Welche Bedeutung hat Luther für Sie und Ihre Forschung?

Luthers Handeln hat in vielen verschiedenen Fachgebieten Spuren hinterlassen. Was sagen Uni-Angehörige über ihn und die Reformation? Acht persönliche Antworten.

Prof. Dr. Ursula Hirschfeld, Professorin für Sprechwissenschaft (Foto: Maike Glöckner)

Ursula Hirschfeld (Foto: Maike Glöckner)

Luther hat über vieles nachgedacht, was die Sprechwissenschaft heute noch bewegt. Er erkannte damals schon: Es ist die größte Torheit, mit vielen Worten nichts sagen. Rednern riet er: Tritt fest auf, mach’s Maul auf, hör bald auf. Er stellte fest: Darum ist reden nicht Kunst; aber fein deutlich und richtig reden ist wenigen gegeben. Und er war überzeugt: Die Weiber sind von Natur beredet und können die Redekunst wohl. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Prof. Dr. Ursula Hirschfeld, Professorin für Sprechwissenschaft

 

Astrid Wohlberedt, Doktorandin der Graduiertenschule „Kulturelle Wirkungen der Reformation“ (Foto: Maike Glöckner)

Astrid Wohlberedt (Foto: Maike Glöckner)

Die reformierte Lehre bedeutet für mich die Möglichkeit eines subjektiven Glaubens und eines eigenen Zugangs zu Gott. Sie fordert mich als Christin zur Eigenverantwortung im Umgang mit der Nachfolge Christi und mit Gott heraus, besonders jetzt, im Zeitalter der Konflikte. Luthers Lehre hat mir den Zugang zum Glauben geebnet. Durch sie wurde überhaupt das kritische Hinterfragen des Christentums möglich.
Astrid Wohlberedt Doktorandin der Graduiertenschule „Kulturelle Wirkungen der Reformation“

 

Prof. Dr. Erik Redling, Professor für Amerikanische Literaturwissenschaft (Foto: Maike Glöckner)

Erik Redling (Foto: Maike Glöckner)

Luther und die Reformation sind Teil der Popularkultur. Für mich ist es zum Beispiel spannend zu untersuchen, wie die Reformation in deutschen und amerikanischen Filmen behandelt wird. Gibt es enge Bezüge zum historischen Luther? Sind kulturelle Unterschiede in der Darstellung zu beobachten? Die Verbindung von Religion und Kultur ist elementarer Bestandteil der amerikanischen Literatur- und Kulturstudien.
Prof. Dr. Erik Redling, Professor für Amerikanische Literaturwissenschaft

 

Dr. Ulrike Witten, Gleichstellungsbeauftragte der Theologischen Fakultät (Foto: Maike Glöckner)

Ulrike Witten (Foto: Maike Glöckner)

Luther und die Gleichstellung? Das zu fragen, erscheint provokant und widersinnig. Provokant, weil Luther für polemische und abgrenzende Positionierungen gegenüber anderen bekannt ist. Widersinnig, da eine moderne Frage schwerlich an einen frühneuzeitlichen Menschen gestellt werden kann. Aber auch ohne aus dem Reformator den ersten „neuen Mann“ machen zu wollen, ist seine Denkfigur vom „Priestertum aller Getauften“ zentral, um die Gleichwertigkeit aller Menschen theologisch zu begründen. Er entwickelt den Gedanken, dass mit der Taufe jeder schon zum Bischof, Priester oder Papst geweiht sei.
Dr. Ulrike Witten, Theologin und Gleichstellungsbeauftragte der Theologischen Fakultät

 

Prof. Dr. Michael Germann, Professor für Öffentliches Recht, Staatskirchenrecht und Kirchenrecht (Foto: Maike Glöckner)

Michael Germann (Foto: Maike Glöckner)

Für mich als evangelischen Christen ist Luthers Theologie ein Schlüssel, um die christliche Botschaft zu verstehen: Ich komme zu Gott, indem Gott zu mir kommt. Weil Gott für mich da ist, kann ich für andere da sein. Das gibt mir Freiheit. Für mein Fachgebiet hat Luther fundamentale Voraussetzungen formuliert: Dass Staat und Recht weltliche Dinge sind und als solche einem ethischen Anspruch unterstehen, ist eine Voraussetzung für die spätere Trennung von Staat und Kirche. Dass die Bestimmung des Menschen nicht durch Institutionen vermittelt ist, ist eine Voraussetzung für die spätere Anerkennung seiner Freiheitsrechte.
Prof. Dr. Michael Germann, Professor für Öffentliches Recht, Staatskirchenrecht und Kirchenrecht

 

Prof. Dr. Cornelia B. Horn, Heisenberg-Professorin für Sprachen und Kulturen des Christlichen Orients (Foto: Maike Glöckner)

Cornelia B. Horn (Foto: Maike Glöckner)

Luther hatte keine detaillierte Kenntnis des Christlichen Orients. Seine Zeit sah den Orient fast nur als die Welt der Juden und Muslime. Erst nach Luthers Tod entdeckten Protestanten die Christen dort. Orientalische Christen galten westlichen nicht als gleichwertig. In der Lebenswelt Orientalischer Christen ist das Christentum heute aber ein wichtiger kultureller, sozialer und politischer Faktor.
Prof. Dr. Cornelia B. Horn, Heisenberg-Professorin für Sprachen und Kulturen des Christlichen Orients

 

Kerstin Thomar, Theologie-Studentin (Foto: Christopher Kuka)

Kerstin Thomar (Foto: Christopher Kuka)

Gerade als Erfurterin mache ich mir Gedanken über die Reformation. Manchmal bin ich genervt, weil es oft nur noch um Luther geht und nicht mehr um den Menschen an sich, der glaubt. In einer Sache ist Luther trotzdem ein Vorbild für mich: Nämlich wenn es darum geht, mutig zu sein und mir das, was ich denke und fühle, zu Herzen zu nehmen. Er selbst hat die Kirche als ungerecht empfunden, daran gezweifelt und nach Veränderung gestrebt – auch gegen Widerstände.
Kerstin Thomar, Theologie-Studentin

 

Prof. Dr. Ingrid Mertig, Professorin für Theoretische Physik (Foto: Michael Deutsch)

Ingrid Mertig (Foto: Michael Deutsch)

Martin Luthers Wirken gegen den mittelalterlichen Dogmatismus der katholischen Kirche hat die Wissenschaft aus den damals bestehenden Zwängen befreit. Anstelle von Obrigkeitshörigkeit traten Rationalität und wissenschaftliche Erkenntnis. Dies eröffnete eine völlig neue Perspektive für die Forschung. Erst danach wurden die Grundlagen geschaffen, ohne die die modernen Naturwissenschaften, wie wir sie heute kennen, nicht denkbar wären.
Prof. Dr. Ingrid Mertig, Professorin für Theoretische Physik

 

Was bleibt?

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