Der „erste Kantianer auf einem halleschen Lehrstuhl“

In der halleschen Universitäts- und Landesbibliothek lag fast 80 Jahre eine Handschrift: Sie enthielt die Lebensgeschichte Ludwig Heinrich v. Jakobs (1759–1827), Professor der Philosophie und späterer Staatsrechtler sowie mehrmaliger Prorektor der Universität Halle am Beginn des 19. Jahrhunderts. Ein Manuskript, das dieser zwischen 1812 und 1820 für seine Familie verfasst hatte und das lange in deren Besitz geblieben war. Von Hans-Joachim Kertscher ist es nun in Zusammenarbeit mit Michael Mehlow für den Druck aufbereitet und erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden.

Ludwig Heinrich v. Jakob, Denkwürdigkeiten aus meinem Leben Neue Reihe: Perspektiven der Aufklärung, Band 2, Herausgegeben von Hans-Joachim Kertscher in Zusammenarbeit mit Michael Mehlow.

Die Arbeit hat sich gelohnt, denn diese Lebensgeschichte eines Mannes, den Kertscher als den „ersten Kantianer auf einem halleschen Lehrstuhl“ einführt, ist viel mehr als eine Gelehrtenbiografie, über die sich die Fachwelt freut. Sie ist eine kulturgeschichtliche Fundgrube, die dem Interessierten sowohl Einblicke in die hallesche Universitätsgeschichte, Eindrücke von der napoleonischen Besatzung im Oktober 1806 als auch Beobachtungen über das Leben an einer russischen Universität um 1810, schließlich Aufschlüsse über die zaristische Ministerialbürokratie in St. Petersburg liefert.

Man liest mit wachsendem Interesse die Geschichte eines geistig-intellektuellen wie sozialen Aufstiegs, der stets nüchtern und rational, aber mit Genugtuung erzählt wird. Jakob stammt nicht aus einer Gelehrtenfamilie, sondern ist als Sohn eines Handwerkers in Wettin geboren. Von Anfang an betreibt er seine schulische und dann universitäre Ausbildung mit großem Ernst und fühlt sich schon früh mit einem enormen Arbeitspensum am wohlsten.

Mit noch nicht 30 Jahren wird er in Halle zum außerordentlichen, wenig später zum ordentlichen Professor der Philosophie ernannt. Aber die Philosophie ist gar nicht seine Leidenschaft, sondern zunehmend die Ökonomie und das Staatsrecht, die Verwaltung. Jacob war ein Mann, den ökonomische Fragen brennend interessiert haben, übrigens im privaten Leben ebenso wie in seinem beruflichen Wirken. Kertscher spricht im Nachwort von der „fast schon innig zu nennenden Beziehung zum Geld“.

Als er 1801 Prorektor wird, reformiert er die wegen ihrer unbotmäßigen Studenten in schlechtem Ruf stehende hallesche Universität. Nach ihrer Schließung 1806 durch Napoleon geht er als Professor der politischen Ökonomie und der Staatskunst mit seiner Familie nach Charkow, erregt ob seiner Leistung Aufmerksamkeit und wird nach St. Petersburg zur Mitwirkung an einer Finanzreform gerufen. Sie allerdings wird nicht zu dem Ende geführt, das er sich mit seinen Vorschlägen vorgestellt hatte. Ernüchtert verlässt er 1816 Russland wieder und kehrt, nicht ohne vorher noch den russischen Erbadel verliehen bekommen zu haben, nach Halle zurück.

Das Nachwort von Hans-Joachim Kertscher, Anmerkungen und ein Register befördern eine vertiefende Lektüre und werden den Band für künftige historische Forschungen unverzichtbar machen.

Text: Heidi Ritter

 

Ludwig Heinrich v. Jakob, Denkwürdigkeiten aus meinem Leben. Neue Reihe: Perspektiven der Aufklärung, Band 2, Herausgegeben von Hans-Joachim Kertscher in Zusammenarbeit mit Michael Mehlow, 29,80 Euro, ISBN: 978-3-86977-032-1

 

 

Kommentar schreiben

Ihr Kommentar wird schnellstmöglich durch unser Team freigeschaltet.

Kommentar