Die Gründungsmitglieder der „Christian-Wolff-Gesellschaft für die Philosophie der Aufklärung“ in Wolffs einstigem Wohnhaus, in dem heute das Stadtmuseum Halle beherbergt ist. (Foto: Corey Dyck)

Der fast vergessene Philosoph: Christian-Wolff-Gesellschaft gegründet

Christian Wolff zählt zu den einflussreichsten Philosophen des 18. Jahrhunderts und trotzdem kennen ihn heute nur wenige. Jetzt wird der hallesche Gelehrte wieder in den Fokus gerückt: An seinem 338. Geburtstag, am 24. Januar 2017, haben 19 Gründungsmitglieder in Wolffs einstigem Wohnhaus in der Großen Märkerstraße die „Christian-Wolff-Gesellschaft für die Philosophie der Aufklärung“ gegründet. Im Interview spricht Heiner F. Klemme, Philosophie-Professor an der Uni und Vorsitzender der Gesellschaft, über Wolff und die Ziele des Vereins.  

Heiner F. Klemme (Foto: Markus Scholz)

Ist Christian Wolff bislang zu kurz gekommen?
Heiner F. Klemme: Ja, sowohl in der öffentlichen Wahrnehmung als auch innerhalb der Philosophie. Natürlich gibt es Aufklärungsforscher, die sich sehr intensiv mit ihm auseinandersetzen. Aber das Wissen um diese Zeit und die Bedeutung von Wolff und seinen Schülern ist nicht sehr weit verbreitet. Das hängt auch mit Kant zusammen: Neben einer solchen Lichtgestalt werden andere Philosophen in der Wahrnehmung oft obsolet. Dafür symptomatisch ist auch, dass der Verbleib von Wolffs Grab in Halle bis heute nicht endgültig geklärt ist.

Was macht Wolff so wichtig?
Wolff war der einflussreichste Philosoph der Zeit zwischen Leibniz und Kant und wirkte weit über den deutschsprachigen Raum hinaus. Zugleich war er ein Universalgelehrter, der unter anderem über Mathematik, Ethik, Recht, Metaphysik und Naturphilosophie Vorlesungen hielt. Viele maßgebliche Philosophen der Aufklärung in Deutschland – wie der aus Dessau stammende und in Berlin wirkende Moses Mendelssohn – waren Wolffianer. Immanuel Kant hat dann versucht, sich vor diesem Hintergrund des Wolffianismus zu positionieren. Große Teile der Begrifflichkeiten und der Themen in Kants Schriften, beispielweise zum Kategorischen Imperativ oder auch zur Kritik der menschlichen Vernunft, sind deshalb ohne Kenntnis dieses Kontexts nicht verständlich. Ohne Wolff hätte es die deutsche Aufklärung in dieser Form nicht gegeben. Deshalb will sich die Wolff-Gesellschaft mit seiner philosophischen Position wissenschaftlich auseinandersetzen.

Es war also an der Zeit, dass sich erstmals eine solche Gesellschaft gründet?
Der Wunsch nach einer solchen Gesellschaft bestand auf Seiten engagierter Bürger der Stadt und Mitglieder der Universität wohl schon seit vielen Jahren. Mit ihr sollte Christian Wolff wieder stärker in den Fokus der Forschung und der Öffentlichkeit gerückt werden. Mein Bestreben war es, einen Verein zu gründen, der alle einbinden kann, die sich für Wolffs Philosophie, für seine Schüler sowie für die Philosophie der Aufklärung und ihre Aktualität interessieren. Halle ist durch seine starke Aufklärungsforschung und durch das Christian-Wolff-Haus der ideale Ort dafür. Die Gesellschaft stellt eine sehr gute Ergänzung zu bereits bestehenden Einrichtungen, wie dem Interdisziplinäre Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung und dem ihm angeschlossenen Immanuel-Kant-Forum sowie zu den Franckeschen Stiftungen dar.

Wer sind die Mitglieder der Gesellschaft?
Wir sind 19 Gründungsmitglieder, überwiegend aus Wissenschafts- und Kultureinrichtungen der Stadt. Darunter sind aber auch bereits einige internationale Mitglieder, beispielsweise aus Kanada und den USA. Seit letzter Woche haben mich außerdem Anfragen von weiteren Forschern erreicht, die sich für unsere Gesellschaft interessieren. Ich bin davon überzeugt, dass es uns in relativ kurzer Zeit gelingen wird, Forscher aus zahlreichen Ländern für eine Mitarbeit zu gewinnen.

Welche Pläne gibt es jetzt bereits?
Einige der Gründungsmitglieder sind sehr daran interessiert, gemeinsam ein Christian-Wolff-Denkmal in Halle zu errichten. Im April möchten wir die internationale Fachtagung zu „Kant und seine Kritiker“ in Halle nutzen, um die Gesellschaft vorzustellen. Wir wollen die Auseinandersetzung mit Wolff und mit dem von ihm mitgeprägten „Zeitalter der Aufklärung“ – wie Kant es nannte – nicht nur innerhalb der internationalen Fachöffentlichkeit fördern, sondern auch mit Vorträgen für eine breitere Öffentlichkeit. Das Christian-Wolff-Haus wäre der ideale Ort, um solche inhaltlichen Diskussionen zu führen.
Interview: Corinna Bertz


Zur Person: Christan Wolff

Christian Wolff (Foto: Wellcome Library / CC BY 4.0)

Christian Wolff war von 1706 bis 1723 und von 1740 bis zu seinem Tod 1754 Professor für Mathematik an der Universität Halle. In einer Festrede als Prorektor der Hochschule beschrieb Wolff 1721 die Moral und Ethik der klassischen chinesischen Philosophie, die sich unabhängig vom christlichen Glauben entwickelt hat. Die halleschen Pietisten warfen ihm daraufhin eine atheistische Grundeinstellung vor. Der Konflikt bewog den preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. schließlich zu einem Edikt, das europaweit für Aufsehen sorgte: Innerhalb von 48 Stunden musste der Gelehrte Preußen verlassen, sonst drohte ihm der Strang. Wolff verließ Halle und lehrte sehr erfolgreich an der Universität Marburg. Mit seinen in deutscher und lateinischer Sprache verfassten Schriften zur Logik und Mathematik, zur Metaphysik und Ethik, zum Naturrecht und zu vielen anderen Themen, nicht zuletzt aber auch aufgrund seiner zahlreichen Schüler übte er einen weit über Deutschland hinausgehenden Einfluss auf das Zeitalter der Aufklärung aus.

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