Genossenschaftsforschung: IWE GK erinnert an Ernst Grünfeld

Mit seiner Forschung zum Genossenschaftswesen hat der Ökonom und Soziologe Ernst Grünfeld in den 1920er und 1930er Jahren Bahnbrechendes geleistet. Wie viele andere Hochschullehrer wurde er jedoch 1933 aufgrund seiner jüdischen Abstammung und seines politischen Engagements aus dem Dienst der Universität Halle entlassen. Die Interdisziplinäre Wissenschaftliche Einrichtung Genossenschafts- und Kooperationsforschung (IWE GK) der Uni Halle hat nun an Grünfeld erinnert und eines seiner wichtigsten Werke neuaufgelegt.

Im Jahr 1929 wird Ernst Grünfeld zum ersten Professor der Geschichte für Genossenschaftsforschung ernannt. Sein Lehrstuhl an der Universität Halle entwickelt sich zu einem national und international anerkannten Zentrum auf diesem Gebiet. Auf einer Tagung der IWE GK am 27. Januar wurde nun das Werk des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlers erneut in den Blick genommen. Das Resultat: Fast 100 Jahre später zeigt sich, dass Grünfelds Überlegungen zur Organisationsform der Genossenschaft kaum an Aktualität verloren haben. Doch was macht seine Arbeiten so bedeutend und zeitlos?

„Einen Denker ehrt man, indem man ihn liest“

Winfried Kluth ist Professor für Öffentliches Recht. (Foto: Norbert Kaltwaßer)

„Einerseits hatte Grünfeld durch seine beruflichen Aufenthalte in Asien und die Beobachtungen der dortigen Hafenkolonien einen internationalen Vergleich und damit eine andere Perspektive auf die Dinge“, erklärt Prof. Dr. Winfried Kluth, geschäftsführender Direktor der IWE GK. „Andererseits war der soziologische, transdisziplinäre Ansatz seiner Forschungen, der sich damit nicht nur auf die wirtschaftswissenschaftliche Dimension beschränkte, für die damalige Zeit schon sehr modern.“

Grünfeld betrachtete vor allem den demokratischen Effekt und die Korrektivfunktion der Genossenschaft auf die Gesellschaft. „Die Qualität und der Umfang seiner Publikationen innerhalb kurzer Zeit machen Ernst Grünfeld zu einem wissenschaftlichen Vorbild, in dessen Tradition und Erbe die IWE GK steht“, so Kluth.

Die IWE GK ist eine Forschungseinrichtung der Juristischen und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Halle und setzt eine hundertjährige Tradition der Genossenschafts- und Kooperationsforschung in Halle fort. Forschungsschwerpunkte liegen dabei unter anderem auf öffentlich-rechtlichen Formen genossenschaftlicher Kooperation und deren Nutzung für die Sicherung von lokalen und regionalen Infrastrukturen sowie der weiteren Entwicklung des Genossenschaftsgesetzs.

Anlässlich der Tagung und in Gedenken an das wissenschaftliche Wirken von Ernst Grünfeld ist das 1929, in Zusammenarbeit mit dem Ökonom Karl Hildebrand erschienene Werk „Genossenschaftswesen“ vom Universitätsverlag Halle-Wittenberg neuaufgelegt worden. „Einen großen Denker ehrt man am meisten, indem man ihn liest“, erklärt Prof. Dr. Kluth. „Wir wollen die Organisationsform der Genossenschaft wieder in die Köpfe bringen und zeigen, wie aktuell Grünfelds und Hildebrands Thesen sind.“

Das Schicksal Ernst Grünfelds

Ernst Grünfeld (Foto: Universitätsarchiv Halle)

Abgesehen von den bahnbrechenden Forschungen und deren Aktualität wurde aber auch an das Schicksal Ernst Grünfelds erinnert: Wie für viele Hochschulprofessoren und Wissenschaftler nicht-„arischer“ Abstammung bedeutet der Nationalsozialismus in Deutschland für ihn die Zäsur seines Lebens, das Ende seiner Karriere und der sozialen Eingebundenheit: Grünfeld wird aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ der Nationalsozialisten von 1933 aus seinem Amt entlassen, ihm wird jegliche universitäre Tätigkeit untersagt. Als ihm und seiner Frau dann auch noch das Sorgerecht für ihre adoptierte Tochter entzogen wird, setzt Grünfeld seinem Leben 1938 ein Ende.

„Neben seinem tragischen Schicksal, das zu beklagen und zu bedauern ist, wollten wir vor allem an das Werk und den innovativen Geist von Ernst Grünfeld erinnern“, erklärt Kluth. Dieser innovative Geist solle als Beispiel für die IWE GK dienen und einen Startschuss zu Beginn einer neuen Forschungsperiode darstellen. Immerhin wurde das Institut erst im vergangenen Dezember evaluiert, womit weiteren fünf Jahren der Forschung rund um das Thema Genossenschaftswesen nichts mehr im Weg steht.  Jan-Luca Müller

Informationen zur Publikation
Die Neuauflage des Buches „Genossenschaftswesen – seine Geschichte, volkswirtschaftliche Bedeutung und Betriebswirtschaftslehre“ wurde von der Gesellschaft zur Förderung der Genossenschafts- und Kooperationsforschung Halle-Wittenberg e.V. sowie von der Genossenschaftsstiftung gefördert und ist ab sofort im Universitätsverlag Halle-Wittenberg erhältlich.

„Ausgeschlossen“: Universität gedenkt der vertriebenen Hochschullehrer

In den Jahren 1933 bis 1945 wurden an der Uni Halle neben Ernst Grünfeld noch mindestens 42 weitere Hochschullehrer aus dem Dienst entlassen – in der Mehrzahl, weil sie jüdische Vorfahren hatten oder politisch verfolgt wurden. 2013 gedachte die Universität mit einer Publikation und einer Veranstaltung dieser Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. PD Dr. Friedemann Stengel leitet die Rektoratskommission, die Namen und Lebensläufe der Vertriebenen recherchiert und weiter an der Aufarbeitung der Universitätsgeschichte arbeitet. Im Interview berichtet er über den aktuellen Stand des Projekts.

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