Bernd Dewe – ein Nachruf

Am 14. Januar ist der Berufs- und Bildungsforscher Prof. Dr. Bernd Dewe, emeritierter Professor für betriebliche und berufliche Weiterbildung an der Universität Halle, verstorben. Er gehörte zu den führenden Wissenschaftlern im Bereich der Weiterbildung und hat den Diskurs zur Professionalität und Wissensverwendung maßgeblich geprägt. Ein Nachruf von Prof. em. Dr. Ursula Rabe-Kleberg vom Institut für Pädagogik.

Bend Dewe (Foto: Jürgen Escher)

Bernd Dewe ist im Januar 2017 an der Folge einer langen schweren Krankheit verstorben. Er war bis 2013 Hochschullehrer an der Martin-Luther-Universität, 1992 wurde er zunächst an die Pädagogische Hochschule Halle–Köthen berufen, nach deren Integration in die Universität hat er als einer der Gründungsprofessoren den Fachbereich Erziehungswissenschaften und das Institut für Pädagogik mit aufgebaut. Bernd Dewe schied – vorrangig aufgrund gesundheitlicher Belastungen – vorzeitig aus dem Hochschuldienst aus.

Beim Neu-Aufbau der Erziehungswissenschaften an der Universität Halle nach 1990 wurde dieser traditionellen Disziplin unter anderem mit der Etablierung des neuen Lehr- und Forschungsbereichs „Erwachsen- und Weiterbildung“ ein innovatives und attraktives Profil gegeben. Die „Gründungsväter“ des Fachbereichs – zu nennen ist hier vor allem Prof. Dr. Hans-Uwe Otto – reagierten damit nicht nur auf allgemeine gesellschaftliche Herausforderungen an die Individuen, sich lebenslang weiter zu bilden, sondern auch auf sozial- und bildungspolitische Programmatiken der EU, die aufgefordert hatten, Wissen und Kompetenzen für lebenslange, formelle wie informelle Bildungsprozesse zu entwickeln. Und nicht zuletzt waren die Menschen in den sogenannten neuen Bundesländern in ganz besonderer Weise mit biographischen Brüchen, Krisen aber auch Chancen konfrontiert, die ihnen abverlangten, sich in neue berufliche Bildungsprozesse zu begeben. Im Arbeitsbereich „Erwachsenen- und Weiterbildung“ des Instituts für Pädagogik sollten wissenschaftlich qualifizierte Professionals ausgebildet werden, die solche Prozesse entwickeln, begleiten und evaluieren könnten.

Bernd Dewe war aufgrund seiner biographischen wie wissenschaftlichen Entwicklung für eine Professur in diesem Aufgabenfeld in besonderer Weise qualifiziert. Zum einen hatte er selbst mehrere unterschiedliche sozialpädagogische, erziehungs- und sozialwissenschaftliche Ausbildungen und Studiengänge jeweils erfolgreich durchlaufen. Zum anderen war er zum Zeitpunkt seiner Berufung nach Halle bereits in diesem Lehr- und Forschungsbereich exzellent ausgewiesen, hatte grundlegende Publikationen (nicht zuletzt in Gestalt seiner Dissertation- und Habilitationschrift) vorgelegt und gehörte zu den führenden Köpfen in den (bildungs-)politischen und wissenschaftlichen Diskursen in diesem Bereich.

Bernd Dewe war ein wortgewaltiger Schreiber und Redner, selbst im informellen Gespräch war er stets um Genauigkeit und Spezifik der von ihm benutzten Begriffe bemüht – in der Regel erfolgreich. Bei ihm gab es keine vermeintlich alltagstaugliche Verkürzungen oder Vereinfachungen seiner Gedanken. Das machte Gespräche mit ihm, ebenso wie die Lektüre seiner Schriften oder das Verfolgen seiner rhetorisch geschliffenen Vorträge nicht immer einfach. Bernd Dewe hat ein mehr als umfangreich zu nennendes Werk hinterlassen, es verbietet sich in diesem Zusammenhang eine banale Zahl zu nennen. Aber man kann es vielleicht so beschreiben, dass es keine Phase seiner wissenschaftlichen Laufbahn gab, in der er nicht mindestens eine größere Veröffentlichung, mehrere Aufsätze und einige Manuskripte seiner grundlegenden Vorträge für den wissenschaftlichen Diskurs zur Verfügung gestellt hätte.

Im Zentrum seines theoretischen wie empirischen Erkenntnisinteresses – so möchte ich es einmal in meiner Sprache ausdrücken – stand die Frage: Wozu ist (sozial-und erziehungs-) wissenschaftliche Erkenntnis gut? Kann sie einzelnen Menschen und der Gesellschaft helfen, sich selbst besser zu verstehen und sich und seine Umstände zu verbessern? Man kann es auch so ausdrücken: Wie ist ein Transfer zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und Alltagswissen trotz der unterschiedlichen Logiken möglich? Oder: Wie müssen Menschen, die andere Menschen in existentiellen Krisen beraten, begleiten oder gar therapieren, ausgebildet werden, wie gehen wissenschaftliche Erkenntnisse in ihr berufliches Wissen und Können ein und wie hilft es ihnen in ihrer täglichen Praxis?

Diese Fragen führten Bernd Dewe zum zentralen Begriff seines Werkes, mit dem er im sozial- und erziehungswissenschaftlichen Diskurs identifiziert wird, dem der Reflexiven Professionalität. Hier ging es ihm darum, den Begriff der Profession aus dem banalen, alltäglichen Sprachgebrauch zu befreien, der lediglich eine Vorstellung von gut qualifiziert oder gar clever transportiert. Es handelt sich dabei um die Implikationen eines beruflichen Handelns von Menschen, die mit Menschen in existentiellen Krisen arbeiten und somit ganz besonders unter dem Druck einer systematischen Ungewissheit stehen. Hier geht es darum, die Untiefen zwischen wissenschaftlich basiertem Wissen zum einen und Handeln in sozialen und prekären Kontexten zum anderen immer wieder neu zu überwinden. Bernd Dewe hat zu diesen in sich widersprüchlichen und hoch komplexen Zusammenhängen wesentliche theoretische Erklärungen und neue Fragestellungen konstruiert.

Bernd Dewe hatte etwas von dem altmodischen Gelehrten, der an seinem Schreibtisch sitzt, denkt und das Gedachte aufschreibt. Das war aber nur seine eine Seite. Er war darüber hinaus auch ein hoch begabter Kommunikator, seine Netze reichten über die deutschsprachigen Diskurse, in denen die Professionsdiskurse eine wichtige Rolle spielen, weit hinaus. Seine Überlegungen wurden in vielen Communities rezipiert und diskutiert. Darüber hinaus hat er eine Reihe von DFG-geförderten empirischen Forschungsprojekten eingeworben, zuletzt auch seit 2008 das interdisziplinäre und überregionale Graduiertenkolleg „Wandlungsprozesse in Industrie- und Dienstleistungsberufen und Anforderungen an moderne mediale Lernwelten in Großunternehmen und -organisationen“ geleitet.

Viele Jahre wurde er von einer unregelmäßig wiederkehrenden Krankheit gequält. Immer wieder glaubte er, sie überwunden zu haben und weiter arbeiten zu können, was er auch hartnäckig tat – dies nicht zuletzt aufgrund seiner ostwestfälisch geprägten Mentalität.

Bernd Dewe starb im Alter von nur 67 Jahren in seiner Heimatstadt Herford.

Prof. em. Dr. Ursula Rabe-Kleberg

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