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(Grafik: behnelux gestaltung, unter Verwendung von Wikimedia Commons, User: Fa, Botaurus, CranachCCCP, Trzęsacz)

Was bleibt?

Martin Luther gibt es als Playmobil-Figur und als Nudelmotiv. Niemand entkommt dem Antlitz des Reformators im Jubiläumsjahr 2017. Aber was hat die Reformation noch mit der Gegenwart zu tun? Jede Menge, sagen Wissenschaftler der Universität Halle aus ganz unterschiedlichen Disziplinen. Denn das Vermächtnis der Reformation reicht weit über die Theologie hinaus.

Am Anfang steht für Prof. Dr. Hans-Joachim Solms das Wort: „Das Neue fängt mit Luthers Bibelübersetzung an. Mit ihr beginnt die Neuzeit.“ Mit der Lutherbibel von 1545, dem Bestseller des ausgehenden Mittelalters, entwickelt sich das Frühneuhochdeutsche allmählich zu einer überregionalen Schriftsprache: „Luther hat der Volkssprachlichkeit damit den entscheidenden Schub gegeben und die Grundlage für das Neuhochdeutsch geschaffen, das wir heute sprechen“, sagt der Sprachhistoriker. Eine einheitliche deutsche Sprache hatte es zuvor nicht gegeben.

Die erste vollständige Bibelübersetzung von Luther wurde 1534 gedruckt. (Foto: Torsten Schleese/Wikipedia)

„Auf 30 Meilen Entfernung konnten sich die Menschen kaum verstehen, hatte Luther selbst schon vermerkt. Sie sprachen ausschließlich Dialekt, und auch die geschriebene Sprache – sofern sie jemand überhaupt beherrschte – war regional geprägt.“ Sie wurde vor allem von Amtsträgern und Gelehrten genutzt, die sehr oft noch in Latein schrieben. Weit gereiste Gelehrte besaßen jedoch durchaus schon eine „überregionale Mündlichkeit“, die sich Luther bei der Übersetzung der Heiligen Schrift ins Deutsche zunutze machte, erzählt Solms. Dem Reformator ging es um Worte, die möglichst überregional verständlich waren.

Und auch die Wittenberger Drucker, die Luthers Schriften als erste publizierten, haben ihre Spuren in unserer Sprache hinterlassen: „Sie bemühten sich um eine Vereinheitlichung der Rechtschreibung. Dass wir heute Substantive groß schreiben, hat sich durch den Gebrauch in der Bibel durchgesetzt“, so Solms, der zurzeit zusammen mit dem Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Helmut Glück von der Universität Bamberg in einem Drittmittelprojekt erforscht, inwieweit Luthers Bibelübersetzung die Entwicklung osteuropäischer Sprachen beeinflusst hat. In weiten Teilen Deutschlands wurde schließlich die Sprache der Lutherbibel zum Vorbild. Kinder erlernten das Lesen und Schreiben, ganz im Sinne der Reformatoren, anhand dieser „Biblia Deudsch“ sowie anhand von Luthers Katechismus.

(Grafik: behnelux gestaltung, unter Verwendung von Wikimedia Commons, User: Fa, Botaurus, CranachCCCP, Trzęsacz)

Emotionales Kopfkino

Auch seine Kirchenlieder trugen entscheidend zur Verbreitung des Frühneuhochdeutschen bei. „Seine Lieddichtungen und Vertonungen sind zum unentbehrlichen Kern des evangelischen Chorals geworden. Aus musikhistorischer Sicht ist die Reformation sogar als eine erste große Liedbewegung der Neuzeit zu betrachten“, erläutert die Musikpädagogin Dr. Christine Klein. „Damit entstand auch das Gefühl einer Gruppe und einer gemeinsamen Identität“, ergänzt Hans-Joachim Solms. Über die Sprache der Bibel habe man sich verbunden gefühlt.

Solms attestiert Luther ein außergewöhnliches Sprachgefühl: „Er war sprachgenial. Er orientierte sich an der gesprochenen Sprache des Volkes und produzierte eine Schriftsprache, die viel bildhafter und verständlicher ist, als es kirchliche Texte bis dahin je waren.“ In seinem Sendbrief vom Dolmetschen schrieb Luther über seine Spracharbeit: „man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen, und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden und darnach dolmetschen.“

Und dennoch: „Luther ist nicht der Vater unserer Sprache“, stellt Solms klar. Der Reformator habe auch Impulse von anderen Autoren des Mittelalters erhalten. Viele Wortschöpfungen würden heute Martin Luther zugeschrieben, obwohl sich kaum ein Wort direkt auf Luther als Wortschöpfer zurückführen lasse.

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