„Als Pfarrerin kann man nur arbeiten, wenn man auf Resonanz stößt“, sagt die Studierenden- und Hochschulpfarrerin Christiane Thiel. (Foto: Markus Scholz)

„Ich bin selbst noch nicht fertig“

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Regelmäßig lädt sie externe Referenten zum ESG-Gemeindeabend ein, der jeden Mittwoch in der Puschkinstraße stattfindet. „Ich möchte diesen Abend zu einer Adresse für alle interessierten Uni-Angehörigen entwickeln.“ Auch anderswo soll die Studierendengemeinde künftig sichtbarer werden. „Mit dem Familienbüro haben wir zum Beispiel schon besprochen, dass wir uns mit einem Angebot für die Kinderuni einbringen wollen“, kündigt die Pfarrerin an.

Zu ihrer eigenen Familie kehrt sie manchmal erst nach Mitternacht zurück – wenn etwa die Chorprobe am Donnerstagabend länger dauert. Im April hat Christiane Thiel, die man vor sich hin summend oder singend antrifft, mit Domkantor Gerhard Noetzel den „PoPChor“ gegründet. Den ersten Chor „für Studierende mit extremer Neigung zu richtig guten Grooves und Melodies aus Pop und Jazz“ leiten die beiden jetzt gemeinsam. Die Pfarrerin macht keinen Hehl aus ihrer Vorliebe für Popmusik. „Schlager ist ein unterschätztes Genre der Musik“, findet sie.

Suchend, lernend – und pendelnd

Aber auch ohne die Chorprobe sind ihre Arbeitstage oft lang. Und trotzdem kann die 48-Jährige dem täglichen Pendeln zwischen Leipzig und Halle etwas Positives abgewinnen: „Pendeln hat was. Früh im Zug bringe ich den Trubel der Familie hinter mich.“ Am Abend auf der Rückfahrt liest sie ihre E-Mails oder tauscht sich über den Kurznachrichtendienst Whatsapp mit den Studierenden aus. Die ehemalige Stadtjugendpfarrerin hat schon immer besonders gern mit jungen Menschen gearbeitet. „Weil sie noch Suchende sind. Sie sind offen für Anregungen und haben mehr Fragen als Antworten. Das gefällt mir.“ Auf Abgeschlossenheit reagiere sie allergisch. „Denn ich bin selbst noch nicht fertig, sondern immer auch suchend und lernend.“

Christiane Thiel liefert aber auch Antworten. Oder vielmehr: „Denkstoff“, wie eines ihrer Bücher heißt. Ganz unterschiedliche Glaubensfragen von Jugendlichen hat die Pfarrerin darin zusammengetragen. In kurzen Texten zeigt sie, welche Antworten und Anregungen der Glauben und die Bibel im Teenager-Alltag liefern können. Damit stößt sie in eine Lücke in der deutschen Kinder- und Jugendbuchliteratur: „Das aktuelle deutsche Jugendbuch kommt ohne Religion aus. Geschichten vom Glauben sind unterrepräsentiert“, kritisiert sie. Wenn Religion eine Rolle spiele, dann meist als Rettungsgeschichte. „Frömmigkeit im Alltag und das gesellschaftliche Engagement mit christlichen Wurzeln – das gibt es nicht.“

Wahrscheinlich ist der Glauben im Alltag deshalb zu ihrem Thema geworden. Ein Familienlesebuch und einen Roman über die Weltreligionen hat sie bereits geschrieben, aber auch Beiträge für das evangelische Monatsmagazin Chrismon. Und trotzdem sagt sie: „Ich verstehe mich nicht als Autorin und rühme mich auch nicht des Schreibens. Das sind Gebrauchstexte.“ Dabei wurde ihr Buch „Das Jahr, in dem ich 13einhalb war“ 2007 mit dem Peter-Härtling-Preis für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet.

In Halle ist sie mittlerweile sogar unter die Liedtexter gegangen: Schon seit ein paar Wochen singen die Kinder der Paulusgemeinde ihr „Mose, Mose, Gotteskind“. „Ich schreibe Texte für die Kinderlieder von Andreas Mücksch, dem Kantor der Pauluskirche“, berichtet die musikbegeisterte Pfarrerin. Corinna Bertz

Der PopChor trifft sich jeden Donnerstag 20 Uhr im Gemeindehaus der Reformierten Domgemeinde, Kleine Klausstaße 6. Jeder kann mitmachen.

Der Gemeindeabend der Evangelischen Studierendengemeinde findet jeweils mittwochs 20 Uhr in der Puschkinstraße statt. Link zur Website der ESG
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