des Mutterlandes sind.

Besagte Volksabstimmung war der Höhepunkt eines politischen Prozesses, der bereits während der späten Kolonialzeit begann und in dessen Folge sich die Bewohner Mayottes von den anderen komorischen Inseln beherrscht fühlten. Schließlich weigerten sie sich im Jahr 1975, den unabhängig gewordenen Komoren beizutreten. Ihr Anspruch auf das Französisch-Sein ist mit tiefgreifenden sozialen und kulturellen Veränderungen verbunden: Französisches Zivilrecht ersetzte das bisher angewandte Gewohnheits- und islamische Recht. Traditionelle Systeme von Grundbesitz wurden abgeschafft. Außerdem sind die Bewohner Mayottes seither verpflichtet, Familiennamen anzunehmen.

„Das Projekt analysiert auf der Grundlage von Feldforschungen, wie individuelle und kollektive Erinnerungen der Zugehörigkeit konstruiert und erzählt werden“, erklärt Schnepel. Es geht den Widersprüchen nach, die der gleichzeitigen Ablehnung der komorischen Identität und dem Bedauern über den Verlust traditioneller Praktiken innewohnen. Und es wirft die Frage auf, ob der Widerstand gegen sozialen und kulturellen Wandel mit der Ablehnung der zugehörigen Identität in Einklang gebracht werden kann.

Port Louis

Port Louis ist die Hauptstadt des Inselstaates Mauritius. (Foto: Peter Kuchar, CC 3.0 BY SA, via Wikimedia Commons)

Burkhard Schnepel selbst wird mit Hilfe des Max-Planck-Fellowship-Programms seine langjährige Forschungsarbeit zur Insel Mauritius fortsetzen. Den Indian Ocean Studies in Deutschland hat er mit seiner Forschung einen großen Schub verliehen. Längst steht das Gebiet in Halle auf einer soliden Basis, auf der mehrere Akteure und Institutionen vernetzt arbeiten.

Renommierter Historiker forscht in Halle

In drei Jahren wird der Wissenschaftler emeritiert. Beim Generationenwechsel will er ein gut bestelltes Feld hinterlassen. Dazu soll neben dem aus Max-Planck-Institut und universitären Einrichtungen bestehendem Netzwerk auch eine von der Volkswagenstiftung finanzierte und am ZIRS angebundene Summer School beitragen, die 2016 erstmals stattgefunden hat und zu der Dozenten und Doktoranden aus aller Welt nach Halle kamen und auch 2017 wieder kommen werden. „Wir wollen für die Indian Ocean Studies eine weit hin sichtbare Plattform bieten, die intellektuelle Entwicklungsmöglichkeiten und internationale Vernetzung über die Generationen fördert“, sagt Schnepel.

Jüngster Beleg für die enorme Strahlkraft des Netzwerks: Im November 2016 wurde der Historiker Gwyn Campbell von der Mc Gill University in Montreal mit dem prestigeträchtigen Humboldt-Forschungspreis ausgezeichnet. Sein Preisgeld in Höhe von rund 60.000 Euro wird er dazu nutzen, in Halle weitere Kooperationen im Bereich der Indian Ocean Studies anzustoßen. Vorgeschlagen für die Ehrung wurde der Kanadier Campbell übrigens vom Hallenser Burkhard Schnepel. Ines Godazgar

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