"Für Philosophie-Forscher aus aller Welt hat sich Halle zu einem Ziel entwickelt", sagt Prof. Dr. Corey Dyck. (Foto: Maike Glöckner)

Spurensuche in Halle: Vergessene Philosophinnen und deutsche Metaphysiker

Auch anderswo in Deutschland beteiligten sich im 18. Jahrhundert immer mehr Frauen aktiv an den intellektuellen Diskussionen ihrer Zeit. Insgesamt 23 dieser Vorreiterinnen stellt Dyck auf seiner englischsprachigen Website „Women Intellectuals of 18th Century Germany“ kurz vor. Zu ihnen gehört neben Unzer auch die Ärztin Dorothea Erxleben, die 1754 in Halle als erste Frau an einer deutschen Universität promoviert wurde. Im Herbst plant er an seiner Heimatuniversität, der Western University im kanadischen London, Ontario, eine Tagung zu den deutschen Philosophinnen des 18. Jahrhunderts.

Denn international werde zwar durchaus über frühe Philosophinnen diskutiert. „Aber der deutsche Kontext wird bislang kaum berücksichtigt, weil diese Frauen natürlich auf Deutsch schrieben und ihre Werke international einfach nicht wahrgenommen werden“, erläutert der Kanadier und ergänzt: „Generell ist man noch immer der Ansicht, dass die deutschen Philosophen zu Beginn des 18. Jahrhunderts wenig originelle Ideen hatten.“ – Ein Irrtum, findet Dyck und ist damit beim Kern seines aktuellen Humboldt-Forschungsprojekts angelangt: Den Anfängen der Metaphysik in der deutschen Philosophie.

Ein Streit in Halle sollte die Aufklärung prägen

Zeichnung aus einem Studenten-Stammbuch, die Wolffs Vertreibung aus Halle thematisiert. (Foto: Leef Hansen)

Christian Wolff, der von 1706 bis 1723 als Professor für Professor für Mathematik und Philosophie an der Universität Halle lehrte, setzte sich in seinen Werken intensiv mit Fragen der Metaphysik auseinander. Er prägte so gemeinsam mit seinen Anhängern, Wolffianer genannt, als einflussreichster Philosoph seiner Zeit die Forschung und Lehre im gesamten Heiligen Römischen Reich. – Zumindest, bis Immanuel Kant seine „Kritik der reinen Vernunft“ veröffentlichte, in der er sich gegen diesen „Wolffianismus“ und die klassische Metaphysik wandte. Kants Kritik markierte eine Wende in der deutschen Philosophie und brachte eine Abkehr von Wolff mit sich, die bis heute anhält.

„Wolff findet in der aktuellen Forschung kaum statt und wenn, dann wird sein Werk nur sehr verkürzt und stets im Zusammenhang mit Kants Kritik wiedergegeben“, so Corey Dyck. Weder Wolffs Leben, noch sein Streit mit den halleschen Pietisten sind bislang umfänglich wissenschaftlich aufgearbeitet worden. Das will der Forschungsstipendiat jetzt ändern. „Seine Arbeit ist wesentlich origineller und bedeutender, als sie gemeinhin dargestellt wird. Er ist ein eigenständiger, innovativer Vertreter des Rationalismus und kein bloßer Metaphysiker in der Tradition von Gottfried Wilhelm Leibniz.“

Mit Wolffs Disput mit den Pietisten verhalte es sich ganz ähnlich wie mit seiner Person. „Der Pietismus wird international oft als Gegner der Aufklärung angesehen, aber auch diese Darstellung ist verkürzt.“ Dyck möchte die Geschichte dieses Streits neu erzählen. Denn die Kluft, die zwischen den Philosophen des Pietismus und der Aufklärung bestand, sei für die spätere Aufklärung prägend gewesen. „Ohne Wolff und seinen Streit mit den halleschen Pietisten hätte es die deutsche Aufklärung in dieser Form nicht gegeben“, fasst er seine Arbeitsthese zusammen. Corinna Bertz

Corey Dycks Paper „On Prejudice and the Limits of Learnedness – The Women Intellectuals of 18th Century Halle“ ist für Nutzer von academia.edu online abrufbar

Internationale Mendelssohn-Tagung in Halle

Im Rahmen seines Humboldt-Forschungsstipendiums untersucht Corey Dyck auch das Werk des Philosophen Moses Mendelsohn. Vom 23. bis zum 24. Mai veranstaltet er gemeinsam mit seinem Gastgeber Prof. Dr. Heiner Klemme eine internationale Fachtagung mit dem Titel „The Philosophy of Moses Mendelssohn – Die Philosophie von Moses Mendelssohn“.

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