Schwermütig, aber nicht schwerfällig: Schuberts Winterreise in der Aula

Bereits zum zweiten Mal war in der Reihe aula konzerte halle das renommierte Künstlerduo Michael Nagy (Bariton) und Juliane Ruf (Klavier) zu erleben. Am 17. November stand der Liederzyklus Winterreise (D 911) von Franz Schubert (1797–1828) auf dem Programm. Die Künstler boten ein facettenreiches Konzert mit einigen wenigen Schwächen.

Zum zweiten Mal in der Uni-Aula: Juliane Ruf und Michael Nagy. (Foto: Maike Glöckner)

Zum zweiten Mal in der Uni-Aula: Juliane Ruf und Michael Nagy. (Foto: Maike Glöckner)

Der Zyklus besteht aus 24 Liedern für eine Singstimme mit Begleitung des Klaviers auf Gedichte von Wilhelm Müller (1794–1827). Schubert vollendete diesen Zyklus ein Jahr vor seinem Tod im Jahr 1827. Ungewiss ist, ob Müller von den Vertonungen wusste oder sie zu hören bekam.

Melancholie, Schmerz, unerfüllte Liebe, Kälte, Dunkelheit und Trauer sind Themen dieser Winterreise: Ein junger Mann verlässt seine Geliebte des Nachts, um einen Weg ohne bestimmte Richtung anzutreten. Sein Ziel ist unbekannt. Dabei muss er sich den quälenden Gedanken an Vergangenes gegenübergestellt sehen, er sucht Trost in der Einsamkeit und dem Vergessen. Der Weg führt durch einen Wald, wo ihn Krähen wie Schatten verfolgen und das fahle Mondlicht sein einziger Gefährte zu sein scheint. Irrlichter gaukeln auf seinem Weg am Fluss entlang. Ruhe findet der Wanderer vorerst in der Hütte eines Köhlers und träumt vom vergangenen Frühling und der angenehmen Zeit, die er mit der Geliebten verbringen konnte.

Da er sich einsam fühlt und keine Nachricht von seinem Mädchen erhält, beschließt der junge Mann, Zuflucht und Trost bei den Menschen zu suchen, jedoch ohne diese zu finden. So knurren ihn die Hunde eines nahe gelegenen Dorfes von weitem an, niemand scheint ihn zu erwarten oder willkommen zu heißen. Müde und entkräftet, scheint ihm der nahe gelegene Friedhof ein willkommenes Ruhelager zu sein, doch der Wille zum Leben lässt ihn davor grausen und sein Weg führt weiter. Er fasst neuen Mut und zieht weiter aus dem Dorf heraus. Da entdeckt er einen alten, armen, einsamen Leierspieler, dem er sich sonderbar verbunden fühlt: niemand beachtet ihn oder hält eine Zuwendung bereit. Der Wanderer fragt den Spieler, ob sie den Weg gemeinsam gehen wollen.

Michael Nagy verfügt über eine breite stimmliche Gestaltungspalette, mit der er es versteht, den jeweiligen Liedern ein individuelles Gepräge zu verleihen. So lässt er vor allem in den langsamen, träumerisch-nachdenklichen Abschnitten (hier vor allem im zweiten Teil des Zyklus mit Rast, Frühlingstraum, Der greise Kopf, Die Krähe, Der stürmische Morgen) satte, volle, warme Töne aus leichtem Atem strömen. Die Stimme ist dunkel gefärbt, mal strahlend klar, nicht unter Druck gebildet und klingt dabei sehr „deutsch“. Die Vokalbildung ist deutlich und erstaunlich vielseitig.

In den hohen Lagen, wie z. B. in Das Irrlicht, fehlte dann doch etwas die gestützte Körperkraft für diese und vergleichbare melodische Bögen. Auch war der dynamische Einsatz einiger Passagen, vor allem in den ersten Liedern, schlichtweg zu laut, was aber auch an den akustischen Gegebenheiten des Saals liegen könnte. Spannend war es auch zu verfolgen, wie Nagy es verstand, mit Mitteln der Mimik die Lieder zu beleben: blitzende Wut und Zorn in den Augen, sichtbare Enttäuschung und erstarrte Züge, sehnende Blicke bei der Erinnerung an das ferne Vergangene ließen seiner individuellen Sicht auf das Werk Schuberts den jeweils geeigneten Ausdruck formulieren.

Juliane Ruf spielte die tristen Stimmungsbilder voller Hingabe, klar und facettenreich. Als Begleiterin verstand sie es, die jeweiligen Stationen dieser Winterreise abwechslungsreich zu untermalen. Die Tempi waren den Stücken angemessen gewählt und ausgeführt. Großer Wert wurde ebenso auf Zusammenklang und Wohlklang der beiden Musiker vor allem in den Unisoni gelegt. Die solistischen Momente des Klaviersparts spielte sie von lyrisch leicht, empfindsam bis heftig hastend, unruhig und trug damit Wesentliches zu diesem ernst-schwermütigen, doch keinesfalls schwerfälligen und vom Publikum begeistert-beifällig aufgenommenen Konzertabend bei.

Rezension: Tony Kliche

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