Pflege ist nötig, um nicht zu verrotten

 

 

 

 

 

 

Prof. Dr. Johann Behrens (Foto: Daniel Gandyra)

 

 

 

 

 

Es gibt viele Krankheiten, aber nur eine Gesundheit, schrieb der Soziologe Niklas Luhmann. Dass wir mit dieser sorgsam umgehen sollten, merken wir oft erst, wenn sie uns im Stich lässt. Warum ist es so schwer, täglich gesund zu leben? Und wie könnte es uns leichter fallen? Diese Fragen erforscht Professor Johann Behrens, Direktor des Instituts für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der MLU. Im Interview erklärt er, warum wir keine Gesundheitsapostel brauchen und wieso er als Elfjähriger mit dem Rauchen angefangen und wieder aufgehört hat.

Herr Professor Behrens, es gibt kaum noch ein Werbeplakat, das nicht mit Fitness, Wellness oder Attraktivität zu tun hat. Wie stehen Sie zu diesem Hype? Ja, das ist selbst etwas Krankmachendes. Die Menschen werden ständig mit Ideen konfrontiert, die ihr „richtige” Gestalt, ihr angemessenes Alter und dergleichen betreffen. Die Gesundheitsförderung ist diesen Angeboten gegenüber sehr kritisch. Ein Begriff, den ich überhaupt nicht leiden kann, ist das Anti-Aging. Das Altern gehört zum Menschsein, und mit Anti-Aging-Maßnahmen schließe ich die „Alten” von den Schönen aus. Aber: Was Sie als Hype bezeichnen, gab es früher noch viel stärker. Die Idee des Jungbrunnens ist zum Beispiel eine ganz alte Vorstellung. Die Arbeit der Gesundheitsförderung nennen wir seit Jahrtausenden „Pflege”.

Welche Form der Pflege meinen Sie damit? Wir bringen unseren Kindern diese Arbeit bei: Zähneputzen, Händewaschen, sich gut zu ernähren, zeitig ins Bett zu gehen. Aber zur pflegerischen Gesundheitsförderung gehören genauso die Pflege unserer Arbeitsbedingungen und die Pflege unserer Beziehungen. Schon die frühen diätetischen – also pflegewissenschaftlichen – Schriften 400 vor Christus auf der Insel Kos betonen das, wenngleich sie auch manchmal recht bizarre Vorstellungen tradieren, wie diese Pflege geht. Pflege ist nötig, um nicht zu verrotten. Das ist die grundlegende Idee pflegerischer Gesundheitsförderung.

In unsere Pflege lassen wir uns aber offenbar ungern hineinreden. Sie haben das selbst bei einem Forschungsprojekt am Hauptbahnhof erlebt, als sie Passanten sagten: „Sie essen gerade Pommes – wissen Sie, dass das ungesund ist?” Wie kam das an? Das war ein Krisenexperiment. Es ging um die Frage, ob so ein Hinweis eindeutig als unangemessenes, die persönliche Autonomie verletzendes Verhalten empfunden wird. Wir haben den Rauchern und Fast-Food-Essern nur die bekannten Sprüche gesagt – „Rauchen gefährdet die Gesundheit” etwa. Da schlug uns fassungslose Verblüffung und Empörung entgegen. Das hat uns gezeigt, dass mit solch einem Verhalten immer Autonomieschranken verletzt werden. Bei der Gesundheitsförderung haben wir im Gegensatz zur Krankenpflege oft die Situation, dass wir nicht warten, bis der Raucher hustend unter Leidensdruck zu uns kommt, sondern wir wollen ihn schon vorher durch Werbung überzeugen. Das führt zu ganz verqueren, verkindlichenden und entmündigenden Kommunikationsweisen.

Wenn aber jeder so autonom wie möglich bleiben will, wie kann man dann gesundheitsfördernd wirken, ohne die Grenzen der Autonomie zu verletzen? Ohne dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung entgegenzukommen, erreichen Sie in der Gesundheitsförderung nichts. Viele denken, autonom hieße „selbst tun”, aber Autonomie heißt Selbstbestimmung und „selbst tun” ist nur eines von mehreren Mitteln dazu. Beim Haareschneiden haben wir ein Selbstpflegedefizit, denn wir können uns nicht selbst die Haare schneiden. Solange der Friseur das tut, was wir ihm sagen, leiden wir nicht unter diesem Defizit. Würde uns aber die Friseurinnung alle vier Wochen vorladen und die Frisur schneiden, die sie für die richtige hält, litten wir unter Fremdbestimmung. Entscheidend ist für uns die selbstbestimmte Teilhabe an dem sozialen Leben, das uns individuell wichtig ist. So sieht es auch das deutsche Sozialgesetzbuch IX und die Weltgesundheitsorganisation: Selbstbestimmte Partizipation ist das Ziel von Pflege und Therapie.

Was heißt das für die Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz? Die Beschäftigten müssen ihre eigenen Bedürfnisse analysieren und danach ihre eigene Umwelt mit gestalten. Wir brauchen keine Gesundheitsapostel, solange wir die Menschen einfach in die Entscheidungen mit einbeziehen. Ein großes Risiko am Arbeitsplatz ist zum Beispiel der Stress, der als Hilflosigkeit gegenüber den Arbeitsanforderungen empfunden wird. Sobald Menschen die Kontrolle über ihre Arbeitssituation haben und sich in ihren Anstrengungen anerkannt wissen, können sie große Anstrengungen bewältigen.

Ist Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz überhaupt möglich? Sind die Strukturen dafür gegeben? Es gibt ein altes Arbeitsschutzsystem, das von seinen Zielen her äußerst weitreichend ist. Arbeitsmedizin und Arbeitsschutz gibt es schon seit mehr als 120 Jahren. In meinen Augen gibt es da keinen Mangel an vorgeschlagenen Maßnahmen, sondern einen Mangel an Untersuchungen über die Wirkungen.

Abgesehen von den Vorschlägen anderer – wie bringe ich mich selbst dazu, mein Verhalten zu ändern? Ich will Ihnen ein Beispiel erzählen: Mit 11 Jahren hätte ich mich nicht ohne Zigarette auf die Straße getraut. Niemandem schmeckt diese erste Zigarette, im Gegenteil, es ist eine Tortur. Man bekommt Schweißausbrüche, es wird einem schlecht. Warum habe ich mir diese Tortur dennoch angetan, wie alle meine Freunde auch? Weil wir demonstrieren wollten, dass wir keine Muttersöhnchen sind. Ich habe mir das Paffen dann schnell wieder abgewöhnt, weil ich einer ziemlich pietistischen Pfadfinderschaft beigetreten bin. Meine Eltern hatten mir die Pfadfinderschaft verboten. Weil ich bereits auf die Bibel geschworen hatte, blieb ich trotzdem. Die Pfadfinderschaft war wegen des Verbots Beweis genug, dass ich kein Muttersöhnchen war. Man muss sich also selbst fragen: Welche Funktion hat die gesundheitsschädliche Angewohnheit und welche andere Handlung könnte diese Funktion der schlechten Angewohnheit genauso erfüllen? Selbstbeherrschung alleine reicht nicht weit, Selbstüberlistung schon eher.

Das Interview führten Corinna Bertz und Carsten Heckmann.

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