Die Varroa-Milbe (rechts im Bild) ist einer der bedrohlichsten Bienenschädlinge weltweit.(Bild: Agricultural Research Service / US Department of Agriculture)

Varroamilben: Ein Schutzring für den Bienenstock

Sie ist einer der größten Bienenfeinde in Europa – die Varroamilbe. Der Schädling befällt nicht nur Insekten und saugt ihnen das Blut aus, sondern überträgt auch gefährliche Krankheiten wie das Krüppelflügelvirus. Zwei Biologen der Uni Halle haben jetzt in Kooperation mit Bayer Animal Health ein Produkt namens „Polyvar“ entwickelt, mit dem sich die Milben einfach und gezielt bekämpfen lassen. Die beiden Wissenschaftler verbindet aber noch mehr als ihr gemeinsames Forschungsinteresse.

Die Varroamilbe stammt ursprünglich aus Asien. Über verschiedene Ex- und Importe von Bienenvölkern gelangte die Milbe in den 1970er Jahren über Russland nach Europa. „Asiatische Bienen sind besser an Varroa angepasst: Sie wechseln häufiger ihren Platz, die Völker sind generell deutlich kleiner, als es bei der europäischen Honigbiene der Fall ist“, sagt Prof. Dr. Nikolaus Koeniger. Der emeritierte Professor für Biologie beschäftigt sich seit über 40 Jahren mit den Milben und sucht nach Wegen, sie zu bekämpfen. Kleinere Völker bedeuten weniger Angriffsfläche für die Milben, aber auch eine geringere Honigausbeute für die Imker. „Der Bestand von Honigbienen in Europa hängt fast komplett von den Imkern ab, die möglichst große Völker in festen Bienenstöcken halten“, ergänzt Dr. Gudrun Koeniger, die zusammen mit ihrem Ehemann seit mehreren Jahrzehnten Bienen und ihre Schädlinge erforscht.

Die beiden Biologen teilen sich wissenschaftlich wie privat eine Geschichte, die es so in Deutschland kein zweites Mal geben dürfte: Sie lernten sich während ihres Biologiestudiums an der Uni Freiburg kennen, wurden ein Paar, schlossen gemeinsam ihr Studium an der Uni Frankfurt ab und erhielten auch am selben Tag ihre Promotionsurkunden. Damit nicht genug: Die beiden teilen sich nicht nur dieselben Forschungsinteressen, sondern auch ihren Geburtstag. „Wir haben sogar am selben Tag geheiratet“, witzelt Gudrun Koeniger.

Gudrun und Nikolaus Koeniger

Gudrun und Nikolaus Koeniger bei einem Feldversuch in Florida (Foto: Jason Graham)

Die Koenigers wurden 1968 mit Arbeiten über die Paarungsbiologie von Bienen promoviert. Nikolaus Koeniger beschäftigte sich unter anderem mit den Duftstoffen, die asiatische Bienen absondern. Deshalb kannte er die Varroamilbe bereits, als sie sich in Europa rasant ausbreitete. Gudrun Koeniger arbeitete lange Zeit in mehreren von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekten und engagierte sich zusätzlich als Redaktionsmitglied der „Apidologie“ – einer weltweit führenden Fachzeitschrift zur Bienenforschung.

Jahrzehnte der gemeinsamen Forschung

Das Forscherpaar suchte bereits in den 1980er Jahren den Kontakt zu Bayer, um mit dem Unternehmen gemeinsam Wirkstoffe und Schutzmechanismen für Bienen zu entwickeln. Eine Entscheidung, die ihnen unter Kollegen nicht nur positives Feedback einbrachte – die sie aber bis heute nicht bereuen: „Als Forscher allein kann man keine Mittel entwickeln und auf den Markt bringen, um Bienen zu schützen“, sagt Nikolaus Koeniger. Im Laufe der Jahre entstanden zahlreiche Kooperationen und Projekte. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2007 war Koeniger Professor an der Uni Frankfurt und Direktor des assoziierten Instituts für Bienenkunde im hessischen Oberursel. Auch nach Ende seiner regulären Dienstzeit arbeitete er mit seiner Frau zusammen an neuen Projekten. Nach mehreren Umstrukturierungen an der Uni Frankfurt mussten sich die Forscher im Jahr 2014 eine neue wissenschaftliche Bleibe suchen.

Nikolaus Koeniger fragte unter anderem am Institut für Biologie in Halle an: Seit 1997 hat hier Prof. Dr. Robin Moritz, ein ehemaliger Habilitand Koenigers, die Professur für Molekulare Ökologie inne. Moritz stellte seinem ehemaligen Chef, den er heute gern in Anlehnung an seine Zeit als Post-Doc in Frankfurt als seinen „Post-Prof“ bezeichnet, einen Raum und die institutionelle Basis für weitere Forschungsprojekte zur Verfügung. Und so wechselte das Forscherehepaar an die Saale und setzte seine Varroa-Forschung fort.

Der „Polyvar“-Streifen wird einfach vor den Eingang eines Bienenstocks geklebt. Die Bienen kriechen durch die Löcher und so gelangt der Wirkstoff auf ihren Körper. (Foto: Nikolaus Koeniger)

Das Prinzip von „Polyvar“ ist simpel: Vor jedem Eingang eines Bienenstocks wird ein dünner Kunststoffstreifen mit einer kreisrunden Öffnung befestigt. „Durch diese müssen die Bienen dann kriechen, um in den Bienenstock zu gelangen“, erklärt Nikolaus Koeniger. Die Bienen reiben ihren Pelz an dem Streifen entlang, so dass ein spezieller Wirkstoff, Flumethrin, auf ihren Körper gelangt. Das Flumethrin tötet die Milben, ist für die Bienen aber selbst unschädlich. Jedes Mal, wenn eine Biene den Wirkstoff abgestreift hat, fließt automatisch neues Flumethrin nach. Damit ist es erstmals möglich, die Bienen zu schützen, ohne Wirkstoffstreifen in die Bienenstöcke zu setzen. Dadurch gelangt der Wirkstoff auch nicht mehr in das Bienenwachs.

Was einfach aussieht, ist das Ergebnis von sechs Jahren Forschungsarbeit und unzähligen Versuchen: Der Kunststoffstreifen darf weder zu dünn noch zu dick sein, um den Wirkstoff ideal zu verteilen. Die Öffnung darf nicht zu klein sein, damit auch die größeren Drohnen durch passen – aber auch nicht zu groß, weil die Arbeiterinnen sonst die Ränder nicht berühren. Zusätzlich müssen bei einem Arzneimittel für Tiere zahlreiche gesetzlich vorgeschriebene Standards erfüllt werden. Ihre Versuche haben die Biologen unter anderem in den Florida und Sizilien durchgeführt. Nach einigen missglückten Anläufen fanden sie den richtigen Wirkstoff und die richtige Anordnung.

Es gibt noch viel Arbeit

Die beiden Forscher hoffen, dass ihre Entwicklung irgendwann überflüssig wird. Speziell gezüchtete Honigbienen, die sich wie ihre asiatischen Pendants selbst gut gegen die Schädlinge wehren können, wären ein Ausweg. Nikolaus Koeniger sieht diese Alternative jedoch skeptisch: „Die Züchtung von Bienen, die gegenüber Varroa toleranter sind, ist kostspielig, schwierig und sehr langwierig. Ohne eine zusätzliche Behandlung würden die meisten Völker heute sterben.“ Gleichzeitig würden durch gezielte Vererbung und Züchtung möglicherweise andere Eigenschaften beeinflusst – etwa das Verhalten der Bienen. Die speziell gezüchteten Bienen könnten zwar widerstandsfähiger sein, dafür aber auch angriffslustiger – oder sie könnten weniger Honig produzieren.  „Außerdem ist die gezielte Züchtung von Bienen in der freien Wildbahn nicht kontrollierbar“, gibt Gudrun Koeniger zu bedenken. Und da die Milben auch Krankheiten übertragen, sei es ohnehin wichtig, ihren Bestand auf einem niedrigen Level zu halten.

Bienenstock mit Polyvar

Fast alle Honigbienen-Völker leben in Bienenstöcken, die vom Menschen gebaut und gepflegt werden. (Foto: Nikolaus Koeniger)

Damit das langfristig gelingt, muss das Verfahren noch erweitert und auch von den Imkern eingesetzt werden: Da der Bienenbestand im Wesentlichen von Imkern und ihrer Art der Bienenhaltung abhängt, haben sie eine große Verantwortung beim Schutz vor der gefährlichen Milbe – auch über ihre eigenen Völker hinaus. „Bienen lassen sich nicht einsperren, wenn sie von Varroa befallen sind und können den Erreger so auch auf andere Völker übertragen“, erklärt die Biologin Koeniger.

Da die Milben nach einiger Zeit eine Resistenz gegen Flumethrin entwickeln, müssen mehrere Wirkstoffe zum Einsatz kommen. Anders als bei Bakterien und Antibiotika stellt das aber kein generelles Problem dar: „Permanente Resistenzen gegen bestimmte Wirkstoffe sind für die Milben zu aufwändig. Wechseln die Imker im Rotationsprinzip jährlich den Wirkstoff, ist ein effektiver Schutz für die Bienen möglich“, fasst Nikolaus Koeniger zusammen, der aus einer Familie mit langer Imkertradition stammt und selbst mehrere Bienenvölker hält. Bereits mit drei verschiedenen Wirkstoffen ließe sich das sicherstellen. Bislang gibt es „Polyvar“ nur in Kombination mit Flumethrin, als Alternative sei aber zum Beispiel Ameisensäure denkbar. Ob sich das Mittel mit der Technik anwenden lässt, ist noch offen. „Da werden wir noch was machen müssen“, ist sich das Forscherpaar Koeniger einig und denkt noch lange nicht an den Ruhestand. Tom Leonhardt

Kommentar schreiben

Ihr Kommentar wird schnellstmöglich durch unser Team freigeschaltet.

Kommentar