„Nachbeben“ in Japans Gesellschaft: „Jetzt sind wir aufgewacht“

Die Japan-Tage haben in der vergangenen Woche viele Menschen an der Martin-Luther-Universität bewegt. Freudiger Anlass war ein Jubiläum: 150 Jahre Freundschaft zwischen Deutschland und Japan. Aber natürlich war auch das äußerst unerfreuliche atomare Unglück ein Thema. „Jetzt sind wir aufgewacht“, sagte die Autorin Emi Kawaguchi-Mahn bei einer Podiumsdiskussion.

Direkt vor dem Melanchthonianum ging es bei der Langen Nacht der Wissenschaften in diesem Jahr fernöstlich zu. Japanologiestudierende im Kimono erzählten von ihren Erlebnissen in Japan und Besucher konnten sich ihre Namen in japanischen Schriftzeichen schreiben lassen. Um 20 Uhr begann dann im Gebäude die Podiumsdiskussion unter dem Titel „Nachbeben – Atomkraft und Gesellschaft“. Drei der fünf Diskutanten waren zur Zeit des Erdbebens selbst in Japan. „Die Aufarbeitung heute Abend ist auch eine Form der Verarbeitung des persönlich Erlebten“, sagte der Leiter des Panels, Daniel Kremers, zu Beginn.

Der Doktorand in der Graduiertenschule Gesellschaft und Kultur in Bewegung bat zunächst die Autorin Emi Kawaguchi-Mahn, zu erzählen, wie sie das Unglück in Tokio erlebte. „Ich erinnere mich an die überfüllten Busse in der Stadt und an die Ruhe und Disziplin, mit der alle darauf reagiert haben, das nichts mehr ging“, sagte die Autorin. Zugleich kritisierte sie die Medienbestattung in Deutschland, die „kalte und emotionslose Japaner“ beschrieben habe. Aber auch ihre deutschen Freunde lernte sie von einer anderen Seite kennen: „Sie meinten, besser zu wissen, wo es sicher war und wo nicht. Aber ich habe mich auch in Tokio sicher gefühlt.“

Die Japanologin Gesine Foljanty-Jost ist an der MLU Prorektorin für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs. (Foto: Andreas Bartsch)

Auch MLU-Prorektorin Gesine Foljanty-Jost hat sich über die manche deutsche Berichterstattung geärgert: „Das Verhalten der Japaner ist sehr stark exotisiert worden. Wir hätten uns besser an den deutschen Botschafter Wilhelm Solf gehalten, der schon nach dem Kanto-Erdbeben 1923 die Frage stellte: Sollten wir nicht erforschen, warum die Japaner so stolz, geduldig und diszipliniert sind?“ Dazu gehöre, die Religionen des Landes und die Werte der japanischen Gesellschaft kennen und verstehen zu lernen.

„Wie haben die Ereignisse das Verhältnis der Japaner zu den Atomkraftwerken verändert?“, wollte Daniel Kremers von Emi Kawaguchi-Mahn wissen. „Ich habe die Atomkraft vorher kaum wahrgenommen“, erzählt die Autorin. „Eine kleine Anti-Atomkraft-Bewegung hat es auch schon vor 30 Jahren gegeben, aber sie war medial nicht präsent. Die Medien haben sehr wenig über Gegenbewegungen berichtet, sie waren ja selbst von den großen Energiekonzernen abhängig. Wir haben der Technologie blind geglaubt und waren stolz darauf“, sagte Kawaguchi-Mahn rückblickend. „Nach der Katastrophe gab es viel Unsicherheit und die bleibt bis jetzt. Jetzt sind wir aufgewacht. Es gibt im Moment eine sehr hektische Diskussion in Japan.“

„Atomenergie war sehr lange ein entscheidender Bestandteil des japanischen Gesellschaftsmodells“, stellte Professor David Chiavacci von der Universität Zürich fest. Er zeigte sich überzeugt davon, dass die Debatten gerade erst begonnen haben. „Denn dieses Modell hat inzwischen stark an Attraktivität verloren.“ Aktive Proteste, zum Beispiel in Form von Demonstrationen in Großstädten, wie man sie von der deutschen Antiatombewegung kennt, sind in Japan allerdings selten. „Ich glaube nicht, dass sich diese Methode der Meinungsäußerung in Japan etablieren wird. Das entspricht einfach nicht der japanischen Mentalität“, sagte Emi Kawaguchi-Mahn.

Im Rahmen der Japan-Tage unterzeichneten MLU-Rektor Prof. Dr. Udo Sträter und Prof. Dr. Yoshitaka Kakinuma von der Dokkyo-Universität Saitama (Tokio) ein Kooperationsabkommen. (Foto: Anne Seidel)

Gesine Foljanty-Jost stimmte ihr zu: „Es ist fremd und kommt in der Bevölkerung nicht an. Und das sicherlich ist auch ein Grund dafür, warum Greenpeace in Japan zum Beispiel kaum Erfolg hat.“ Sie vertrat die These, dass die japanische Zivilgesellschaft sich nur dann verändern könne, wenn diejenigen, die selbst vom Unglück betroffen sind, aktiv beteiligt sind. „Proteste waren in Japan immer dann erfolgreich, wenn sie aus einer eigenen Betroffenheit heraus resultierten – beispielsweise die Umweltbewegung in den siebziger Jahren. Damals gab es Massenproteste gegen mehrere Vergiftungsskandale in Japan.“

Im Blick auf die Atomkraft in Japan bezweifelt sie deshalb, dass sich bald etwas ändern wird. Ähnlich sieht David Chiavacci die Entwicklung: „Dem derzeitigen japanischen Gesellschaftsmodell fehlt noch die Alternative. Diskutiert wird eher: Wie können wir es reformieren? Aber die Entwicklung wird auch auf stark von den langfristigen Auswirkungen in der Region um Fukushima abhängen.“ Lutz Mez vom Forschungszentrum für Umweltpolitik der FU Berlin ging noch einen Schritt weiter. „Ich glaube, da ist tatsächlich etwas losgetreten worden. Die Frage wird sein, ob die betroffenen Energiekonzerne diese Krise verkraften.“

Text: Corinna Bertz

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