Nachruf: Günter Mühlpfordt –
Der Wahrheit verpflichtet

Günter Mühlpfordt (Foto: Kurt Fricke)

Dennoch nahm er Rufe anderer DDR-Universitäten nicht an. Halle war und blieb sein Lebensmittelpunkt, auch nach den politisch-ideologisch motivierten Hetzkampagnen, deren Initiator und Hauptakteur Walter Ulbricht war. Infolgedessen wurde er im April 1958 aller universitären Ämter enthoben und mit Lehrverbot belegt, im April 1963 endgültig aus der Martin-Luther-Universität entlassen. Von da an schlug er sich als stellungsloser Privatgelehrter durch. Seine Frau und Mitarbeiterin, die Buchhändlerin Elisabeth Mühlpfordt, geborene Kopp († 1999), stand ihm stets hilfreich zur Seite.

Er wurde oft gefragt, warum er nicht „in den Westen“ gegangen wäre, als es noch ohne Gefahr für Leib und Leben möglich war – sein wissenschaftliches Renommee hätte ihm Tür und Tor geöffnet. Ja, sicher, aber der Wechsel an eine westdeutsche Universität hätte ihn von allen Quellen abgeschnitten, die ihm für seine Forschung wichtig waren. Rastlos arbeitete und publizierte er – Letzteres allerdings nur selten im eigenen Land. Die meisten seiner, schon damals von der Fachwelt mit großem Interesse auf- und angenommenen Abhandlungen, Artikel und Aufsätze erschienen „im kapitalistischen Ausland“: in der alten Bundesrepublik, in Israel, Italien, Kanada und in den USA. Auf manchmal abenteuerlichen Wegen gelang es oft nur mit Hilfe verschwiegener Freunde, Kollegen und Kolleginnen, Manuskripte über die Grenze zu schmuggeln, heraus aus jenem geschlossenen System namens DDR.

Nach der Wende nutzte Günter Mühlpfordt alle Chancen, ein aktives Mitglied der internationalen scientific community zu sein: Er nahm an Tagungen und Kongressen teil, hielt Vorträge, publizierte neueste Erkenntnisse zur Aufklärung und zur Frühen Neuzeit in Europa …

Ende 1997 richteten Universität und Franckesche Stiftungen aus Anlass von Günter Mühlpfordts 75. Geburtstag ein Festkolloquium aus; zeitgleich erschienen die ersten vier von sieben Bänden der von seinem Kollegen und Freund, Osteuropahistoriker Erich Donnert († 2016), herausgegebenen mit rund 6000 Seiten umfangreichsten je einem Gelehrten gewidmeten Festschrift „Europa in der Frühen Neuzeit“.

1999 ehrten die Stadt Magdeburg und die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Günter Mühlpfordt für seine Verdienste um die Erforschung der Geschichte des mitteldeutschen Raumes mit dem Eike-von-Repgow-Preis. Der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig eng verbunden, war er zugleich Mitglied der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt, der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften e. V. in Görlitz sowie der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin e. V. und pflegte eine weitgespannte wissenschaftliche Korrespondenz.

Im Oktober 2001 veranstalteten die Historische Kommission der Leipziger Akademie und die Martin-Luther-Universität zu Günter Mühlpfordts 80. Geburtstag ein Ehrenkolloquium zum Thema „Universitäten und Wissenschaft in Deutschlands Mitte. Annäherungen an eine historische Bildungslandschaft und deren Ausstrahlung“. Das Interdisziplinäre Zentrum für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA) veranstaltete am 19. September 2011 ein Ehrenkolloquium zum 90. Geburtstag des Gelehrten.

Mit Beginn des neuen Jahrtausends reifte Günter Mühlpfordts Plan, seine über Jahrzehnte verstreut erschienene Publikationen zur mitteldeutschen Aufklärung gesammelt und aktualisiert neu herauszugeben: Seit 2011 erschien im Mitteldeutschen Verlag Halle die von der Fachwelt dankbar begrüßte Schriftenreihe „Mitteldeutsche Aufklärung“ (Band 1: Halle-Leipziger Aufklärung. Kernstück der Mitteldeutschen auf; Band 2: Demokratische Aufklärer I. Bahrdt und die Deutsche Union; Band 3: Demokratische Aufklärer II. Getarnte und offene Radikalaufklärung). – Neben allem Lob wurde aber das (aus Zeitdruck erwachsene) Fehlen von Registern als schmerzliches Desiderat empfunden. Diesem Mangel hilft nun das als Band 4 deklarierte Gesamtregister ab. Ende März, wenige Tage vor seinem Tod, gab ich Günter Mühlpfordt dieses Buch in die Hand und konnte ihm sagen, es ist auf der Leipziger Buchmesse 2017 präsent. Das hat ihn sehr gefreut.

Bis zuletzt arbeitete er an der detailreichen Einleitung zu einem Lebensbild, das der Berliner Historiker Robert Weißmann über seinen Ahnen schrieb, den Martin Luther bekannten und von ihm hochgeschätzten „Zwickauer Reformationsbürgermeister“ Hermann Mühlpfordt. Das Buch erscheint im Juni 2017 im Mitteldeutschen Verlag.

Margarete Wein

Eine Würdigung des Wirkens von Günter Mühlpfordt von Prof. Dr. Daniel Fulda, Direktor des IZEA, ist auch auf der IZEA-Website zu finden.
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