"Für Philosophie-Forscher aus aller Welt hat sich Halle zu einem Ziel entwickelt", sagt Prof. Dr. Corey Dyck. (Foto: Maike Glöckner)

Spurensuche in Halle: Vergessene Philosophinnen und deutsche Metaphysiker

Nicht nur der Philosoph Christian Wolff werde international unterschätzt, auch die ersten deutschen Philosophinnen werden aus Sicht des Kanadiers Prof. Dr. Corey Dyck zu Unrecht vernachlässigt. Der Humboldt-Forschungsstipendiat will die Anfänge der deutschen Metaphysik erstmals umfänglich wissenschaftlich aufarbeiten. Dazu beschäftigt er sich auch an der Universität Halle intensiv mit der Geschichte der Intellektuellen des 18. Jahrhunderts.

„Für mich ist Halle mehr ein ‚Hallewood‘“, sagt der Kanadier. Seit einem halben Jahr studiert Corey Dyck im Rahmen eines Forschungsstipendiums der Alexander von Humboldt-Stiftung die Schriften berühmter hallescher Gelehrter. Egal ob im Stadtmuseum, auf dem Gertraudenfriedhof oder in den Lichtkästen am Riebeckplatz: Überall stößt der Philosophie-Professor auf Spuren der Menschen, deren Werke er seit Jahren erforscht.

„Für Historiker der Philosophie und für Aufklärungsforscher aus aller Welt hat sich Halle zu einem echten Reiseziel entwickelt“, so Dyck, dessen Gastgeber Prof. Dr. Heiner Klemme ist. Diese internationalen Gäste trifft man häufig im Lesesaal der Bibliothek des Interdisziplinären Zentrums für die Erforschung der Europäischen Aufklärung (IZEA). „Die Literatur dort ist einmalig“, schwärmt der Humboldt-Stipendiat, der sich auch privat gern auf die Suche nach wertvollen Erstausgaben oder frühen Editionen philosophischer Werke macht.

„Ich möchte die ersten 50 Jahre der Metaphysik in Deutschland darstellen“, sagt er über sein Forschungs-Projekt. Viele Gelehrte der Universität Halle diskutierten zur Zeit der frühen Aufklärung die universalen Fragen der Metaphysik – Fragen, die sich nicht durch bloße empirische Beobachtungen erklären lassen. Etwa: Was ist das Sein und was ist die Seele? Texte von Christian Wolff, Georg Friedrich Meier, Alexander Gottlieb Baumgarten, Christian Thomasius und Johann Joachim Lange gehören ebenso zu Dycks Lektüre wie das Werk von Johanna Charlotte Unzer.

Johanne Charlotte Unzer – Eine bemerkenswerte Philosophin

Johanna Charlotte Unzer, geborene Ziegler (Quelle: Wikicommons)

Heute ist die Philosophin und Schriftstellerin in Vergessenheit geraten. 1725 wurde sie als Tochter des Organisten der Ulrichskirche unter dem Namen Johanna Charlotte Ziegler in Halle geboren. Obwohl ihr der Besuch von Schule und Universität versagt blieben, eignete sie sich eine umfängliche Allgemeinbildung an und vertiefte sich in den philosophischen Diskurs ihrer Zeit. Im Alter von nur 25 Jahren veröffentlichte Unzer ihr außergewöhnliches Werk „Grundriß einer Weltweißheit für das Frauenzimmer“, in dem sie sich insbesondere mit den Texten des Wolff-Schülers Alexander Gottlieb Baumgartens auseinandersetzt.

„Unzer ist eine der wenigen Frauen dieser Zeit, die über Philosophie schrieben. Sie scheute auch vor den komplexesten philosophischen Texten nicht zurück und äußerte sich – wenngleich eher skeptisch – zur Metaphysik. Das war damals wirklich bemerkenswert“, sagt Dyck. In ihren Texten versuchte sie, die Theorien der Philosophen nicht abstrakt, sondern so konkret wie möglich zu beschreiben, um auch Laien und damit insbesondere Frauen einen Zugang zu der Thematik zu ermöglichen. „Sie skizziert die Philosophie als Weltweisheit, an der jeder teilhaben kann – unabhängig vom Geschlecht. Frauen sollten nach ihrer Vorstellung die Texte der Philosophen selbstständig studieren und das Wissen dieser Männer evaluieren.“

Und obwohl es noch mehr als 150 Jahre dauern sollte, bis sich die ersten Studentinnen offiziell an deutschen Universitäten einschreiben durften, war Unzer mit ihrer Meinung zur Bildung von Frauen damals in Halle nicht allein, berichtet Corey Dyck: „Christian Thomasius hat genauso gedacht und auch von Christian Wolff ist zumindest in einem Briefwechsel mit Ernst Christoph Graf von Manteuffel belegt, dass er an einem Philosophie-Vortrag für Damen gearbeitet hat. Die frühe Aufklärung ist in der Hinsicht nicht weniger aufgeklärt als die Kantsche Aufklärung“, betont Dyck.

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