Szene aus dem Theaterstück "Vom Abendland" des Puppentheaters Halle. (Foto: Falk Wenzel / Theater, Oper und Orchester GmbH Halle)

„Vom Abendland“: Wissenschaft trifft auf Theater

„Kunst und Wissenschaft“ heißt eine neue Veranstaltungsreihe des Puppentheaters Halle. Regelmäßig werden Forscher dazu eingeladen, Theaterstücke und die Themen der Inszenierungen wissenschaftlich zu betrachten und ihre Perspektive mit dem Publikum teilen. Der Indologe Prof. Dr. Walter Slaje traf gestern im Puschkinhaus auf das Theaterstück „Vom Abendland“ und beschäftigte sich in seinem Einführungsvortrag unter anderem mit der Frage: Worin besteht der Unterschied zwischen Morgenland und Abendland?

„Seit jeher und in verschiedensten Aufzeichnungen der Weltgeschichte wird zwischen Ländern des Sonnenaufgangs, also des Morgens, und Ländern des Sonnenuntergangs, also des Abends, unterschieden“, erklärt Slaje in seinem Eröffnungsvortrag vor dem Theaterstück „Vom Abendland“. Der Professor für Indologie und erste Vorsitzender der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft betonte, dass es sich beim Abendland als auch beim Morgenland um historisch gewachsene Begriffe handelt. „Eine geografische Eingrenzung ist vielleicht möglich“, so Slaje. „Das Morgenland als Konzept aber ist absurd, wenn man allein an die Vielzahl der unterschiedlichen morgenländischen Kulturen denkt.“ Demnach sei es auch nicht möglich, typisch morgenländische Werte oder Tugenden zu benennen.

Für die Zuschauer hieß es im ausverkauften Saal des Puschkinhaus in Halle dann Vorhang auf für das Stück „Vom Abendland“. Das Puppentheaterstück, inszeniert von Christoph Werner, setzt sich anhand einer Polarexpedition mit den vermeintlich typisch abendländischen Tugenden auseinander: Drei Abendländer am Ende der Welt, wo es auf Unternehmergeist, Überlegtheit, den Fortschrittsgedanke, die eigene Überzeugung und jeden Einzelnen ankommt. Im Fokus steht dabei die Frage, was denn nun dieses viel beschworene Abendland eigentlich sei.

„Es gibt viele Meilensteine der abendländischen Geschichte, wie die Trennung von Religion und Staat“, erklärt Christoph Werner in der anschließenden Diskussionsrunde. „Aber auch die Expedition, das Entdecken von Unentdecktem, dieser unstillbare Wissensdurst ist exemplarisch für das Abendland.“ Slaje stimmt zu: „Die Neugier auf das Fremde ist etwas typisch Abendländisches“, sagt der Indologe. „Ein derartiges Interesse am Fremden, fremden Kulturen und Sprachen, gab es nur in Europa.“

Auch die Zuschauer richten ihre Fragen an ihn: Was ist denn nun typisch abendländisch? Vor allem sei es auch die Kritik, das spätestens in der Aufklärung aufkommende universelle Hinterfragen. Auch das Theaterstück seziert und hinterfragt mit seinen Protagonisten das Handeln, die Geschichte der westlichen Gesellschaft: Ein junger Offizier, der mit seiner Anführerrolle überfordert zu sein scheint, ein ins Alter gekommener, erfahrener Expeditionsmeister mit seinem ihm treu ergebenen Hund sowie eine junge Forscherin, die es ihrem Admiralsvater und der Welt beweisen will, dass sie genauso klug sei wie ein Mann, von eben diesen Männern aber immer wieder nur auf ihr Äußeres reduziert wird. „In diesem Sinne ist auch das Theaterstück selbst abendländisch“, sagt Slaje. Jan-Luca Müller

Informationen zur Veranstaltung

Die nächste Vorstellung von „Kunst und Wissenschaft“ findet am 20. April im Puppentheater Halle statt. Dann trifft Dr. Hartmut Peter vom Institut für Geschichte der Uni Halle auf „Russki Wetscher – Ein russischer Abend“. Beginn der Veranstaltung ist um 20 Uhr. Weitere Informationen finden Sie hier.

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